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18.09.2014

Das Glück der größtmöglichen Zahl oder der ganzen Welt?

Das Buch hat einen sehr leserfreundlichen Wechsel von jeweils einem Essay, daneben konkrete Beispiele, in denen, das was das Kapitel sagen will, exemplifiziert wird. Hier im ersten Kapitel wird ein erster schräger Vogel vorgestellt, der sich seit 18 Jahren bargeldlos durchs Leben schlägt. Der Vogel ist eine Frau, Heidemarie Schwermer. 1978 hatte sie ihren Beamtenstaus gekündigt, wurde Psychotherapeutin und Motopädin. 1994 gründete sie in Dortmund die „bargeldlose Zone“, gründete den „Gib-und-Nimm-Tauschring, Haareschneiden gegen Kuchenbacken, Haushaltshilfe gegen Wintermantel. Gib und Nimm wurde ihr Lebenswerk. Überall in Deutschland bildeten sich solche Tauschringe. Und sie wurde glücklich, je weniger sie besaß. Denn 1996 kündigte sie ihre Wohnung, verkaufte ihre Möbel. 2013 hat sie sich in eine Klinik begeben, um sich den Krebs wegmachen zu lassen. Es gelang: Selbst- und Mitbestimmung machen glücklich, so belegen die Autorinnen. Von Rupert Neudeck

Das ist ein unglaublich fleißiges Autorenpaar, das über alle Entwicklungen, die es verborgen und offenbar in unserer Gesellschaft gibt, unaufgeregt, zuverlässig und immer mit Verweisen auf andere Stellen, informiert. Seinen Höhepunkt erreicht das Buch in dem Kapitel „Elektr(on)ische Revolution – durch digitales Teilen entsteht mehr und Besseres.“ Bei weitem nicht alle, die sich von unten als Netzwerk organisieren, seien ‚gut‘ oder auch nur progressiv. Denn auch das Terrornetzwerk Al Qaida funktioniert so. Dass heute mehr Menschen als je in der Menschheitsgeschichte an der Öffentlichkeit teilhaben können, sei eine Chance für Unterdrückte.

Aber sie ermöglicht eben auch Spam-Mails oder kriminelle Machenschaften, von denen wir ja andauernd hören, wie den Vertrieb von Kinderpornographie über ein nur wenigen zugängliches Darknet. „Das Internetz stärkt alles gleichzeitig: Informationenaustausch und Informationsmüll, die Vorort-Vernetzung von Bürgerinnen und den Hochfrequenzhandel an der Börse.“ Das Internet in seiner heutigen Form kann auch die Privatsphäre aller bedrohen und die toten Winkel verkleinern, in denen Menschen unbeobachtet von Maschinen ihren Inspirationen und Verrücktheiten nachgehen können.

Gibt es grünes Internet, fragen die Autoren?? Ja, sagen sie, wer selbst dazu beitragen will, sollte möglichst selten neue Geräte kaufen. Der Grund, ganz einfach: die Energieersparnis neuer Geräte kann den Energieaufwand bei ihrer Herstellung nie ausgleichen. Anders sähe das bei Servern, Modems und Routern aus, die rund um die Uhr laufen. Das Buch ist eine Fundgrube, weil es nichts auslässt, was uns Moderne, die wir gern ein besseres und glücklicheres Leben führen wollen, bewegt. Das Eingangskapitel bietet die Ergebnisse der internationalen Glücksforschung: „Wie geht’s Dir, Menschheit?“ fragen die Autorinnen. Und beginnen mit einer der schönsten Geschichten, die Heinrich Böll je erzählt hat mit seiner Kurzgeschichte: „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“.

Die Geschichte ist schnell erzählt, aber symptomatisch für alles, was das Buch in seinen weit ausholenden zehn Kapiteln sagen will. Da kommt ein Unternehmensberater zu einem Fischer, der einen guten fang gemacht hat und sagt ihm, wenn sie täglich viermal diesen Fang machen, dann werden Sie in einem Jahr einen Motor, in zwei Jahren ein zweites Boot, in vier Jahren einen kleinen Kutter kaufen können.“ Der Berater lässt sich nicht bremsen: Sie können dann ein kleines Kühlhaus, eine Räucherei, eine Marinadenfabrik aufmachen, mit einem Hubschrauber herumfliegen, die Fischschwärme ausmachen. „Sie könnten ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren“. Daraufhin stellt der Fischer die gute Frage: „Und dann?“. Dann könne er im Hafen sitzen, „in der Sonne dösen und das herrliche Meer betrachten“. Darauf der Fischer: Aber das mache er doch schon!?

Ein Kapitel schaut in den gähnenden „Maschinenraum des Kapitalismus“ und sieht: „Die Wachstumsspirale dreht sich immer schneller“.  Auch da gibt es die Beispiele, wie am Kapitalismus vorbei man eben doch Glück für sich erringen kann. Zum Beispiel durch Erhalt der Natur. Um das zu verhindern, was der verstorbene Physiker Hans Peter Dürr sagte: „Es wird in Schweißgeräte investiert, um einen Naturtresor nach dem anderen aufzubrechen“. Wert habe im Kapitalismus vor allem Totes und Unbelebtes. Geld, Technik, Autos, Computer. Die Autorinnen: „Der ursprüngliche Zweck allen Wirtschaftens kommt unter die Räder des Fortschritts: Bedarfsbefriedigung und Menschenglück. Ganz aktuell für unsere Tage: Der Klimawandel sei der Gorilla im Zimmer, den wir alle ignorieren. Verdrängung sei angesagt. „Als erste Generation arbeiten wir faktisch daran, dass es unseren Kindern und Enkeln schlechter geht als uns“.

Analog zu den posttraumatischen werden wir schwere postfossile Belastungsstörungen erleben. Nur wenn wir uns rechtzeitig darauf einstellen, wird der Übergang uns befreien „von einer schweren Sucht und einer natur- und menschenfeindlichen Produktionsweise“.

Dann schlagen die Autorinnen den Weg vom Menschen, der allein von den Parametern der Wirtschaft zu dem Menschen, der von den Bedürfnissen einer organischen Gemeinschaft bestimmt ist: vom Homo oeconomicus zu m Homo cooperativus. Da wird es an manchen Stellen etwas dünn, denn da geht es auch ins Philosophische und Anthropologische. Zu sagen dass noch niemand ein Grundsatzwerk über die grundlegende Form des menschlichen Austausches, den Blick, das An-Sehen, geschrieben habe, ist  falsch. Lange große Teile der eindringlichen Phänomenologie von Jean-Paul Sartre in „Das Sein und das Nichts“ sind genau diesem Blick, dem An-Blicken und dem Angeblickt werden und seiner Bedeutung für die individuelle und die gesellschaftliche Existenz gewidmet.

Das nächste Kapitel behandelt eine Behauptung: „Egalitäre Gesellschaften sind glücklicher“. Das Kapitel leistet sich das schöne Wortspiel: Die „Unfairteilung“ von Geld, Arbeit und Status. Dann geht es zum Höhepunkt, der solidaritäts-Ökonomie: „Gutes Leben ins selbstbestimmten Zusammenhängen“. Auch geht es in einem eigenen Kapitel um Patentfreie Produktion mit dem Utopie-.Ziel: „Alles sollen sie sich mitnehmen, was sie brauchen“.

Das Buch berücksichtigt stark die sog. Glücksforschung, traut nicht genug dem eigenen Empfinden, das uns alle verbindet. Z.B. heißt es ziemlich am Ende: Die Einwohner  der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie seien viel zufriedener als andere – und  dann kommt der überflüssige Zusatz: „sagt die Glücksforschung“. Dazu, liebe Autorinnen, um Ihnen das zu glauben, brauche ich keine Glücksforschung. Was sollte das auch sein? „Das eigene Lebensmodell selbst wählen, die eigenen Lebensumstände kontrollieren zu können, macht glücklich“. Das halte ich für richtig, auch wenn es mir keine Forschung und Umfrageergebnisse sagen würden. Im letzten Kapitel, überschrieben: „Erneuerbare Energien fördern dezentrale Selbstorganisation“, geht es dann auch um die alles entscheidende Revolution im Sonnenkontinent Afrika.

Länder, die bisher weder Kraftwerke noch Stromtrassen besitzen, hätten jetzt die Chance einer Energiebelieferung. Schon jetzt, schreiben die Autorinnen, würden Solarpanele in Afrika für Operationsmöglichkeiten in Krankenstationen und für öffentliche Internetzugänge in Gemeindezentren sorgen. Solarkraft sei eine Chance für ganz Afrika. Durchs eine Lage am Äquator scheint über dem Kontinent häufiger die Sonne als anderswo auf der Welt.“, das sagt uns das Energieministerium in Kamerun. Das weiß auch jeder Tourist, der mal in Südafrika, Namibia oder am Strand von Mombasa gelegen hat.

Die Energiewende schaffe zusätzlich Hunderttausende neue sinnvolle Jobs. Wie schnell das alles gehen kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Ein Unternehmer aus der Solarbranche hält den Ausstieg aus den Nuklearfossilen für 2020 für möglich. Sein Masterplan sehe vor, dass so viel Energie wie möglich lokal und dezentral erzeugt werden solle – ohne Offshore-Windparks, gigantische Solarkraftwerke in der Wüste und Stromtrassen durch die Republik. Darin stimmen wir wohl alle überein, das faszinierende an der Energiewende liegt darin, dass sie nicht gigantisch über uns ausgegossen, sondern sich in Gemeinden wie bei der Frau Sladek in Schönau und vielen anderen verwirklichen können.

Das Buch schließt mit einem ganzen gut formulierten Liste und Katalog von Zielen. Am schönsten finde ich das Ziel Fehlerfreundliche Techniken bevorzugen. Da heißt es: Großtechniken des Industriezeitaltes wie Atomkraftwerke haben eine große Eingriffstiefe in die Natur. Sie seien mit unbeherrschbaren Gefahren verbunden, die viel Leid bei Mensch und Natur verursachen können. Dagegen setze eine Glückswirtschaft auf kleinteilige, fehlertolerante Techniken. Und dann kommt der schöne freudige Satz: „Hier dar und soll auch mal was schiefgehen“.  Davon können alle lernen und schlimmstenfalls habe das nur lokale Folgen.

Das Internet hat eine Rolle, die man vor einer Generation noch nicht träumen konnte. „Wie das Internet lokales Tauschen, Teilen und gemeinsamen Nutzen ermöglicht“. Forschung und Bildung befreien, heißt ein Kapitel, das mit zu den eindringlichsten gehörte. Es geht natürlich in unserer Welt auch um den Bedeutungswandel in der Modulation von Geld. Wer zahlt noch in Geldscheinen? „Schwarmgeld – Kleingeld schafft große Geldhaufen“. Es ist ein im besten Sinne gutes Arbeitsbuch geworden, das man benutzen kann zum Nachschlagen.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014