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16.11.2011

Die Kraft der Natur

Eine Ära geht zu Ende. Das Ende des Atomzeitalters ist politisch eingeläutet- zumindest in Deutschland, Italien und in der Schweiz. In Österreich haben die Bürger in einer Volksabstimmung schon vor 35 Jahren gegen den Willen ihrer Regierung beschlossen: Keine Atomkraft! Hinzu kommt: die fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas gehen bald zu Ende. Sie verursachen aber auch den Klimawandel. Deshalb fördert die Bundesregierung die Ökoenergien und animiert die Bürger zum Energiesparen.  Aber kann der Atomausstieg gelingen ohne Wiedereinstieg in die fossile Energiewirtschaft? Und wie teuer wird der 100%-Umstieg auf erneuerbare Energien? Exklusiv für HÖRZU beschreibt Franz Alt, wie die Energiewende in Deutschland gelingt.

So wird die Energiewende zum Gewinn für alle

Im Sommer 2011 gewinnt Deutschland 19% seines Stroms aus Ökoquellen. Manche Regionen und Kommunen sind bereits heute auf 100% Ökoenergien umgestiegen. Hunderte positive Beispiele zeigen, dass Deutschland und Europa im Strom- und Wärmebereich in etwa 20 Jahren zu 100% erneuerbar sein können. Technisch ist das möglich. Die offene Frage freilich heißt: Wer soll das bezahlen?

Schon die heutigen Ziele der meisten Landesregierungen sind ehrgeizig- und zwar unabhängig von der Parteifarbe.  Die schwarz-gelbe Landesregierung in Bayern hat ebenso wie die grün-rote in Baden-Württemberg beschlossen, rasch tausende Windräder  installieren zu lassen. Das Genehmigungsverfahren  für Photovoltaik-Anlagen und für Biogasanlagen soll vereinfacht werden. Die süddeutschen Länder waren bisher Windenergie-Entwicklungsländer. So gewinnt Sachsen-Anhalt heute bereits 52 % seines Stroms über Windmühlen, Baden-Württemberg und Bayern aber nur ein Prozent – bei ähnlichen Windverhältnissen. Die Windradbetreiber im Süden müssen ihre Mühlen um nur 20 Meter höher aufstellen, um Windernten wie in Norddeutschland zu erreichen.

Wie könnte der künftige Energiemix aus Erneuerbaren aussehen?

  1. Windenergie – die Dynamische. Bisher schon liefern 23.000 Windräder in Deutschland etwa sieben Prozent unseres Stromverbrauchs. Wenn jetzt die Windkraft in ganz Deutschland ausgebaut wird und in Nord- und Ostsee Offshore-Windparks installiert werden, dann können bis 2030 etwa 40 % unseres Stroms  über diesen Hoffnungsträger gewonnen werden.
  2. Biomasse – der Alleskönner. Vor allem in ländlichen Gebieten erfreut sich Bioenergie immer größerer Beliebtheit. Hunderte Dörfer wollen und können schon in zwei bis drei Jahren zu 100% Energie-autark sein. Einige Dutzend sind es schon heute. Von Flensburg bis Konstanz werden tausende Biogasanlagen gebaut, in denen hauptsächlich Reststoffe wie Gülle, Stroh, Mist und Pflanzenreste, aber auch Energiepflanzen wie Raps, Mais und Schilfgras zu Energie umgewandelt werden. Bei Biomasse-Energie ist es wichtig, Monokulturen wie Mais zu vermeiden, aber auch lange Anfahrtswege. Das Motto einer intelligenten Gewinnung von Energie aus Biomasse heißt: Aus der Region für die Region! Das Multitalent Bioenergie ist im Gegensatz zu Sonne und Wind speicherbar und kann sowohl zur Wärmegewinnung, zur Stromerzeugung wie auch als Fahrzeugsprit eingesetzt werden. Nach Berechnungen der Agentur für Erneuerbare Energien kann Biomasse bis 2020 schon 12 % des gesamten deutschen Energieverbrauchs decken. Bis 2030 können es 25 % sein. Schweden will bis 2020 schon ohne Erdöl auskommen und dieses vorwiegend durch Biomasse ersetzen. In Österreich und in der Schweiz ist Biomasse-Energie schon lange selbstverständlicher als bei uns.
  3. Solarenergie – die Himmlische. Die Sonne schickt uns jede Sekunde unseres Hierseins 15.000mal mehr Energie als alle Menschen zusammen verbrauchen. Die Natur kennt kein Energieproblem. Wir müssen lernen von der Natur. Schon jetzt ersetzt die solare Stromerzeugung in Sommermonaten in Deutschland bis zu 10 Atomkraftwerke. Aber erst zwei Prozent unserer Dächer haben Solaranlagen. Im Winter freilich bringt die Solarenergie wenig Strom. Deshalb heißt die Lösung für die Zukunft Energiemix. Häufig scheint bei uns die Sonne, wenn der Wind nicht weht. Und oft weht Wind, wenn die Sonne nicht scheint. Das ergänzt sich vortrefflich. Wasserkraft, Erdwärme und Bioenergie stehen uns aber rund um die Uhr und zu jeder Jahreszeit zur Verfügung. 2011 produzieren wir in Deutschland erst 3% Solarstrom, aber bis 2020 können es 20% sein und bis 2030 schon 35%. Allein 2010 hat sich der Solarstrom-Anteil hierzulande verdoppelt. Langfristig steht die Lösung des Energieproblems am Himmel. Öl, Kohle, Gas und Uran gehen zu Ende, aber die Sonne scheint noch in Milliarden Jahren.
  4. Wasserkraft – die Speicherbare. Wasserkraft ist die älteste regenerative Energiequelle. Rund drei Prozent des Stroms werden in Deutschland über 7.500 Wasserkraftwerke erzeugt. Vor 100 Jahren rauschten hierzulande 75.000 Wasserkraftwerke den Bach hinunter – freilich überwiegend kleine. In der Hand von Bauern. Der Anteil der Wasserkraft lässt sich in Deutschland bis 2020 leicht verdoppeln. Weltweit ist Wasserkraft neben der Biomasse die am meisten genutzte erneuerbare Energie. Anders als Wind und Sonne ist auch die Wasserkraft speicherbar – ähnlich wie die Biomasse, eine Eigenschaft, die umso wichtiger wird, je schneller wir auf 100% umsteigen wollen.
  5. Erdwärme – die Nische. Auch die Geothermie, die Wärme aus der Erde, hat riesige Potentiale. 99% unserer Erdkugel sind über 1000 Grad heiß. Zum Strombedarf trägt Geothermie bisher in Deutschland kaum bei. Im Gegensatz zu Neuseeland, Island oder Kalifornien. Experten schätzen, dass in Deutschland künftig bis zu 30 % unseres Wärmebedarfs und fünf Prozent unseres Stroms aus Geothermie gewonnen werden kann. Schon heute wird in der Schweiz praktisch kein neues Haus mehr gebaut, das nicht über Erdwärme versorgt wird. In München-Unterhaching gewinnen 20.000 Menschen Strom und Wärme aus der Tiefe. In der Region München sind deshalb 15 weitere Großprojekte aus Erdwärme geplant.
  6. Wellenenergie – Energiereserve im Meer. Das theoretische Energiepotential des Meeres ist 80mal größer als der heutige Energieverbrauch der Menschheit. In der Praxis aber ist Deutschland noch unbefriedigend auf die Energiewende vorbereitet. Es fehlen vor allem Speicherkapazitäten für die unbeständige Sonnen- und Windenergie. Und es fehlen Leitungen für eine dezentrale erneuerbare Energieversorgung.

Die alte Energiewirtschaft (Eon, RWE, Vattenfall und EnBW) hätte schon in den letzten Jahren 4.000 Kilometer neue Leitungen bauen müssen, aber nur 750 Kilometer wurden gebaut. Das Hauptproblem für eine komplette Versorgung mit Ökoenergien sind die alten zentralisierten Strukturen der Großkonzerne, der vier Energie-Besatzungsmächte. Die Technologien der zukünftigen Speicherkapazitäten, die jetzt überall erprobt werden, heißen Pumpspeicher-Kraftwerke, Druckluft-Speicherkraftwerke, Kombispeicher-Kraftwerke, Blockheizkraftwerke, Wasserstoff und neuartige Batterien. Die Kosten dieses Umbaus sind beträchtlich, aber finanzierbar. Das Bundesfinanzministerium schätzt, dass künftig durch diesen Umbau eine Kilowattstunde Strom einen halben Cent teurer werden wird. Wirtschaftsinstitute rechnen zwischen ein und drei Cent Mehrkosten pro Kilowattstunde.

Erneuerbare Energien kosten, aber keine erneuerbare Energien kosten die Zukunft. Alle aktuellen Berechnungen sind kurzfristig geplant. Langfristig werden die alten Energieträger schon durch ihre Begrenztheit unbezahlbar. Die Folgekosten des Klimawandels kommen dazu. Die Probleme der atomar-fossilen Energie sind grundsätzlich nicht lösbar. Je rascher wir auf Erneuerbare umsteigen, desto preiswerter wird die Energie der Zukunft, denn Sonne und Wind schicken keine Rechnung.

Durch Massenproduktion werden die neuen Technologien immer preiswerter. In den letzten fünf Jahren hat sich der Preis für eine Kilowattstunde Solarstrom halbiert und dieser Prozess der Kostenreduktion geht weiter. Pellets sind schon heute 40 % billiger als Öl oder Gas. In zwei bis drei Jahren ist der Solarstrom vom eigenen Dach preiswerter als der Atom- oder Braunkohlestrom aus der Steckdose. Sonne, Wind, Wasserkraft und Erdwärme sind kostenlose Geschenke der Natur und sie sind direkt vor unserer Haustür in Fülle vorhanden.

Nach Fukushima sind fast 90 % der Deutschen für die rasche Energiewende. Allerdings: ohne Energiesparen und mehr Energie-Effizienz wird diese Wende nicht gelingen. Angela Merkel nennt Effizienz und Sparen „den schlafenden Riesen der Energiewende“. Zwei Beispiele: Nur 2,5 der 17.8 Millionen in deutschen Wohnhäusern installierten Ölheizungen entsprechen dem Stand der modernen Heizungstechnik. Und: 87% der Häuser in Deutschland sind vor 1990 gebaut und sehr schlecht wärmegedämmt. Wer seinen Altbau besser dämmen lässt, kann bis zu 80% seiner Heizkosten einsparen und die Umwelt schonen.

Jede neue Technik hat ihre Kinderkrankheiten – zum Beispiel die noch immer zu schwachen Batterien für künftige Elektroautos. Aber an der Überwindung dieser Schwachstellen wird weltweit gearbeitet und Deutschland ist vorne mit dabei. Je mehr verantwortungsbewusste und zukunftsfähige Bürger am Umbau mitarbeiten, desto rascher schaffen wir die Wende, die uns auch unabhängiger vom ausländischen Öl, Gas oder Uran macht. Das Geld für die Erneuerbaren bleibt im Land und die Arbeitsplätze entstehen hier. Schon heute arbeiten 370.000 Menschen in den erneuerbaren Branchen. Bis 2020 können es eine Million sein.

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Quelle   © Franz Alt 2011Exklusiv für HÖRZU Nr. 45/2011