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02.10.2014

Ein Reporter und Lehrer des Journalismus

Wir haben den Scholl-Latour nur noch zwischen den Buchdeckeln. Erst jetzt wird uns klar, was wir an ihm verloren haben. Helmut Schmidt hat dem neuen Buch des am 16. August diesen Jahres verstorbenen Journalisten seine Rede zum 90. Geburtstag nachgestellt. Helmut Schmidt bekennt, dass er vom „umfassenden Verständnis der arabischen und der orientalischen Welt profitiert“ habe. Schon Helmut Schmidt macht deutlich, dass Scholl-Latour gewarnt hat vor zu viel schnellen und übertriebenen Hoffnungen und dem „Jubeltaumel über den Arabischen Frühling“. „Vorausschauend hat er die Erwartung einer raschen Demokratisierung nach westlichem Vorbild als naive Utopie entlarvt“. Von Rupert Neudeck. 

Vielleicht ist das die Schiene, auf der sich die beiden begegnet sind: Beide bezweifeln, dass wir Europäer den anderen Kontinenten und Kulturen unsere Auffassung von Rechten und Staaten, Menschenrechten und Staatsverfassungen oktroyieren dürfen.

Das Buch wirkt wie für unsere Tage geschrieben. Scholl-Latour hat noch die Zeit als wacher Zeuge und Merker miterlebt. Er beginnt mit einer Erklärung eines Landes, das er nicht so gut kennt wie Afrika, Vietnam und den Orient. Letzterer wird ja auch im Titel genannt als die Region, in der der Westen gescheitert sei. Schon Lew Kopelew hat mit dem Kopf geschüttelt, als Scholl-Latour nach Südostasien, Vietnam, China, ganz Afrika nun meinte, auch der Erklärer des Weges des neuen Rußland nach dem Fall der Mauer zu werden. Jetzt zitiert er, wie er schreibt – „mit äußerster Vorsicht den amerikanischen Historiker Timothy Snyder und dessen französischen Kollegen Christian Ingrao.“ Aber das sind nun wirkliche Experten, die uns ähnlich viel zu sagen haben als Scholl-Latour.

Er hat einen Blick auf kleine Symbole. Die deutsche Kanzlerin habe auf ihrem Schreibtisch ein Porträt der Zarin Katharina der Großen aufgestellt. Dann werde es ja doch Wladimir Putin erlaubt sein, sein Büro mit dem Bild  Peters des Großen zu schmücken. Aber da wird Scholl-Latour ungerecht, wenn er die „Zarin aus der Uckermark“ damit abqualifizieren will, dass sie bei ihren Auslandsauftritten ihren „unterentwickelten“ Gastgebern Mängel an Demokratie und Meinungsfreiheit vorwerfen zu müssen glaubt. Das nun kann man der Merkel überhaupt nicht nachsagen, im Gegenteil, wenn es überhaupt jemand ist, der zu Wladimir Putin einen lebendigen und produktiven Gesprächskontakt hält, dann ist es die deutsche Kanzlerin mehr als jeder andere.

Was man nicht versteht: Wie weit diese geopolitische Sicht der Dinge sich nicht auch mal rächen kann. Immerhin sind die arabischen Revolten deshalb ausgebrochen, weil die jeweilige Hälfte der Bevölkerungen durch Internet und Handys eben so weit informiert ist, dass sie sich nicht mehr bedingungslos lenken lässt. Mein kritischer Hinweis (den ich so gern mit Scholl-Latour noch diskutieren würde!) bezieht sich auf die chinesische Jugend. Zu recht wohl meint der Autor, die roten Mandarine von Peking würden sich durch die „ewigen Hinweise des Westens auf die Tragödie am Platz des Himmlischen Friedens“ kein schlechtes Gewissen mehr einreden. Und er fährt fort: „Die chinesische Jugend hat diese Wirren inzwischen ebenso verdrängt wie die Gräuel der maoistischen Kulturrevolution“. Wie sagte Napoleons Mutter zu ihrem Sohn in geschichtsträchtiger Situation: „Pouvu que ca dure“, zu deutsch: Wenn das mal anhält….

Ansonsten brilliert das Buch mit realistischen und immer auch durch Rückgriff in die geschichtliche Vergangenheit beglaubigten Erkenntnissen. Es ist schon erstaunlich zu erleben, was alles dieser Autor im Laufe seines unendlich fleißigen Reporterlebens an Erfahrung gesammelt hat. Er ist auch auf seine Weise ein Gaullist geblieben, der die Eigenkraft und Eigenstärke Europas immer heftiger gegenüber den USA betont hat als alle seine Nachfolger. Die amerikanische Führungsmacht sieht er unter George W. Bush wie Barak Obama in törichter Verblendung. Man zwinge Rußland geradezu eine enge Allianz mit China anzustreben, um sich den Gefahren eines Zweifrontenkrieges zu entziehen. „Wer dächte da nicht an das Nichtangriffsabkommen, das Stalin mit  Tokyo 1941 vereinbarte, was Moskau erlaubte, seine sibirischen Divisionen an die westliche Front zur Rettung von Stalingrad und Moskau zu werfen. „Den Japanern wurde damit der Rücken freigemacht für ihren Angriff auf Pearl Harbour und die Eroberung von Südostasien.

Darin liegt der Wert der Expertise von Scholl-Latour. Er ist kein Sklave des medialen Aktualitätsterrorismus, der in diesem Jahr schon kaum noch weiß, was im letzten sich abgespielt hat. Es gilt nur die kräftige Sensation des heutigen Tages.

Den Unfug der Stationierung von Patriot-Raketen in Karamanmaras in der Türkei beschreibt er so milde, dass es fast wohlwollend erscheint. Immerhin hatte das Einsatzkommando in Potsdam ihm diesen Besuch ermöglicht. Er hoffte, an der türkisch-syrischen Grenze einen Einblick in die Konfrontation zu gewinnen, „die die Gegend zwischen Aleppo und Deraa inzwischen in ein grauenhaftes Blutbad getaucht“ hatte. Unsinnig war diese Stationierung, weil das Übergewicht der türkischen Armee so enorm ist, dass sie in kürzester Zeit mit ihren Divisionen bis zur Hauptstadt Damaskus vorrücken könnte.

Er besteht darauf, dass nicht Wladimir Putin, sondern der chinesische Staatschef Xi Jinping der wirkliche Herausforderer der USA werden wird. Er erinnert sich der Gelegenheit, den Chinesen im März 2014 in Berlin aus nächster Nähe zu beobachten. Er hatte sich zu einem Dialog bereit erklärt mit Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt, den die Körber Stiftung organisiert hatte… Der obligatorischen, aber auf keine Antwort wartenden immerwährenden Frage  nach den Menschenrechten und der Demokratie in China begegnete der Chinese mit „souveränem Lächeln“ und dem Eingeständnis, man sei sich in Peking der existierenden Mängel sehr wohl bewusst. Aus dem Gesicht der Gattin des Chinesen sprach „tiefe Verachtung für die anmaßenden Barbaren, die dem Sohn des Himmels Lektionen erteilen wollten“.

Was Scholl-Latour zugute kommt, ist ein Gespür für den Wert und die weiter anhaltende Bedeutung von Religion. Auch da war er dem westlichen Vorurteil weit voraus, das immer schon vom Untergang und dem Anachronismus all dessen überzeugt war. „Gottes ist der Orient! Gottes ist der Okzident“, den wunderbaren Satz aus Goethes West-östlichem Divan weiß der gebildete Europäer ins Arabische zu übersetzen. Heute sei dieser Satz in sein „diabolisches Gegenteil verzerrt“ worden.  Das hehre Bekenntnis Mohammeds, „das unzählige Male die Barmherzigkeit und das Wohlwollen Allahs auf seine Gläubigen niederruft“ sei in sein Gegenteil verklärt.

Gleichzeitig überkommt ihn Rührung, wenn er in einem Klostergarten im alten Antiochien die Nonne Barbara erlebt, die den alten liturgischen Gesang des römischen Ritus anstimmt: „Laudate Dominum omnes gentes“.

Was dieses Buch wie schon die vorhergehenden so wichtig macht, ist der ständige Rekurs auf die Zeitgeschichte und auch damit auf die eigene Lebensgeschichte des leider jetzt verstorbenen Scholl-Latour. Ob er sich in der Türkei, an der türkisch-syrischen Grenze, in Anatolien, in Persien, wo auch immer befindet, er war an all diesen Orten schon, als wir noch kaum geboren waren. Manche seiner Analysen lesen sich wie Prophetien, so genau spürte Peter Scholl-Latour die Wandlungen des Zeitgeistes und der globalisierten Weltverhältnisse. Wer wird nicht diese Zeilen wie die Ankündigung der Eroberung des Nordirak durch die IS-Horden lesen? „Diesen unberechenbaren Elementen …ist das Schlimmste zuzutrauen, seit sie dazu übergegangen sind, sogar die prowestlichen Kombattanten der Freien Syrischen Armee als Abtrünnige vom wahren Glauben zu befehden. Daneben entfaltet sich der Abschaum einer plündernden und mordenden Mafia-Kriminalität“. Immer wieder kehrt er zurück zu seinem ersten Besuch in der Türkei 1951.

Immer wieder beklagt er die Unfähigkeit der westlichen Nachrichtendienste, deren Fehldeutungen mittlerweile Legion sind. Die „Psychologie des Orients sei ihnen total fremd, und ihre lokalen Informanten, die ihnen stets nach dem Munde redeten, gehörten überwiegend zu der Kategorie, die die Franzosen im Algerienkrieg ‚les beni-qui-qui‘ (also die Ja-Ja-Sager) nannten“. Er hat - das ist ein weiteres überraschendes Ergebnis der Lektüre - bis ganz zum Schluss sich immer wieder in die Höhle der Löwen begeben, z.B. an einen Platz jenseits der türkischen Grenze in dem Vilayat Idlib, wo ihm ein Kommandeur Suliman nicht den Eindruck machte, die Freie Syrische Armee sei professionell gut aufgestellt, um mit dem Herrscher in Damaskus es aufzunehmen.

Auch Scholl-Latour wusste um die Machenschaften der Wahabiten, auch und gerade in Syrien, auch und gerade mit der Miliz der ISIS, die sich unter dem Einmarsch der USA 2003 gründete, aber jetzt ein Schreckensregime errichtete. Er hatte mit dieser falschen Politik nichts gemein. Mit Abscheu vermeldet er den Auftritt des früheren französischen Außenministers Alain Juppe mit seinen saudischen Kollegen Saud Ben Feisal,  mit diesem Vertreter der reaktionärsten Theokratie die Syrer zu Einhaltung von Menschenrechten aufzurufen.

In Reyhanli hält sich Scholl kurz nach dem bösen Attentat am 11. Mai 2013 auf, der Grenze und Drehscheibe zwischen Syrien und der Türkei. Sein Bild von Erdogan ist viel positiver als bei uns sonst wahrgenommen, denn immerhin hat er das Erbe des Atatürk nicht beseitigt und ist zu weiteren Mammutprojekten vorgestoßen, mit denen er die Bevölkerungsmehrheit gewonnen hat. Es gelingt Scholl immer wieder auch diese ganz großen Politik-Vertreter zu treffen wie Erdogan. Kurz nach dem Attentat, das 47 Menschenleben forderte, flog Erdogan auf den schwerstbewachten Platz ein und war trotz allem sehr tolerant. Alle Menschen seines Landes rief er in einer öffentlichen Rede – seien sie Sunniten oder Schiiten, Türken oder Kurden, Aleviten oder Christen - seien „Kinder Gottes“. Die Leibwächter waren erleichtert, als der Regierungschef die Limousine bestieg, es war nichts passiert.

Ob irgendein Bundeswehrsoldat ahnt, der nach Karamanmaras geschickt wird, in welch geschichtsträchtigem Gelände er sich bewegt? Kaum. Scholl liest noch mal die Berichte und Briefe des Militärberaters Helmuth von Moltke, der im Juni 1839 dem osmanischen Kommandeur Hafiz Pascha zugeteilt wurden, dessen Auftrag es war, den Ägyptern des Albaners Mehmet Ali den Zugang nach Anatolien zu verwehren.

Neben der „Urkatastrophe“ des 20 Jahrhunderts (so nannte Gerorg Kennan den Ersten Weltkrieg)  gibt es den „Urknall“ unter dem PM Mossadegk, der 1951 die Anglo Iranian verstaatlicht. Das war und ist bis heute der „Urknall“, bis heute nicht richtig vom Westen eingeordnet und verarbeitet. Das Buch macht uns schmerzlich bewusst, dass wir einen solchen Scholl-Latour nicht mehr haben, der sogar einem Helmut Schmidt zu imponieren wusste. Alles in diesem Buch ist ein posthumes Plädoyer, den Iran einzubinden und nicht außen vor zu lassen. Auch Israel täte gut daran, mit dem Iran Beziehungen zu haben.

Scholl-Latour berichtet als sein Vermächtnis von der Vernunft des großen Khomeiny, er habe ihn damals gefragt, welches Schicksal die Juden erwarte, die sich in Palästina niedergelassen hätten. Da habe er, „um seine Toleranz zu beweisen, eine Legende aus dem Leben des Imam Ali erzählt. Vor 1300 Jahren wurde Ali in einen Streitfall mit einem Juden verwickelt. Es ging um den Besitz eines Sattels. Als die Streitenden vor den Richter traten, habe der Quadi sich vor Ali, dem Schwiegersohn des Propheten verneigt, den Juden habe er nicht beachtet. Dagegen wandte Ali ein: “Du schuldest diesem Juden dieselbe Höflichkeit wie mir, denn das Gesetz gilt für beide“. Hierin sehe er, Khomeiny, ein Hohes Beispiel für die Toleranz, die der Islam auch den Juden im Heiligen Land entgegenbringen werde. Nicht bekannt sei auch in Deutschland, dass ausgerechnet im Iran eine blühende und gut aufgestellte jüdische Minderheit lebe. Das wäre nicht ausreichend, sagt uns der realistische Scholl, die Israelis zu beschwichtigen. Aber selbst wenn der Iran die eigene Atombombe haben sollte, wäre sie in besseren Händen als im vor dem Zerfall befindlichen Pakistan. Die Mullahs würden sich hüten, „mit Nuklearschlägen gegen den Judenstaat vorzugehen“.

Man kann das Buch nicht resümieren, es besteht aus manchmal literarisch geschriebenen Impressionen eines Publizisten, der in seinen besten Reportagen an die Erzählungen des nordafrikanischen Schriftstellers Albert Camus heranreicht. Besonders im Kapitel über die Türkei, das Anatolien, das er mit Offizieren des türkischen Generalstabs bereisen darf, bestimmen seine Zuneigung zu der dörflich traditionellen und immer gastfreundlichen kurdischen oder türkischen Bevölkerung seine Reportagen. Manche enthalten wunderbare Landschafts- und Traditionsbilder. Und das Entscheidende für die immer viel zu arrogante Kaste der Journalisten (ich rede auch von mir selbst) sind die Zweifel, die einen Peter Scholl-Latour immer wieder befielen, ob er überhaupt in der Lage sei, einen Volksstamm, eine Gegend, eine Tradition zu begreifen. So – um nur ein Beispiel zu nennen- als er im Sommer 1998 durch das anatolische Hakkari kommt, mit Ehrfurcht aus dem Buch des Dichters Ferit Edgü zitiert: „Ein Winter in Hakkari“: „Die Götter kamen vielleicht ja nie in diese Gegend, aber die Menschen, die für Jahrhundert bei Dir sich niederließen, die vor Dir flohen“. Ihm wurde langsam bewusst, „wie undurchdringlich wie schwer begreiflich dieses Land war trotz der gastlichen Jovialität, der ich überall – auch bei den Behörden - begegnete“.

Immer wieder betont er, dass man fremden Völkern und Kulturen ehrfürchtig begegnen muss, nicht mit dem Bewusstsein, nach einem Reporter oder Helfereinsatz gleich alles verstanden zu haben: Das schönste Stück journalistischer Prosa findet sich in dem Bericht über die „Hochzeit in dem anatolischen Dorf Yakub Abdal“, das der eben doch bescheidene Autor so einleitet: Der wirklichen Türkei, der ‚Turquie profonde‘, wie die Franzosen sagen würden, sei er vermutlich weder bei unserem elitären Intellektuellentreffen von Cankaya noch in der streng abgeschirmten Kaderschmiede der Armee nähergekommen. Diese wirklich literarisch überhöhte Reportage mündet in einer Begegnung, die der Leser kurz nach dem Tode des Autors nur mit Rührung lesen kann. Der Autor kam bei dieser Hochzeit mit einem freundlichen weißbärtigen Greis ins Gespräch. Dieser trug eine schwarze Wollmütze, „und seine blauen Augen lächelten mir verschmitzt zu. Wir stellten fest, dass wir gleichaltrig waren, und umarmten uns“. Irgendwie, schreibt Scholl weiter – entstand zwischen uns eine brüderliche, fast heitere Gemeinsamkeit beim Gedanken an das lange wechselvolle Leben, das hinter uns lag. Und „an den Tod, der auf uns wartete.“

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014