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02.10.2014

Die Geschichte des nachhaltigen Designs

Design – ein Nachhaltigkeitsthema? Ja, gewiss. Es geht um umweltfreundliche Produkte und ökologisch sensible Kommunikationsformen. Und dazu gibt es nun ein schönes Buch. Eine Rezension von Professor Udo E. Simonis

Nachhaltiges Design? Auf dem Titelblatt des Buches prangt das Meisterwerk vom Michael Thonet: No. 214, Stuhl, von 1859. Bis 1930 wurden davon 50 Millionen Stück hergestellt. Für Transport und Lagerung dieses Stuhls gab es eine geniale Lösung: In eine Kiste mit einem Kubikmeter Volumen passten 36 zerlegte Stühle, die erst an Ort und Stelle der Nutzung montiert wurden, was Versandkosten ersparte und nur ein geringes Transportvolumen bewirkte. Dieser meistgebaute Stuhl der Welt gilt vielen als das gelungenste Industrieprodukt des 19. Jahrhunderts. Er wird den ökologischen Ansprüchen an Haltbarkeit, Materialien und Produktionsbedingungen in hervorragender Weise gerecht – und gilt den Herausgebern des Buches als Symbol „nachhaltigen Designs“.

Der Definition dieses Begriffs widmen sie ihre besondere Aufmerksamkeit: „Nachhaltiges Design unterscheidet sich von ‚konventionellem Design‘ dadurch, dass es den ökologischen, sozialen, kulturellen und emotionalen Kontext in die Designkonzeption und –planung einbezieht und sich nicht allein auf die Objektgestaltung konzentriert“. Nachhaltiges Design, so fordern sie, müsse zwischen Mensch und Umwelt vermitteln und auf eine kulturelle Evolution abzielen, damit neue Produkte und Kommunikationsformen zu deren Triebfedern werden können. Und deutlicher noch: „Während die moderne Entwicklung die Umwelt nach einer menschlichen Idee formt und die biologische Vielfalt im Extremfall auf eine Monokultur reduziert, zielt die kulturelle Evolution auf eine ständige Anpassung der Ideen an ihre Umwelt und an deren dynamische Komplexität“.

Mit diesem Buch soll einerseits ein inter- und transdisziplinärer Beitrag zur Nachhaltigkeitsdebatte und anderseits ein Grundlagenbuch für Fach- und Hochschulen geliefert werden, damit Designstudierende sich stärker mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen können. Neben den vier Herausgebern präsentieren weitere 16 Wissenschaftler und Künstler dazu eine Vielfalt an Textbeiträgen und Bildbeispielen von ‚zeitlosen‘ und aktuellen Designkonzepten der Produkt- und Kommunikationsgestaltung, die den Schwerpunkt Nachhaltigkeit erkennen lassen.

Da begegnet einem Rudolf Steiner und sein ‚Weleda‘-Siegel, das Logo der Büchergilde Gutenberg, die älteste deutsche Bio-Marke ‚Demeter‘, aber auch Alvar Aalto mit seinen Möbeln, Klaus Staeck mit seinen Plakaten, Anna Lund mit ihrem weltweit bekannt gewordenen ‚Atomkraft? Nej Tak‘ Aktionslogo und das Logo ‚Der Blaue Engel‘, dessen Autor nicht bekannt ist, das aber mit einem Bekanntheitsgrad von 79 % unter deutschen Verbrauchern ein gelungenes Kommunikationskonzept zur Kennzeichnung umweltfreundlicher Produkte und Dienstleistungen darstellt.

Viele andere bekannte Produkte und Logos finden sich in diesem schön aufgemachten Buch, deren Autoren kaum jemand kennt – wie z. B. Marcel Kolvenbach & Guido Meyer mit ihrem ‚AntiAids-Plakat‘, Erik Spiekermann, dessen Plan der Berliner U-/S-Bahn täglich hunderttausende Fahrgäste sehen aber nicht erkennen oder Timm Kekeritz und sein Poster ‚Water Footprint‘, das für einen sparsameren Umgang mit Wasser weltweit bedeutsam sein könnte.

Der Verbreitung des Wissens über und der Steigerung der Akzeptanz von nachhaltigem Design gilt daher das besondere Interesse der Herausgeber. Sie lassen dazu die Geschichte des nachhaltigen Design erzählen, die Vordenker, das Bauhaus und einzelne Persönlichkeiten (wie Kandinsky, Beuys, Maser) vorstellen und verschiedene Positionen der Gegenwart beschreiben, das ‚dematerialisierte Design, das ‚Postwachstumsdesign‘, das ‚Ecodesign’ und deren Akteure. Und sie wagen den, wenn auch nur bescheidenen, Außenblick: einen Blick auf Design und Armut, auf Tradition und Verwestlichung auf dem indischen Subkontinent, auf Design in Afrika.

So ist es denn nicht nur ein Buch über die westliche Welt geworden, aber auch nicht über Skandinavien, was auch nahe gelegen hätte. Es endet mit einem Blick in die Zukunft – mit zwei wichtigen Fragestellungen: Was kann die Rolle Nachhaltigen Designs in einer an und für sich und weiterhin nicht-nachhaltigen Welt sein – und was ist die Zukunft des Nachhaltigen Designs selbst?

Die Botschaft dazu lautet: „Die Zukunft mitgestalten“ – die Gesellschaft stehe im 21. Jahrhundert vor epochalen Herausforderungen und die Frage sei nicht mehr, ob wir einen radikalen Wandel möchten, sondern ob wir ihn nachhaltig gestalten - ob wir die ‚Große Transformation‘ mittragen, oder ob wir ihr zum Opfer fallen. Zu dieser großen Thematik liefert das Buch noch drei kluge Texte, aber keine Bilder mehr.

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Quelle   Udo E. Simonis ist Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Redakteur des Jahrbuch Ökologie 2014