Ad

Anzeige

Zurück zur Übersicht

17.11.2011

Kein Facebook- aber eine richtige Revolution

Das ist das ausgereifteste und informativste Buch zum arabischen Frühling. Zusätzlich zu allem anderen, was die anderen Bücher auch haben, weht hier durch alle Kapitel der Atem der Zeitgeschichte, den Jörg Armbruster in diesem Buch über die von ihm interviewten Zeitzeugen wehen lässt.

Es enthält das Panorama aller Bewegungen, das sich von dem Magreb bis in den Nahen Osten ergeben hat. Es beginnt mit dem 25. Januar 2011, dem „Tag des Zorns“ in Ägypten, der sich dann am 2. und 3. Februar fortsetzt beim Kampf um den zentralen Platz (Gott sei dank nicht des himmlischen Friedens), den Tahrir Platz. Dann gelingt die Revolution, schändlich für den lang dienenden Diktator, der einfach raffgierig sich aus dem Staube macht.

Der Autor geht einen Schritt zurück, einmal zum 7. Juni 2010, als der 28jährige Khaled Said in Alexandria von Polizisten so brutal zusammengeschlagen wird vor einem Internetcafe, dass er stirbt: „Als er tot war, haben sie seinen Körper weggeschafft wie den Kadaver eines Schafes“, sagt ein Zeuge.  Dann geht er zurück zum 17. Dezember 2010, zu Mohammed Bouazizi, der durch seine Selbstverbrennung das Fanal der Revolution entzündete, das bis heute nicht mehr ruhig geworden ist.

Der ARD-Korrespondent für den ganzen afroasiatischen Raum behandelt den Staatszerfall im Jemen, die Kämpfe zwischen Schiiten und Sunniten, denen Saudi Arabien ein Ende durch Einmarsch seiner Truppen machte. Die schreckliche Malaise in Syrien, in der ein unbewaffnetes Volk gegen Panzer steht, die schießen, auch gegen Zivilisten. Der Frühling in Libyen ist ein großes Kapitel. Armbrusters, es behandelt die lebendigen Kräfte in der arabischen Jugend, die Rapper in West und Ost, die auch zum Zerfall der Tyranneien beigetragen haben.

Am Schluss beschreibt er die tragische Entwicklung Israels, das nicht begreift, dass es nicht mehr auf seiner einzigartigen Rolle der einzigen Demokratie des Nahen Ostens bestehen kann. Heute können Ägypter und Tunesier mit Stolz den Israelis vorhalten: „Wir denken genauso demokratisch wie ihr, vielleicht sogar ein bisschen demokratischer, weil wir niemanden besetzt haben.“ Armbruster zitiert beifällig den Israelischen Historiker Tom Segev, der sich sorgt um die israelische Demokratie. “Während wir sehen, wie sich die arabische Welt demokratisiert, wird in Israel die Demokratie schwächer. Wir haben einen Außenminister, dessen Partei man mit rechtsradikalen Bewegungen in Europa vergleichen kann“.

Die Kapitel über die gewaltige Bewegung in dem mächtigsten und wichtigsten Schlüsselland der arabischen Hemisphäre macht uns Westlern noch mal deutlich, was wir alles in und an Ägypten gern übersehen haben.  Das Land am Nil war immer  ein verlässlicher Verbündeter der USA und des Westens. Der Tourismus boomte und die Staatschefs waren zuverlässige US-verbündete Generäle.

Der Autor beschreibt das an dem verhassten Innenminister von Mubarak, Ibrahim el-Adly. Sein Sündenregister war nicht nur sehr groß, es war auch bekannt. Amnesty International hatte Jahr für Jahr darauf aufmerksam gemacht. Als der Innenminister ins Gefängnis kam, weigerte er sich, die Gefängniskleidung anzuziehen: „Wissen Sie eigentlich wer ich bin?“ schnauzte er den Polizisten an: Der antwortete: „Natürlich, ein Untersuchungsgefangener wie viele hier!“

Zwischen den Völkern hatte hier natürlich nichts begonnen, wie sollte das auch, wenn die ägyptische Bevölkerung wusste, dass Mubarak still hielt zur Tatsache der fortdauernden Besatzungsregime der Israelis über die Palästinenser.

Dieser Innenminister war eben ein „Garant für Friedhofsruhe und Friedhofsordnung, die er wie Blei über das Land gelegt hatte. Er war zuständig für die Drecksarbeit des Regimes, ohne die es nicht so lange hätte überleben können.“

Armbrusters Buch liest sich deshalb so gut, weil es immer eine analytische Darstellung ist, die angereichert wird durch all das was er persönlich mit seinem Team als Journalist immer erlebt hat. Armbruster berichtet, wie die Menschen auf dem Tahrir Platz frenetisch wie aus einem Mund geschrien und vor Freude gebrüllt haben, als sie die Nachricht hörten, dass Mubarak getürmt sei.

Er weiß keine bündige Antwort auf die Frage: Warum jetzt im Jahre 2011?

Facebook und Twitter waren wichtige Hilfsmittel, aber sie hätten nicht gereicht, um die Revolution zu machen. Es war keine Facebook-Revolution, wie es die Internetromantiker gern hätten. Das Militär habe in allen Revolutionsländern wahrscheinlich die ausschlaggebende Rolle gespielt.

„Überall dort, wo sich die Generäle gegen die Revolution stellen, scheitert die Revolution“, verlaufe jedenfalls blutiger. Die Armeen spielen eine ganz unterschiedliche Rolle, aber ihr Verhalten kann man dennoch vergleichen. In Tunesien war sie schlecht bezahlt und in schlechten Quartieren untergebracht und stellten sich schon bald auf die Seite der Aufständischen. In Ägypten auch, aber aus eher taktischen Gründen.

Armbruster bringt die Überraschung dieses Aufbruchs in den Kontext einer Welt, die sich schon daran gewöhnt hatte, dass sie es nicht packen wird. Der Autor zitiert das Buch des libanesischen Historikers Samir Kassir mit dem lapidaren Titel „Being Arab“ von 2004. Kassir beschrieb noch sechs Jahre vor dem allgemeinen Ausbruch der Revolte die Ohnmacht und Sackgasse, in die sich die Araber begeben hätten: Ohnmacht sei der „Inbegriff des arabischen Unglücks. Eine Ohnmacht, die daran hindert, das zu sein, was man den eigenen Vorstellungen nach sein müsste“. Der Autor wurde durch eine vermutlich vom syrischen Geheimdienst gelegte Autobombe in Beirut am 2. Juni 2005 ermordet. Es war höchste Zeit ihn zu ermorden, denn er hatte den Abzug der syrischen Truppen und das Selbstbestimmungsrecht der Völker verlangt. Aber er ahnte noch nicht, dass seine düsterste Prognose fallen würde: „das größte Unglück der Araber besteht in der Weigerung, es zu überwinden“.

Wunderbar, wie Armbruster die Lähmung beschreibt, die er erlebte noch ein Jahr vor der Revolution im Gymnasium der deutschen Borromäerinnen in Kairo. Alle jungen Mädchen waren desinteressiert, passiv, vorsichtig, hatten keinen Sinn für irgendwelche gesellschaftlichen Fragen nach der Zukunft ihres Landes. Ein Jahr später explodiert das Interesse. Solche Geschichten machen das Buch zu einer fesselnden Lektüre.

Der arabische, sagen wir vorsichtiger: der maghrebinisch-arabische Raum kann im besten Fall demokratisch und friedlich und ökonomisch ausstrahlen auf den gesamten Kontinent Afrika. Er hat allerdings auch zwei fatale Bremsklötze: Das ungelöste Palästinaproblem und das Problem der stellvertretenden Ordnungsmacht Saudi Arabien, das sich als Gegenpol zu Ägypten aufbaut.

Saudi-Arabien hat Jörg Armbruster zu Recht kein Kapitel gewidmet, weil es in seinen Grenzen bisher noch nicht mal den Schimmer des Anscheins einer Revolte zugelassen hat. Aber Revolutionen beginnen nicht dadurch, dass man sie zulässt, sondern dass sie explodieren.

Zurück zur Übersicht

Quelle   Rupert Neudeck 2011Grünhelme 2011