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23.10.2014

Die Brückenbauerin

Brasilien mit der Seele suchen – und mit der Waldorfpädagogik. Von Rupert Neudeck.

Man weiß nicht, unter was man dieses Buch am Ende einordnen kann: Unter einer Apotheose der Waldorfpädagogik, die nun auch in den Favelas in Brasilien, zumindest um Sao Paolo funktioniert und gelingt; unter die Biographie einer einzigartigen Lehrerin namens Ute Craemer; unter die Kritik der konventionellen Entwicklungshilfe? Vielleicht alles drei. Das Buch geht in klugen einzelnen Schritten dem Weg dieser Ute Craemer nach, zeigt aber in kleinen Zwischenkapiteln die Brisanz der politischen Situation Brasiliens und dessen, was wir in Ermangelung eines besseren Begriffs immer noch „Entwicklungshilfe“ nennen.

In Brasilien lebten noch 1950 sechzig Prozent der Bevölkerung auf dem Land, heute leben 80 Prozent in den Städten. Das ist ein sozialer Wandel, den das Land natürlich noch lange nicht bewältigt hat. Auch weil es bei einer Oberschicht als Erbe der Kolonialzeit immer noch kein soziales Gewissen gibt. Immerhin ist mit Dilma Roussef eine den Wünschen der Bevölkerung aufgeschlossene Präsidentin am Ruder, die seit 2011 an der Macht ist und auch betroffen und in Gefangenschaft war unter der Militärherrschaft.

Das Buch lebt von der immerwährenden Begeisterungsfähigkeit und Leidenschaft für die Favelakinder der „Dona Utschi“ (so wird Ute portugiesisch-brasilianisch verändert) in Monte Azul. Sie hat es immer wieder geschafft, in Escolinhas (wörtlich kleine Schulen) diese Kinder aufzunehmen. Hat nicht nach Zugangskriterien und den Bedingungen der Möglichkeit geforscht, sondern immer gleich getan, reagiert, gearbeitet. Und sie hat es immer an den Graswurzeln getan.

Sie ist 1938 geboren, also auch nicht mehr die jüngste, kam 1940 von Weimar nach Graz. Der Vater ist Bauingenieur und tritt mitten im Krieg einen Lehrstuhl an der Uni in Graz für Massivbau an. Graz wird im Krieg die meistbombardierte Stadt ín Österreich. Deshalb spielen die Bunker in der Kindheit von Ute Craemer eine große Rolle. Utes Mutter hatte Schlafsackdecken genäht, mit Löchern zum Laufen. Die Panik, die von dem Schrei „Die Russen kommen!“ ausging, hat das Kind in Erinnerung. Am Kriegsende sind sie auf einem Bauernhof von Verwandten in Schlesien, aber Hermann Craemer wird auch zum Volkssturm eingezogen. Sie kommen nach Graz zurück, sind aber nicht willkommen als „Reichsdeutsche“. Die Familie gibt Ute Geborgenheit.

1948 schon geht das Graz-Leben zu Ende, dem Vater wird eine Stelle an der Universität Belgrad angeboten. Craemer ist zwei Jahre auch wissenschaftlicher Berater des jugoslawischen Bauministeriums für den Wiederaufbau. Ende 1949 schon hat Craemer einen Ruf an die Universite Faruk in Alexandria Ägypten. Die Familie – neben Ute auch Luitgart – reist immer mit. Ute und Luitgart besuchen in Alexandria das französische Lycee. Sie bewegen sich in der europäischen Oberschicht, kommen mit der ägyptischen Kultur nicht in Berührung, außer mit den arabischen Hausangestellten. 1952 putscht das Militär und stürzt den König Faruk I. Politische Unruhen sind die Folge.

Die Eltern wollen lieber nicht in das zerstörte Deutschland zurück. So nimmt Craemer einen Lehrauftrag 1953 am „College of Engeneering“ in Lahore/Pakistan an. Auch hier spielt sich das Leben der Craemers in der Welt des geschützten College Compound ab, Ute Craemer hat ihren ersten Freund Mansur, aber sie kann nicht in die Familie des Freundes, die Mutter ist unter dem Schleier, sie darf nicht aus dem Haus, 1955 schließt sie das College ab, Craemers ziehen zurück nach Deutschland. Ein bißchen extravagant trägt Ute die Haare ganz offen, als Oberprimanerin lesen die Schüler Sartre und Camus, danach will sie heraus, eigentlich nach Rußland, das gelingt nicht. Sie heuert beim Internationalen Friedensdienst an, lernt dabei einen Priester aus der französischen Arbeiterpriesterbewegung kennen, Christian Corre, der sie sehr stark beeinflußt. Eines Tages sagt er ihr: „Tu es bourgeoise“ und sie begreift, das ist etwas nicht Positives.

Das sind nur die Vorbereitungen der wirklichen Lehrjahre, die sie dann in Londrina macht, im Favela Monte Azul. Da wächst in der Ute die Überzeugung: „Man wird sich nie selbst verwirklichen, wenn man nichts in die Welt setzt. Da kann man in seiner Seele wüten, so lange man will“. Aber es kommt noch das Studium in Marburg und Heidelberg. Sie macht eine erste Erfahrung mit entfremdeter Arbeit. Bei Ford ist sie die Nummer G 268754 und hat zu funktionieren. Sie heuert beim DED an und kommt nach Brasilien. Die Entscheidung für Brasilien, so wird ihr klar, kam aus der Zukunft auf sie zu. Man fährt noch mit dem Schiff 24 Tage über den Atlantik, Sie wird in Londrina unglaublich herzlich aufgenommen. Erlebt gleich eine tanzende Kinderschar bei einer brasilianischen Hochzeit. Sie verbündet sich mit der Familie der Braut, den da Silvas. Sie kommt in die Zeit der Militärdiktatur in Brasilien, seit 1. April 1964 beherrscht eine Militär-Diktatur das Land. In Londrina beginnt die Arbeit mit den vielen Kindern, die auch aus den Favelas da anrollen.

Sie merkt, wer Ausländer ist, gehört automatisch zu den reichen Schichten, den „Expats“ mit viel Geld. Mit der Wirklichkeit des Landes hatte das nichts zu tun. Schon damals lernt sie, was in der Entwicklungshilfe immer falsch gemacht wurde, und sie nicht mitmachte: „Es gibt keine Trennung zwischen dem ‚Helfer‘ und demjenigen, dem geholfen wird. Diese Idee wird später einer der Lerngedanken der Arbeit in Monte Azul“. Dann kommt noch ein zufälliges (?) Erlebnis. 1967 ist sie zurück in Deutschland. Sie weiß nur, sie will nach Brasilien zurück und mit den Kindern arbeiten. Da wird ihr für drei Monate eine Schwangerschaftsvertretung an der Waldorfschule in Paris angeboten.

Das Konzept der Waldorfpädagogik sagt ihr sofort zu: Die Einstellung der Lehrer, die Ernsthaftigkeit, mit der auf wöchentlichen Donnerstagskonferenzen über die Kinder und ihre Probleme gesprochen wird. Jetzt ist alles klar: Als Waldorflehrerin will sie nach Brasilien. Sie schreibt sich noch auf der Stuttgarter Uhlandhöhe am Lehrerseminar ein und fühlt sich von allem angesprochen. Alles machte Sinn, alles stand im Zusammenhang. „Endlich einmal nicht nur irgendwelche Fakten, die man auswendig lernt“. Ihr Großvater Hermann Craemer war ein engagierter Anthroposoph in Düsseldorf, sie geht zurück nach Brasilien.

Das Buch geht in verschiedenen Kreisen immer weiter, es treibt die Kenntnis Brasiliens voran in kleinen im anderen Druckformen präsentierten Zwischenkapiteln über die Sklaverei, die Kolonisation, die Resilienz in der Schule voran. Es mündet in diese Beobachtung der Ute Craemer, der es wichtig ist, der „alma brasileira“ auf die Spur zu kommen. Gibt es, fragt sie sich, diesen brasilianischen Nationalcharakter, wo es doch ganz viele verschiedene kulturelle und ethnische Realitäten nebeneinander gibt? Ganz zu Beginn wird Brasilien noch mit dem Gemeinspruch beschrieben: Brasilien sei „um pais de Indios. Feito por negros, para os brancos“. Brasilien ist das Land der Indigenen (also der Indianer), es wurde aufgebaut von den Schwarzen (Sklaven aus Afrika) und: „es wurde aufgebaut für die Weißen“.

So erfährt der Leser immer beides neben- und ineinander. Die wunderbaren Bemühungen dieser begnadeten Lehrerin, die für die Kinder aus den Favelas manchmal Lehrerin und Mutter in einem wurde. Und man erfährt ganz viel über die Wirklichkeit des Brasilien, das sich nicht in den Tourismus-Hochburgen und den mondänen Vierteln der Städte erschöpft sondern eben auch das Elend der Landbevölkerung und der Favelas kennt. Die Schulleiterin und Lehrerin ist immer und das ist vielleicht die schönste Form der Beschreibung des Wirkens von Ute Craemer, auch eine Anstifterin. Markli, die Historikerin, eine von Utes treuesten Mitstreiterinnen auf der Suche nach der brasilianischen Identität, sagt: „Das ist Ute; diese Frau geht durch die Welt und verteilt Aufgaben“. Dabei muss sie lachen.

Das Buch ist sehr gut geschrieben. Wenn man der Brückenbauerin zusehen darf beim Bau der Escolinha und der Ambulanz Station in Monte Azul. „Mutirao“ ist das in Brasilien, was Umuganda in Ruanda ist: Kollektive gemeinsame Arbeit zur Verschönerung und Verbesserung des Landes. Das sind die Traditionen, die uns in Europa verloren gegangen sind: „Bei großen Arbeiten, egal ob Bau oder Ernte, packen alle mit an, und im Anschluss haben wir gemeinsam gegessen, gefeiert und getanzt“. Männer aber sind irgendwie fast überall erst mal zu gewinnen. Ute Craemer erzählt, wie sie das gemacht hat: „Ich habe oft auf schwache Frau gemacht“, erzählte sie und der „Schalk huscht ihr übers Gesicht. Das dichte blonde Haar und ihre schmale Taille standen ihr dabei sicher nicht im Weg“.

Es sind betörend überzeugende Beobachtungen dieser Dona Ute bei Beginn der Arbeiten 1979. “An manchen Tagen sind es 20 bis 30 Frauen und Kinder, die um Ute herumwuseln, wenn sie ihre Gänge in die Favela macht… In solche n Momenten wirkt sie mit ihrem in der Sonne leuchtenden blonden Schopf und dem wehenden Batistrock wie eine Lichtgestalt“. Am Anfang war den Menschen in der Favela überhaupt nicht klar, worum es der deutschen Frau geht. Immerhin kam sie von dem anderen Stern als Reiche aus Europa. „Sie lief in der Favela herum und ich dachte: Oh je, sicher ist das die Besitzerin, das heißt nichts Gutes, wenn die hier herumläuft. Bestimmt müssen wir hier alle weg“.

Dass das alles nicht etwa harmlos und idyllisch war und ist, belegt das Schlußkapitel „Schicksal“, in dem beschrieben wird, wie das Haus von Ute Craemer überfallen wurde, die Diebesbande, bewaffnet und zu allem entschlossen, nur 200 Dollar fand, mehr gab es auch nicht. Man ließ sich auf einen Vertrag mit den Banditen ein, denn die Polizei benachrichtigen würde in Brasilien nichts bringen. Die Korruption besagt, dass solche Verbrecherbanden auch mit der Polizei manchmal teilen. Man hat sich also Geld geborgt, und dieses Geld irgendwann in eine öffentliche Telefonzelle gelegt, die vereinbart war. Dramatisch klingt dieses Kapitel. Das muss man sagen. Denn ohne Gefahren und Abenteuer ist dieses radikale Leben nicht zu denken.

Noch spannender die Erfahrung während des gefährlichen Asyls, das sie 1986 Ronaldo und anderen jugendlichen Drogenabhängigen gibt auf ihrem Gelände. Sie kennt Ronaldo von der Schule, der ist unter die Drogenabhängigen geraten, muss ständig Nachschub anschaffen. Die Polizei sei hinter ihm her. „Ute, bitte kann ich heute Nacht hier schlafen?“. Seine Fingerspitzen sind schneeweiß. So fest hat er den Plastikbeutel um die Hand gewickelt. Da ist sein ganzes Hab und Gut drin. Sie sagt: „In Ordnung, für eine Nacht komm rein“. Doch das geht nicht mit einer Nacht. Die Drogen sind eine schreckliche Seuche. Ute Craemer ist regelmäßig mit diesen Halbstarken zusammen. Die brechen in ihren eigenen Kindergarten ein, klauen die Gaskartusche weg. Wenn die Polizei losgeht, ist es wie aus dem Vietnamkrieg. Die Militärpolizei läßt ein ganzes Heer von Hubschraubern über der Favela kreisen. Hütten gehen unter dem Luftdruck in die Luft. Das Buch erreicht in solchen Szenen seine höchste Glaubwürdigkeit.

Die Drogenabhängigen kommen einfach: „Ich habe sie ja nie gerufen“. Sie schreibt: „Es ist, als hätten sie ein Loch, ein Vakuum an der Stelle, wo bei anderen Menschen die moralische Kraft wohnt, das Gewissen.“. ihr werde immer klarer, dass diese bandidos nicht stark oder mutig sind. Sie sind schwach, sogar sehr schwach, ihren Neurosen völlig ausgeliefert.“ Und noch stärker und für unsere Zukunft gesagt: „Ich glaube, dass in der menschlichen Seele ein immer währender Kampf zwischen Gut und Böse stattfindet“. Trotzdem sei der Wesenskern des Menschen gut. „Wir alle haben einen unzerstörbaren geistigen Kern. Wer ein Neugeborenes sieht, erlebt diesen Kern in seiner Ursprünglichkeit. Dieser gute Kern kann aber eine schwierige unbeherrschte Hülle haben“. Dann gehe es darum, das Böse zu verwandeln. „Menschen verändern sich, wenn wir den Mut aufbringen, sie zu lieben“.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014