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25.11.2013

Ist die Energiewende in Gefahr?

Eicke R. Weber meint, dass die neue Regierung den eingeschlagenen Weg in der Energiepolitik weiterführen sollte. Die Koalitionsverhandlungen in Berlin beunruhigen viele Freunde des Klimaschutzes und der erneuerbaren Energien: Auf der einen Seite setzt sich die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, für den Erhalt von Arbeitsplätzen in der Kohleindustrie und die SPD in Brandenburg für den von Vattenfall geplanten Ausbau der Braunkohleförderung in der Lausitz ein. Auf der anderen Seite gibt es beruhigende Äußerungen, dass alles wohl nicht so schlimm werde, da die von der Bevölkerung mit 92 Prozent Zustimmung gewünschte Energiewende sowohl in CDU/CSU als auch in der SPD starke Unterstützung genießt. Von Eicke R. Weber

Worum geht es eigentlich? Das überaus erfolgreiche Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) hat zu einem beispiellosen Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland geführt, besonders von Windkraftanlagen an Land und Photovoltaik (PV). Dies führte zu einem ebenso beispiellosen Wachstum von PV- Produktionskapazität, zum großen Teil von deutschen Anlagenbauern in China installiert.

Infolge des damit verbundenen technischen Fortschritts und der Marktsituation sanken die Preise so stark, dass wir heute in Deutschland mit einer Investition von unter 1,50 Euro/Watt für ein fertig installiertes System auf dem Hausdach Solarstrom für um die 10 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) ernten können – das ist weniger als die Hälfte unseres Haushaltsstrompreises! Mit einer kleinen Batterie von beispielsweise zwei kWh kann eine Familie jetzt leicht 60-90 Prozent ihres Strombedarfs selbst erzeugen. Und das bei Investitionskosten für das gesamte System, die weit unter 10 000 Euro liegen – noch vor wenigen Jahren ein Traum!

Durch diese Entwicklung sehen die großen Energieversorger ihr bisheriges, für sie bequemes Geschäftsmodell in Gefahr. Sie setzen publizistisch viel in Bewegung, um das Zerrbild einer aus dem Ruder gelaufenen Energiewende an die Wand zu malen. Weiterer Zubau werde Strom unbezahlbar werden lassen! Tatsache ist, dass die Strompreise in diesem Jahr durch die Anhebung der EEG Umlage wieder um knapp 1 ct/kWh steigen werden, also um knapp vier Prozent.

Diese Teuerungsrate liegt im Mittel der letzten 20 Jahre, aber davon sind nur 0,16 ct/kWh dem Zubau von PV und Windrädern zuzurechnen! Preistreibend wirkt außerdem, dass immer mehr Betriebe von der Umlage ausgenommenen werden. Hinzu kommt, dass die Preise an der Strombörse dramatisch sinken, was für energieintensive Betriebe erfreulich ist. An Privatkunden wurde dieser Preisverfall aber bislang nicht weitergegeben. Und die EEG Umlage wird dadurch absurderweise erhöht.

Die Kampagne gegen die Energiewende hat sich ausgezahlt: Der PV Markt in Deutschland wird in diesem Jahr auf die Hälfte schrumpfen – schlechte Nachrichten für Händler und Installateure. Die günstigen Preise könnten diesen Trend aber stoppen, zumal die Kombination von PV System mit eigenem Speicher immer attraktiver wird. Dadurch würde aber immer weniger Strom ins öffentliche Netz eingespeist werden – und nur der treibt die EEG Umlage.

Diese Entwicklung bietet eine große Gefahr für die Betreiber von Kern- und Kohlekraftwerken. Diese sind nur wenig regelbar. Die Grundlast, die sie rund um die Uhr erzeugen, wird in einem System zunehmender Mengen erneuerbarer Energien nicht mehr gebraucht: An guten Sommertagen können wir heute schon hundert Prozent unseres Strombedarfs aus Wind und Sonne decken, und diese Tage werden häufiger werden. Zur Deckung unseres Bedarfs rund um die Uhr sind flexible Gaskraftwerke gefragt, am Besten in Kopplung mit Wärme für Nahwärmenetze. Auf dieser Basis ist der weitere Ausbau der Erneuerbaren rasch möglich.

Die störenden Kernkraftwerke werden bis 2022 abgeschaltet. Eine verstärkte Kohleförderung sowie der Bau neuer Kohlekraftwerke, die ja wenigstens 30 Jahre laufen sollen, sind unnötig. CO2- Emissionen müssen einen Mindestpreis erhalten, Kohlekraftwerke sind wegen der praktisch kostenlosen Emissionen viel zu lukrativ.

Die Energiewende ist bereits so weit, dass wir beginnen die großen volkswirtschaftlichen Vorteile eines weitgehend autarken Systems basierend auf Sonne, Wind, Speicher, guter Vernetzung und in der Übergangszeit Gas, später Biogas, zu erkennen. Daher erwarte ich, dass gesamtwirtschaftliche Vernunft und die mögliche Schaffung Hunderttausender von neuen Arbeitsplätzen in den Technologien der Energiewende dafür sorgen, dass die neue Regierung diesen richtigen Weg entschlossen weitergeht.

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Quelle   Eicke R. Weber 2013Der Autor ist Direktor des Fraunhofer- Instituts für Solare EnergiesystemeErstveröffentlichung "Badische Zeitung" | 02.11.2013