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23.10.2014

Israels Schicksal - Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt

Steht der Zionismus wirklich vor seinem Untergang? Zu einer gut begründeten Frage eine ehrliche israelische Antwort. Von Rupert Neudeck

Kann es nicht weniger melodramatisch sein, wie es im Titel und im Untertitel des neuen Buches des Professors für Geschichte und Philosophie an der Tel Aviv Universität klingt: „Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt“. Es ist ein Buch, mit dem Prof. Zuckermann noch mal all seine Einwände gegen die innere Entwicklung des Staates Israel zusammenfasst. Es wirkt an manchen Stellen wie der letzte Versuch, diesen Untergang abzuwenden.

Wie Hammerschläge formuliert der Autor seine Thesen, die zumeist Fragen sind: Die Frage, warum sich das zionistische Israel „in eine historisch ausweglose Situation manövriert hat, soll hier aus der Logik des Zionismus selbst, also von einer ihm immanenten Perspektive erkundet werden“. Er ist bekannt als einer der großen Kritiker, nicht mehr von dem patriarchalen Niveau eines Martin Buber, aber doch mit der Ehrlichkeit und rückhaltlosen Offenheit, die ihn seit so vielen Jahren auszeichnet. Schon die eigene Geschichte spricht für den Autor. Als Sohn von Holocaust Überlebenden wurde er1949 in Tel Aviv geboren, ging dann für zehn Jahre nach Deutschland, um mit 20 Jahren wieder nach Israel zurückzukehren. Diesem Land fühlt er sich mit der großen letzten Kraft seiner Argumente verpflichtet. Aber, wenn es nicht einlenkt, wird es seinen eigenen Untergang betreiben.

Das ist die Wende in der Perspektive, Israel hat wie eine Mauer die Gefährdung des fremdbewirkten Untergangs bis heute aufgebaut wie einen religiösen Schutzwall. Mittlerweile ist es eine der stärksten Militär-, sogar Atommächte in der Welt geworden und kümmert sich immer noch nicht um seine Einbindung in diese Völkergemeinschaft, lebt von der Sonderrolle als Opfer. Es fräst mit seinen Siedlungen in eine alte Natur- und Kulturlandschaft hinein, zerteilt gewachsene organische menschliche und wirtschaftlich-kulturelle Strukturen. Man muss, was kein Bundestagsabgeordneter erleben kann, nur einmal von dem Behinderten-Zentrum von Qubeideh (Beit Emmaus) bis zu der neuen Siedlung gehen, um zu sehen, wie einzelne Dörfer mit Gewalt stranguliert werden. Das Siedlungswerk ist so gewalttätig wie ein Krieg.

Die einzelnen Kapitel sind in einer klaren Sprache mit einer Eindeutigkeit geschrieben, die den Leser ganz verdattert zurücklässt. Auch den kritischen Leser. Man wusste, dass sich vieles falsch entwickelt, aber dass diese falsche Entwicklung von so weit herkommt, das haben wir nicht geahnt. Im Kapitel über die Opfer und die Opfer-Ideologie zitiert er das nie mehr einzuholende Wort der ehemaligen Premierministerin Golda Meir: Sie werde den Palästinensern nie verzeihen, „dass sie sie gezwungen haben, ihnen das anzutun, was sie ihnen angetan haben“. Dieses Wort, so meint der Autor, kann zum Paradigma des jüdisch-israelischen Selbstverständnisses erhoben werden. An dieser Stelle wird der Autor auf seine anklagende Weise und immer wieder mit Bezug auf Walter Benjamins Engel Angelus Novus der Geschichte fast hymnisch.

Er vergleicht die Selbstbemitleidung, die sich Israel leistet mit der des Westens, der sich auch in einer drastischen Selbstgerechtigkeit vor allem eines „gestählten Opfer Selbstbewußtseins befleißigt“. Und er läßt diese Forderungen wie argumentative Schläge in unserem Gewissen aufschlagen: Man lamentiere nicht über die „bedrohlichen Zuwanderungsströme aus den Ländern der 3. und 4. Welt, wenn man sich weigert, über den globalisierten Kapitalismus und seine verheerenden Auswirkungen zu reden. „Man unterlasse das Klagen über den islamistischen Terror, wenn man sich der eigenen Kolonialgeschichte nicht stellen möchte. Man schweige über die Barbarei der Erniedrigten, wenn man über die Ursachen von Erniedrigung, Beleidigung und Entmenschlichung nicht reden will“. Schritt für Schritt geht er in der Zeitgeschichte Israels voran und schiebt alle verschleiernden Vorhänge, in denen wir und unsere Regierungen uns immer so bequem verheddern, beiseite.

Es geht um den Ersten Weltkrieg: Israel und Palästina, es gibt keine vernünftige Herleitung der Geschichte der beiden Entitäten, die nicht die Mitverantwortung der besinnungslosen Kolonialmächte miteinbezieht. Es geht als Fundament für all das, was dann falsch gelaufen ist, immer um den Juni-Krieg 1967, die gewaltigen und bis heute in der Besatzung festgehaltenen Eroberungen der israelischen Armee: Gaza, Westbank, Ost-Jerusalem, Golanhöhen, Sinai.

Er resümiert den damals forcierten Oslo-Prozeß, der ja erst mal in den Gemütern der Israelis angekommen sein wollte. Denn mit der Erhebung der zu Nazis stilisierten Partner vom Range des PLO Chefs Jassir Arafat zu neuen Friedenspartnern war ja der langsame Zusammenbruch von traditionellen Mythen geboren. Doch war auch damals noch nicht die proklamierte Friedensbereitschaft der israelischen Bevölkerung auf eine Probe gestellt worden. Zuckermann schreibt: „Wenn der Oslo Prozeß etwas gezeigt hat, so ist es die Gewissheit, ohne einen Rückzug aus den besetzten Gebieten, eine Räumung der Siedlungen, eine Lösung der Jerusalem Frage im Sinne eines Zwei Staaten Friedensbeschlusses und eine Regelung des Rückkehrrechts der Palästinenser wird keine Beendigung des Konflikts erwartet werden können“.

Mehrmals und immer wieder zitiert Zuckermann das Wort von Theodor Herzl: „In Basel gründete ich den Judenstaat“. Damit sei das ganze Paradox bis heute ausgesprochen Der Staat der Juden wurde in der Tat im Überbau einer nicht existierenden Basis gegründet. Das genau ist die Hypothek, auf der die Staatlichkeit Israels aufbaut, und von dieser Hypothek hat sich Israel nicht nur nicht befreit, es versucht mit weiteren martialischen Schlägen darauf zu beharren, dass es seine Grenzen mit der Stimme der Religion ausweiten kann. Die Wendung Israels zu einer Theokratie in Nuce ist erschreckend zu beobachten. Auch die Wendung aus Arroganz und Machtvollkommenheit die Realität zu verleugnen. Wenn irgendwer, sei es nun der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter oder Bischof Desmond Tutu aus Süd-Afrika oder ganz aktuell auch der US-Außenminister John Kerry aussprechen, dass sich Israel strukturell auf eine Apartheid zubewege, dann löst das den Furor einer ganzen politischen Klasse aus: Wie kann jemand nur?

Das Gleiche geschah dem Präsidenten des Europa-Parlamentes, Martin Schultz, der etwas durchaus Richtiges und Begründetes sagte, aber ausgebuht wurde. Denn so etwas sagt man nicht. Zuckermann hat wenige Zitate in dem Buch, aber die wenigen wirken wie Paukenschläge in der Argumentation. Um diese mit Realitätsverlust einhergehende Arroganz zu charakterisieren, zitiert er den Israel Verkehrsminister Israel Katz , der sich wie folgt gegen Kerry auf Facebook artikulierte;: „Die schrecklichen Darstellungen, wie die von Hass getriebenen Nazis Millionen wehrloser Juden in Asche verwandelt haben… Und jetzt beschreibt der US-Außenminister Israel als einen Apartheidstaat. Den Judenstaat, der mit Vernichtung bedroht ist. Schämen Sie sich, Kerry!“

Das Kapitel „Israels Selbsteinmauerung“ beschreibt die sichtbaren und unsichtbaren Folgen der Mauer. Die Menschen dürfen und sollen sich nicht mehr begegnen. Israel ist ein Monstrum sui generis und verlangt als solches anerkannt zu werden. Die Klagemauer hatte für die Juden einen religiös emotionalen Bezugspunkt. Während aber die Klagemauer von allen am Nahostkonflikt beteiligten Seiten akzeptiert wird, ist eine andere Mauer entstanden, die 2002 begonnen wurde und Trennung und Sicherheit gewähren sollte. Allein schon der Begriff Mauer durfte nicht verwandt werden, es wurde dieses Monstrum von schweren kilometerlangen Betonklötzen zusammengesetzte Hindernis euphemistisch „Zaun“ (gader) genannt.

Das Buch gipfelt in den programmatischen Kapiteln „Israel – binationaler Staat“ und „Villa im Dschungel“. Das, was viele Israelis umtreibt, sei die tickende demographische Zeitbombe. Dann würden sich die Majoritätsverhältnisse zugunsten der Palästinenser verändern, was verhindert werden muss. Deshalb wird immer wieder über den „Bevölkerungstransfer“ gesprochen, das heißt eine “ethnische Säuberung, die darauf aus wäre, die Palästinenser in einem organisierten Gewaltakt aus ihrem Lebensraum im Westjordanland zu vertreiben.“ Zuckermann ist ganz eindeutig. Wir bekommen den zweiten Staat nur, wenn es den Rückzug aus den besetzten Gebieten gibt. Und er fährt fort, die Notwendigkeit liege zutage. Aber es sei fraglich, ob sich dafür eine starke politische Führungsgestalt finden läßt, die dies Notwendige rigoros zu vollziehen vermöchte.“

Illusionslos beschreibt der Autor die amtierende Führungsschicht. Der Vorsitzende der Partei HaBayit Ha Yehudit, Naftali Bennet, zugleich Wirtschaftsminister, beschreibt das Problem Israels mit den Palästinensern im Juli 2013 damit, dass er die Palästinenser mit einem „Granatsplitter im Hintern“ vergleicht, den man herausoperieren muss. Zuckermann verweist auf die legendäre und bis heute mit Empörung wahrgenommene Resolution der UN-Generalversammlung von 10. November 1975. Damals entschied sie, „Der Zionismus sei eine Form des Rassismus und der rassischen Diskriminierung“. So ganz einfach, schreibt der Autor, ist die Sache natürlich nicht, obwohl die jüdische Halacha eine Definition des Juden mit biologischer Komponente vorweist: „Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde“.

Aber Jude sei auch der, der eine orthodox anerkannte Konversion zum Judentum begangen habe. Allerdings setzen der israelische Alltag wie die Politik Israels alles daran, „dem UNO-Verdikt von 1975 noch im Nachhinein Geltung zu verschaffen“. Immerhin sind 1,2 Mio Staatsbürger als Nichtjuden und Araber Bürger zweiter Klasse. Da gibt es Töne, die wir auch aus Deutschland kennen: Was sei so schlimm an der Bestrebung an einem schönen sauberen Ort zu leben, den Kindern eine hochwertige Erziehung angedeihen zu lassen; was ist so schlimme daran, dass man keine Araber haben möchte? Sie passen doch wirklich nicht zu einer Ortsgemeinde mit jüdisch-zionistische Couleur“!?

Zum Schluß verweist Zuckermann auf die weitere Gewaltausübung in der Okkupation und betont, je mehr sich Israel darein verfängt, desto mehr muss es sich mit der Emphase der Selbstviktimisierung auch der Apostrophierung aller Kritik an Israel als Antisemitismus darüber hinwegtäuschen. So wie der klassische Zionismus sich des Vatermords an der diasporischen Judenheit schuldig gemacht hat, so hat er mit der Staatsgründung auf Kosten der Palästinenser eine weitere Schuld auf sich geladen. An dieser Stelle zitiert der Autor Nietzsche: „‘Das habe ich getan‘, sagt mein Gedächtnis. ‚Das kann ich nicht getan haben‘, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach“. Das Buch ist unendlich weit und bereit, die eigenen Position nicht ungerecht, aber auch nicht taktisch zu beurteilen.

So zerpflückt  Zuckermann auch den berühmten Hals-Nase-Ohren-Ausspruch von Abba Eban: „Die Palästinenser haben noch nie eine Gelegenheit ausgelassen, um eine Chance zu verpassen“. Man kann diesen Spruch verstehen, denn die Haltung der Palästinenser Elite war von merklicher Ambivalenz getragen, das würden auch Uri Avnery und David Grossmann sagen. Aber Abba Ebans Spruch suggeriere eine israelische Benevolenz, “wo keine besteht“. Nur Israel hat es in der Hand, ein reales Friedensangebot zu geben, das die letzten palästinensischen Bedenken zu demontieren vermag. Aber, so auf der vorletzten Seite des Buches – Israel will den Frieden nicht. Es darf ihn nicht wollen, denn „ein realer Frieden würde Israel den Abschied von einem tief eingefrästen Muster seines Selbstverständnisses abfordern“. Die israelische Politische Kultur kennt daher nur „Sicherheit“ als Substanz ihrer Raison d’Etre.

Der Autor sieht das Land deshalb wie am Abgrund. Denn es verweigert sich dem realen Frieden mit den Palästinensern, „mithin der unabdingbaren Voraussetzung seiner Selbsterhaltung“. Der Autor fragt sich sein Buch und sein Leben lang: Warum der Zionismus seine historische Selbstauflösung betreibt? Er bekennt die bittere Wahrheit, dass „das Leben des jüdischen Einzelmenschen nirgends auf der Welt so gefährdet ist wie gerade in Israel“. Man könnte auch noch einen Schritt weitergehen und sagen, wenn die Tendenz der Bedrohung anhalte, „nicht auszuschließen sei, dass sich die nächste jüdische Katastrophe im nachöstlichen Israel ereignen werde“.

Und noch einmal schmerzlicher für die, die den Traum hatten und ihn wollten: Wenn es nämlich stimmt, was Netanyahu immer wieder anmahnt, mit Blick auf den Iran, dann gäbe es gute Gründe für Juden auf der Welt, ihr Leben „nicht in Israel als Ihrem Land planen zu wollen“. Die nächsten zehn Jahre werden uns darauf eine Antwort geben, vielleicht wird es auch nur zwei – bis drei Jahre dauern – für die Antwort.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014