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13.10.2011

Mama Mutig

Eine echte afrikanische Heldinnengeschichte.

Gemeinsam gründen die Frauen Umoja, das erste Frauendorf Afrikas. Bis zum Herbst 2009 leben in Umoja 48 Frauen und ihre Kinder. Sie übernehmen Rechte und Aufgaben, die in der partriarchalen Gesellschaft normalerweise nur Männern zukommen. Und so ist es kein Wunder, dass Anfeindungen und Übergriffe auf das Dorf nicht ausbleiben.

Die Frauen ziehen schließlich einen Zaun aus Dornen rund um ihr Territorium – so bleibt das Vieh drinnen und die Männer draußen.In ihrem gemeinsamen Buch erzählen die Dorfgründerin Rebecca Lolosoli und die bekannte Fernsehjournalistin Birgit Virnich zusammen die Geschichte von Rebecca und Umoja. Sie dokumentieren den Kampf dieser mutigen Frauen um Eigenständigkeit, Anerkennung und Freiheit in einer mehr als frauenfeindlichen Umgebung.

Erst als die Autorin Rebecca Lolosoli schrottreif geschlagen wurde von einer Bande Samburu Männer in Archer’s Post und sie verletzt in ein Krankenhaus in Isiolo im Norden von Kenya gebracht wird, ist sie so fertig, dass sie nicht sich dem Kummer und der Trauer überlässt, sondern bereit ist zur Rebellion.

Das Buch zeigt uns, wie auch afrikanische Frauen Widerstand leisten können. Sie fangen an, sich selbständig zu machen, sie gründen ein Frauendorf. Sie haben auch ganz praktische Ideen, weil sie es selbst in die Hand nehmen müssen. Es gibt keine Stelle, um Subventionen abzuholen. Sie müssen das Dorf da einrichten, wo Touristen hinkommen.

Hinter der Brücke am Ortseingang von Archer’s Post, da, wo die Frauen immer die Touristen abfangen und ihnen ihren Schmuck verkauften. Dort legen 15 Frauen einen Schwur ab. „Egal, was passieren würde, wir wollen einander Schutz geben und aufeinander aufpassen.“ Jede der 15 Frauen hatte eine andere Art körperlicher Gewalt erfahren. “Wir hatten es satt, uns bevormunden zu lassen. Dieses Land sollte der Schutzraum werden. Niemand sollte hier je geschlagen werden“.

Ganz glaubwürdig ist diese Geschichte aus afrikanischer Sicht geschrieben. Denn das Geschlagen werden ist zunächst nicht nur etwas Normales, es gehört zur Tradition der Nomaden und ist Teil von etwas, was man verschämt ihre Samburu Kultur nennen könnte. Wenn einem das Wort Kultur nicht im Munde erstirbt.

Die Autorinnen beschreiben, wie spannend dieser Entschluss war und wie sie sich wehren und durchsetzen mussten: „Wie würde der Ältestenrat reagieren?, fragten wir uns kichernd.“ Ihnen war klar, dass ein reines Frauendorf gegen alle bestehenden Regeln verstieß und die reine Provokation darstellte.

Es ist einerseits so ähnlich, wie es Alice Schwarzer und die Feministinnen beschreiben. Frauen wehren sich. Aber sie wehren sich hier anders. So bekommt die Rebecca im Frauendorf noch ihr fünftes Kind, die Tochter Silvia, die schon in dem Frauendorf niederkommt.

Das Grandiose an der Geschichte ist etwas, was wir verbildeten Europäer immer für unmöglich halten: Dass in Afrika mal etwas ohne uns Europäer oder „muzungus“ (so das Suaheli Wort für uns)  geschieht. Dass ein Frauendorf ohne eine große Anzahl von NGOs, von Nicht-Regierungsorganisationen entsteht, ohne die Weltbank, ohne das BMZ, ohne die GTZ – die machen das alles selbst.

Und sie belegen das auch in dem Buch, wie überrascht sie von sich selbst sind, denn sie halten die Schläge der Männer ja für den normalen Ausdruck der Samburu Kultur. Als sie es wagen, wegen des Mordes eines Mannes an seiner Frau vor ein Gericht im Distrikt zu gehen, bekommt der Mörder sieben Jahre Gefängnis.

Es war – nach Meinung der Autorin – das erste Mal überhaupt, dass dem Mord an einer Frau durch den Ehemann nachgegangen wurde vor Gericht. Normalerweise seien das „Zwischenfälle“ gewesen, die als Familien-Angelegenheiten verharmlos wären, die die Behörden nichts angingen. Noch eindrücklicher schreibt die Autorin. „Es fehlte den meisten Frauen wie den Männern das Verständnis, dass Gewalt gegen Frauen ein Unrecht ist“.

Das gleiche gilt für die Beschneidung, die für sie ein Tabu war: „Die Beschneidung gehörte einfach zu unserer Kultur und wurde nicht hinterfragt“.  Da kam eine kenyanische Organisation mit einigen Mitarbeiterinnen zum Thema Menschenrechte angereist. Die Frauen im Dorf  erfuhren nun, dass schon das Wort „Beschneidung“ im Englischen durch „weibliche Genitalverstümmelung“ ersetzt worden war. Das traf die Frauen wie ein Blitz.

Denn erst durch diese Worte erfuhren sie, was ihnen widerfahren war: „Die Verstümmelung ihrer Genitalien“. Die Autorin, die von sich sagen muss, dass sie schon mehr verstand als die anderen Frauen, ist entsetzt. Ihr wurde klar, wie massiv ein derartiger Eingriff war, wie qualvoll, warum sie dabei soviel Blut verloren hatte und fast gestorben wäre. Man habe ihr die Klitoris und die Schamlippen entfernt, ohne das Messer sterilisiert zu haben.

Sie gehen in die Distrikthauptstadt Maralal und pachten für 100.000 Kenya Schillinge das Stück Land für ihr Frauendorf.  Eine Riesensumme von 1000 Euro, die sie als Kredit aufnehmen.

Sie holen sich für den Bau einer Schule im Frauendorf Bauarbeiter, Maurer. Zum ersten Mal im Leben steht eine Bauherrin vor ihnen. Die meisten wollten loslachen, aber da sie bezahlt werden, lassen sie das bleiben. Das Dorf bekommt die Schule und alle, die vorbeikommen, erfahren die Dorfordnung, die ganz kurz und sensationell ist: „Wir  Frauen haben hier das Sagen. Das Land gehört uns Frauen und wir dulden keine Gewalt gegen Frauen“.

Man würde gern ein erklärendes Nachwort in dem Buch haben. Warum es in der Nähe nach Ende der Kolonialzeit ein britisches Militärcamp gab? Einige Begriffe aus dem Suaheli könnte in einem Glossar erklärt werden. Aber das ist keine Kritik.

Das Buch ermutigt alle, die anfangen, an Afrika irrezuwerden. Rebecca geht am Ende in die Politik. Die deutsche Koautorin sagte es am Anfang: „Ohne dass sie je vom Feminismus westlicher Prägung gehört hätten, haben sie für die Rechte der Frauen gekämpft und sind dabei einen ganz eigenen afrikanischen Weg gegangen“.

Trotz aller Widrigkeiten habe Rebecca nie ihre Lebensfreude verloren. Birgit Virnich: „Davon können auch wir Europäer lernen“.

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Quelle   Rupert Neudeck 2011Grünhelme 2011