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11.10.2011

Der Golf ist kein iPad

Leider hat Steve Jobs die Computer und nicht die Autoindustrie aufgemischt: warum die jetzigen Autos Steinzeit Desktops sind. Trotz Finanzkrise bekommen ein paar Glückliche immer noch Geld vom Staat. Deutsche Autokonzerne beispielsweise. Die sind zwar nicht arm, dennoch werden sie großzügig von der Bundesregierung in Sachen Elektrifizierung mit Millionen versorgt. Das schmerzt. Daimler, BMW und Volkswagen machen zwar jedes Jahr satte Gewinne, bekanntlich jedoch mit recht konventionellen Steinzeitkisten, die mehr Problem als Lösung sind. Kolumne von Martin Unfried

So müssen die Autobauer den Übergang zu einer verträglichen Mobilität nicht etwa mit ihren eigenen Gewinnen finanzieren. Nein, der Staat hat Spendierhosen an, wenn es darum geht, in Berlin und anderswo elektrische Flottentests durchzuführen. Und er bestraft meistens die echten Pioniere.

Ich hatte vor Jahren mal in Sachen Abwrackprämie recherchiert: wer die damals nicht bekam, waren die deutschen Elektrofahrzeugpioniere CityEL und Twike. Die wurden interessanterweise nie mit Millionen zugeschüttet. Hatten aber schon vor dem Hype mit eigenem Geld in der Elektro-Nische produziert. Pech, dass die Leichtfahrzeuge nur drei Räder haben. Weil ein Auto nämlich vier Räder hat, gab es damals keine Abwrackprämie beim Kauf eines Elektro- Twikes.

Bekanntlich gab es diese auch nicht für innovative Pedelecs oder Carsharing-Neuwagen. Das zeigt herrlich, wie einfach Mobilität in Deutschland gedacht wird.

Unterstützt werden nicht nur vorzugsweise die Großen, sondern auch die wenig originellen Ideen: Volkswagen baut demnach mit staatlicher Hilfe einen Elektromotor in den Golf, wir verschrotten unsere Benziner und kaufen weiter Millionen tonnenschwere, deutsche Neuwagen. Mobilitätsproblem gelöst.

Übersetzt in die Computerbranche wäre das etwa so: Apple hat irgendwann tolle Ideen für Apps und Touchscreen. Staatlich gewollt, wäre allerdings deren Einbau in alte Desktop-Gehäuse. Ein bisschen unhandlich zum Mitnehmen, werden sie sagen, wo wir wieder beim Elektro-Golf wären.

Natürlich musste ich in diesen Tagen daran denken, wie schade es doch war, dass Steve Jobs nicht die Autoindustrie aufgemischt hat. Gerade in dieser Branche fehlt jemand wie er. Volkswagen hat im Jahr 2011 auf der IAA zwar viel elektrischen Wind gemacht, dann aber einen Kleinwagen allen Ernstes als Innovation präsentiert, der mit einem Verbrennungsmotor im Alltagsverkehr 5 Liter Sprit verbrennt. Definitiv kein Steve in Wolfsburg.

Subventionen an Autokonzerne haben sowieso einen Haken: die sind nur an Neuwagen interessiert. Was fehlt, ist eine heftige Unterstützung für Unternehmen, die unsere heutige Autoflotte klimafreundlicher machen könnten. Die meisten Kisten fahren nämlich noch viele Jahre und verschrotten wäre keine nachhaltige Lösung.

Wer entwickelt für uns einen wirklich funktionierenden Öko-Tuning Bausatz für Benziner und Diesel, der den Verbrauch um 20% senkt und von vielen Werkstätten in Deutschland angeboten werden kann? Da braucht es praktische Innovationen bei der Gewichtseinsparung, der Veränderung der Einspritzung, den besten Leichtlaufölen, dem Einsatz von Energiesparreifen und anderen Tricks. Ich habe noch nie davon gehört, dass dies eine Priorität der Bundesregierung ist.

Und auch beim Elektromotor gäbe es jenseits vom Neuwagen kurzfristig viel mehr Potentiale: wer entwickelt einen Plug-in-Hybrid-Bausatz für alle Fahrzeugtypen und macht elektrisches Fahren mit kurzen Reichweiten für alle möglich? Wer kann beispielsweise mittelfristig elektrische Radnabenmotoren in meinen 3-Liter Lupo einbauen?

Einige kleine Werkstätten bieten bereits den Umbau vom Benziner zum Elektroauto an. Allerdings natürlich noch mit hohen Kosten und wenig Geld für die Produktentwicklung. Vielleicht sollten wir mal einen privaten Millionenfonds zusammen trommeln und ein paar Kfz-Werkstätten sponsern.

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Quelle   Martin Unfried 2011Ökosex 2011