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18.09.2014

Unbekannter Planet

Die Vielfalt der Tierwelt auf dem Planeten Erde ist viel größer als die meisten wissen. Diese Vielfalt ist aber stark gefährdet. Die Gefährdung muss enden, wie ein neues Buch fordert. Eine Rezension von Professor Udo E. Simonis.

Dies ist ein Buch der besonderen Art. Es geht nicht um Tiger und Elefanten, um Haie oder Adler, auch nicht um Schnecken oder Frösche – es geht um die andere, die zahl- und artenreiche aber eher unbekannte Tierwelt. Wenn selbst die uns geläufigen Tiere nur einen Bruchteil der wissenschaftlich registrierten 1,5 Millionen Tierarten ausmachen, um wieviel vielfältiger ist dann das Tierreich, wenn es schätzungsweise zwischen 10 und 200 Millionen Arten von Tieren gibt?

Bei der Erforschung der Vielfalt des tierischen Lebens konnten die Wissenschaftler (nach Carl von Linnè) anhand der Gene, Morphologien und Lebensweisen die Abstammungslinien festlegen, deren Vertreter sich jeweils einen definierenden Körperbauplan und die Evolutionsgeschichte teilen. In diesem Buch werden die 35 großen Tierstämme in jeweils gleich aufgebauten Kapiteln vorgestellt – nach Form und Aufbau, Lebensweise, Entstehung und Verwandtschaft.

Von einigen dieser Stämme sind nur ganz wenige Spezies bekannt: Plattentiere 8, Hufeisenwürmer ca. 10, Korsetttierchen ca. 30; von anderen Stämmen dagegen große Mengen: Ringelwürmer ca. 18 950, Weichtiere ca. 117 350, Gliederfüßer ca. 1,2 Millionen. Viele Tiere sind so klein, dass man sie mit bloßem Auge nicht sehen, sondern nur unter dem Mikroskop entdecken kann. Bärtierchen zum Beispiel sind wunderschön aber nur 0,08 mm groß, während andere Tiere weniger schön aber sehr groß sind: Fadenwürmer zum Beispiel bis zu 9 m.

Mit 540 teils fantastischen, in der Regel mit REM-Technik erstellten Farbbildern führt uns der Autor die bizarre Schönheit dieser Lebewesen vor, beschreibt in verständlichen Worten (ein Lob an die Übersetzerinnen) ihre Physiognomie, ihre Lebensweisen und Überlebenstechniken und macht deutlich, was man bisher über die evolutionären Beziehungen zwischen diesen Arten weiß. Er bedankt sich bei zahlreichen Kollegen, die ihm bei der Sammlung dieser Bilder geholfen haben.

(Der Rezensent möchte dem Autor und dem Verlag besonders für das Titelblatt danken, das die filigrane Schönheit des Ringelwurms zeigt. Andere spektakuläre Bilder sind für ihn die Qualle mit dem Flohkrebs als ‚Reisegast‘ (S. 65), der Schlangenstern (S. 106), das Bärtierchen im Zustand der Kryptobiose (S. 138) und die Gebänderte Kreiselschnecke (S. 243)).

Es ist dies kein trockenes, kühles Buch eines an sich fleißigen Zoologen. Ross Piper hat auch eine Botschaft. Er konzentriert sich auf die oft unbemerkten positiven Wechselwirkungen, die die Natur im Gleichgewicht halten und fordert zugleich die Menschen in ihrer privilegierten Position zu diesen Wechselwirkungen heraus: Mit jedem Jahr, das verstreicht, sterben durch menschliche Aktivitäten unzählige andere Spezies aus – einzigartige Geschöpfe mit einer langen und teils komplizierten Entstehungsgeschichte. Jede Tierart, so sagt Piper, hat aber ein Recht auf Leben. Und mehr noch: Jede einzelne Tierart ist ein integraler Bestandteil des Ökosystems Erde. Nicht nur wegen der Schönheit der porträtierten Tiere, auch aus ökosystemaren Gründen haben wir die Pflicht, den Artenreichtum der Tierwelt zu schützen und zu bewahren.

Jeder, der dieses Buch zur Hand nimmt, wird nicht anders können, als dem Autor darin zuzustimmen. Und jeder, der es wieder aus der Hand legt, wird eine neue, stärkere emotionale Bindung an die Tierwelt aufgebaut haben und auch die Größe dieser Aufgabe besser verstehen. Dann hat er aber zugleich auch den Titel des Buches instinktiv umgedreht: Aus dem unbekannten ist ein bekannterer Planet geworden.

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Quelle   Udo E. Simonis ist Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Redakteur des Jahrbuch Ökologie | 2014