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30.10.2014

Wie die Kirche ihre Macht missbraucht

Wie viele Umwege, um zu der Frohbotschaft ohne Macht zu kommen? Von Rupert Neudeck.

An einer einzigen Stelle am Schluss wird er energisch nach Jahrzehnten psychoanalytischer Arbeit mit Missbrauchsopfern der christlichen Kirchen: „Ich fordere die Kirche auf, die körperliche Seite des Menschen miteinzubeziehen und gutzuheißen.“ Den Gläubigen sollte vermittelt werden („endlich“), dass sie nichts Schlechtes tun, wenn sie ihre Sexualität leben. „Denn sie tun dabei genau das, wozu Gott sie erschaffen hat“. Damit hat er genau das gesagt, wofür jemand seinen Priesterberuf und seine Ordensmitgliedschaft an den Nagel hängen musste: P. Stephanus Pfürtner von den Dominikanern.

Aber der Weg dahin wird nicht leicht sein. Woher sollte nach so vielen Jahrhunderten die Umkehr kommen. Papst Franziskus habe gerade Johannes Paul II. heiliggesprochen, der das Zölibat noch ausdrücklich für verpflichtend erklärt habe. Das Pflicht-Zölibat muss aufgehoben werden. Keuschheit sei natürlich nicht grundsätzlich verwerflich. Es sei auch möglich, zölibatär zu leben, ohne psychisch Schaden zu nehmen. Aber nur unter der Bedingung, dass die Sexualität nicht verdrängt wird. „Wer auf seine genitale Sexualität verzichtet, muss sich darüber im Klaren sein, dass er auf einen wesentlichen Teil seiner Menschseins verzichtet“.

Eine Änderung könnte nur von den Bischöfen kommen in einer Synode. Doch sei das kaum zu erwarten.  Die amtierenden Bischöfe haben sich viele Jahre jede sexuelle Lust verweigert, sie haben verinnerlicht, dass Sexualität eine Sünde ist. „Es wird ihnen sehr schwerfallen, umzudenken und von dieser Vorstellung abzurücken“. Es reiche auch nicht, das Zölibat für die Priester als Pflicht abzuschaffen, für die Bischöfe nicht. Damit würde das Bischofsamt nur elitärer.

„Diakone, Priester und Bischöfe müssen selbst entscheiden können, wie sie ihre Sexualität leben wollen, genauso wie man auch Lehrern und Ärzten diese Freiheit lässt“. Das Buch lebt von den konkreten Beispielen. In den 50er und 60er Jahren gab es in Österreich einen sehr beliebten Pfarrer. Alle in der Gemeinde wußten, dass er Kinder mit verschiedenen Frauen hatte, aber niemand störte sich daran. Sein Eindruck sei, dass die Menschen sich ihm dadurch näher fühlten. Als der Bischof ihn strafversetzen wollte, hat die Gemeinde durchgesetzt, dass er bleiben durfte.

Ganz am Schluß fordert er etwas, was vielleicht noch wichtiger und schwieriger ist: Der Verzicht auf das „Alleinseligmachende“, den Absolutheitsanspruch. „Das Wissen um die Subjektivität der eigenen Religion würde die Repräsentanten der Kirche stärker und flexibler machen“. Schwierig ist es auch, weil es bei einer großen Zahl des sog. Kirchenvolkes die Sehnsucht nach dem unfehlbaren Papst und mächtigen Bischof gibt. Psychoanalytisch deutet der Autor das als die Sehnsucht nach dem Übervater, als nach jemandem, der alles im Griff hat und seine schützenden Hände über ihn hält. Entscheidend sei, dass die Repräsentanten dieses Gefühl als ein guter Übervater vermitteln, „der die Gläubigen stützt und fördert und nicht mißbraucht“.

Das Buch fordert den Christen, Bürger und dann noch den Christen, der Katholik ist und es bleiben will, auf eine ungewöhnliche Weise heraus. Das Gute: Die Herausforderung geschieht nicht wie eher normal auf dem Jahrmarkt der Bücher mit einem agnostischen Verriss der Kirche überhaupt, sondern sie kommt von jemandem, der im Nachwort noch mal klarstellen muss, weil es so ungewöhnlich ist: Er nimmt es dem Leser nicht übel, der sich fragt: Wie kann jemand, der nahezu täglich mit Missbrauchsfällen innerhalb der Kirche zu tun hat, sich dort beheimatet fühlen, ein „gläubiger Christ bleiben“?

Dr Bernd Deininger ist Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Nürnberg. Und er kann versichern, dass er nach wie vor an Gott glaube und – was noch ungewöhnlicher ist – „mich in der Kirche geistig beheimatet fühle“. Ihm helfe dabei, dass sein Glaube losgelöst sei von den Menschen, die das Christentum repräsentieren“. Das versteht der Rezensent sehr gut, der sich auch immer wieder sagen konnte, wenn er mit dem status quo der staatsnahen Kirche in Deutschland konfrontiert wurde: Er lebe mit der Kirche in afrikanischen Ländern, die oft die einzige Hoffnung der Armen darstellt.

Dennoch sagt Deininger etwas, was der Kirche noch Kopfzerbrechen und Arbeit machen wird, denn sie ist nur bedingt und nur in einigen Repräsentanten auf diesem Wege: Die Kirche existiere unabhängig von diesem Glauben. Sie habe in der Vergangenheit den Glauben benutzt, um ihre Macht zu entfalten. Jetzt gelte es, „die an die Laien zurückzugeben. Das würde für die Gläubigen aber auch bedeuten, dass sie selbst mehr Verantwortung übernehmen müssen“. Das Buch enthält in fünf großen klar und unumwunden geschriebenen Kapiteln den Beichtspiegel, in dem die Kirche sich sehen sollte. Es geht hier meist und vorrangig um die Katholisch-römische Kirche mit ihrer Hierarchie. Dagegen ist die Evangelische Kirche mit ihren zwei Sakramenten und dem allgemeinen Priestertum der Laien schon sehr viel weiter. Das erste Kapitel geht um die Mechanismen der Macht einer Kirche, die weiter Drohbotschaft ist, auch wenn sie es vielleicht gar nicht mehr sein will.

Alles dreht sich, auch wenn es Macht und Hierarchie heißt, immer um Sexualität und Sexualmoral. Papst Johannes Paul II habe noch 1992 im Katechismus geschrieben: Neben Prostitution, Vergewaltigung und Pornographie werden auch Masturbation, Unzucht und Unkeuschheit verurteilt. „Unkeuschheit ist ein ungeregelter Genuss der geschlechtlichen Lust oder ein ungeordnetes Verlangen nach ihr. Die Geschlechtlichkeit ist dann ungeordnet, wenn sie um ihrer selbst willen und dabei von ihrer inneren Hinordnung auf Weitergabe des Lebens und auf liebende Vereinigung gelöst wird“.

Die nächsten Kapitel behandeln Kirche und Sexualität. Und behandeln diese verhexte Engführung und Fixierung auf der Lust als Sünde. Sexualität und christliche Kirche seien zwei Dinge, die nicht recht zusammenpassen, schreibt der Autor. Und zitiert Friedrich Nietzsche: Das Christentum habe dem Eros Gift zu trinken gegeben – „er starb zwar nicht daran, aber entartete zum Laster“. Die Kirche erzeuge selbst das Laster, gegen das sie vorgebe zu kämpfen. Kapitel drei geht den Spuren des Macht-Missbrauches nach, die eben zu dem Missbrauch von Minderjährigen so inflationär geführt hat. Das Buch bekommt eine erschütternde Dimension durch die anonymen, aber wirklichen Fälle, die der Autor aus seiner Praxis berichtet. Zu welchen Folgen von Wahnkrankheit das gehen kann, wird einem in dem geradezu abstrusen Fall einer Nonne Erika klar, der weder durch Gespräche noch durch Medikamente zu helfen war. Der Wahn ist eine „Fehlbeurteilung der Realität, an der mit subjektiver Gewissheit festgehalten wird.“ Der Autor sagt, er erlebe solche Realitätsverzerrung oft bei sehr gläubigen Menschen, die gegen die christliche Ordnung verstoßen und vermeintlich schwere Sünden begehen.

Er beschreibt das an dem Fall der Ordensfrau, die erotisch-sexuelle Beziehungen mit einem Lamm aufnimmt, das für sie zum Lamm Gottes wird. Sie war ständig bemüht, seit Kindestagen weder mit Sexualität noch mit Aggression in Berührung zu kommen. Da sie aber von diesen Triebkräften übermannt wurde, „musste sie diese in Beziehung zu Gott setzen. Die Entwicklung des Wahns gab ihr die Möglichkeit, ihre Zuwiderhandlungen psychisch zu überleben. Ohne diese Realitätsverzerrung hätte sie ihre Tat so beschämt, dass sie unter Umständen keine andere Möglichkeit gesehen hätte, als sich das Leben zu nehmen.“ Sie habe eine liebevolle Fürsorge erlebt. Nicht eine einzige lustvolle Erfahrung durfte sie schuldlos genießen. „Sie wusste gar nicht, wie man einen engen sozialen Kontakt knüpft, eine Freundschaft oder eine Liebesbeziehung.“ Den Umgang mit Tieren konnte sie gut, deshalb suchte sie dort, was sie bei Menschen nicht finden konnte.

Das nächste Kapitel behandelt kritisch den Umgang der katholischen und dann der evangelischen Kirche mit den Missbrauchsvorwürfen. Das Schlusskapitel hat der kundige Therapeut, der zugleich ausgebildeter Theologe ist, den Möglichkeiten künftiger Prävention solcher Skandalzustände gewidmet: „Lustfreundlich und gleichberechtigt: was sich ändern muss“.

Der Autor weiß um die Probleme, wenn die Opfer auch noch abhängige Amtsträger und Mitarbeiter der Kirche sind. Vor einigen Jahren wurde ein Missbrauchsfall in einem Priesterseminar bekannt. Priesteranwärter warfen dem Leiter des Seminars vor, sie sexuell belästigt zu haben. Der Fall wurde nur kirchenintern untersucht. Der Leiter wurde wegen zureichender Beweise für schuldig befunden und musste das Priesterseminar verlassen. Wenig später war derselbe Leiter in einem anderen Priesterseminar in einem anderen Bistum tätig. In den Leitlinien der katholischen Kirche ist der Fall nicht vorgesehen, dass jemand vom Rang eines Bischofs seine Macht missbrauchen könnte.

Die katholische Hierarchie wird „fast nie hinterfragt“. Der Klerus erhebt sich über die Laien, der Pfarrer erhebt sich über den Diakon, und über beiden steht der Bischof. Die Macht des Klerus ist an die jeweiligen Ämter geknüpft. Seiner Erfahrung nach, so sagt es an dieser Stelle der Autor mit seiner therapeutischen Autorität, erhalte ein (höheres)  kirchliches Amt, wer sich konform und angepasst verhält. „Kritikfähigkeit oder eine freie Art zu denken bringen für die Karriere eines Geistlichen keine Vorteile“.  Er erwähnt auch, dass – wahrscheinlich sehr zum Erstaunen der normalen Bürger und Leser, selbst jemand, der in der Kirche in Deutschland so unermeßlichen Schaden angerichtet hat wie der Limburger Tebratz van Elst immer noch Bischof ist.

Richtig ändern würde sich etwas, wenn die katholische Kirche kompetente Leute in die hohen Ränge bringen würde. Auch solche, die Querköpfe sind aber eben Charakterstärke haben, um kritische Töne anzuschlagen. Und dann kommt es, fast der Gipfel der Argumentation des Buches, aber eben ganz überzeugend: Nach diesen Kriterien müssten Menschen „wie Hans Küng oder Eugen Drewermann entsprechende Posten erhalten. Das sind genau die Menschen, die aufgrund ihrer Unangepaßtheit ihr Amt nicht mehr ausüben dürfen“.

Die Frage: wie lange noch wird ein so schädigender, den kirchlichen Gemeindebetrieb an den Wurzeln verderbender Zustand anhalten? Eigentlich müssten wir ja wie die deutsche Ordensschwester schreibt, wenn man nicht genug männliche Priester hat, dann muss man eben Frauen ordinieren. Aber der Trost, dass so ein Buch überhaupt frei erscheinen kann und eine ganze Seite Vorankündigung in der ZEIT vom 25. September bekommt, macht den Apparat noch lange nicht durchlässig.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014