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08.12.2011

Gewaltlos gegen den Krieg

Flucht vor den Bomben, als Jugendlicher im Krieg, vom ersten Ostermarsch an dabei, in vielen Teilen der Welt für Frieden tätig, Politikwissenschaftler und Friedensforscher Andreas Buro erzählt, wie er zu seiner Lebensaufgabe fand, Frieden zu fördern und Krieg zu überwinden. Ein spannungsreiches, oft riskantes und doch erfülltes Leben zwischen den düsteren Wolken der herrschenden Machtpolitik und dem Einsatz für eine friedlichere Welt.

 Das liest man mit Verwunderung und Behagen. Denn man kann sich nicht vorstellen, dass dieser lebhaft aktive und nie im Ruhestand verweilende Mann schon 1928 in Berlin geboren wurde. Aber das Buch ist nicht für Quoten geschrieben. Quoten und Bestsellerauflagen machen heute nur noch ein Promistatus, den man sich beim Fußball, Autorennsport, Fernsehen oder bei Dieter Bohlens Castingshow erwirbt. Das alles kann Andreas Büro nicht vorweisen. Bekannt wurde er mit seinen immerwährenden Versuchen, beginnend mit dem Ostermarsch 1960, für Gewaltlosigkeit und Pazifismus einzutreten. Die sechziger und siebziger Jahre beschreibt er voller Dramatik, wobei er den Einklang zwischen seinem privaten und dem öffentlichen Leben immer wieder genauestens beschreibt.

Buro, wenn man das platt so sagen darf, hatte sich politische Glaubwürdigkeit zeit seines Lebens errungen, weil er sich nicht in der Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit prostituieren ließ. Er hat den Grabenkampf in den Parteien nicht begonnen, war gar nicht in Gefahr, bei seinen Friedenspolitischen Aktionen jemals vom Staat abhängig zu sein. Voller großer Toleranz war er mit der eigenen Familie wie mit seinen Bewegungen, es hatten dort immer alle Platz. Es gab (und gibt) die Ostermarsch Kampagne, die Kampagne für Demokratie und Abrüstung, das SB, das „Sozialistische Büro“, das Komitee für Grundrechte und Demokratie“ uva. Es gibt nie ein beherrschendes Zentralkomitee.

Buro ist auch Familienmensch und kümmert sich um die Kinder. Bewegend wie er beschreibt, dass sich bei seinem Sohn Julian durch das auf einen Hochspannungsmast klettern und einen Sturz über eine Gehirnerschütterung hinaus eine Persönlichkeitsspaltung entwickelte, die ganz offenbar nicht zu heilen – sondern nur in Geduld und elterlicher Liebe zu ertragen war. Der Sohn wurde zum Fahnenflüchtling, haute ab nach Kreta, der Vater nahm ihn zurück, erreichte, dass er einen sehr menschlichen Haftrichter hatte und konnte Julian erst nach Hause mitnehmen.

In den 70 Jahren gibt es große Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg gegen den Radikalen-Erlass, es gibt die große Enttäuschung, dass dieser Radikalen-Erlass ausgerechnet in der Regierungszeit von Willy Brandt erlassen wird. „Wer ist unser Guru? Das ist Andreas Buru“! Auch der Humor kommt in dem Buch nicht zu kurz.

Das SB, das Sozialistische Büro, war das Kind von Andreas Buro. Nie war das groß, immer klein, aber es hatte überzeugte Mittäter. Es wurde 1976 die Pfingstkonferenz in Frankfurt abgehalten. „Was an Empörung sich so lange angestaut hatte, explodierte geradezu in Diskussionen und Vorschlägen“. Das war die Szene im Zelt auf dem Platz wo sonst die Frankfurter Dippemess abgehalten wird: als der Ruf kam, dass der Guru der Andreas Buru ist.

Auf seine Art war dieser Andreas Buro und viele der tausende von ganz ernsthaften und glaubwürdigen Mitkämpfern der Grundstock für einen Widerstand, der sich wieder neu bilden muss. Der sich umso gebieterischer wieder formieren muss, weil die Waffengewalt und der Waffenexport und die Ausübung von Politik mit militärischen Mitteln eine Normalität erreicht haben, die geradezu sprachlos macht.

Aber die Sprachlosigkeit soll es nun gerade nicht geben. Es wäre gut, das Vermächtnis von Andreas Buro würde weit beachtet.

In einer Zeit, in der der Verfassungsschutz und Geheimdienste völlig unangefochten große Superagenten geworden sind, ist es wichtig, das nachzulesen, was Helmut Gollwitzer, der unvergessene protestantische Theologe bei dem Tribunal gegen den Radikalen erlass am 29. März 1978 im Bürgerhaus Frankfurt-Harheim sagte: „Kein Verfassungsschutz kann unsere freiheitlich demokratische Grundordnung besser garantieren als der Verfassungsschutz, der wir selber sind“.

Sozialistische Politik, wie er sie verstand, sei keine Politik der Gewalt gegen die Träger von Gewalt, gegen das Militär. „Sie ist eine Politik der Veränderung von Bewusstsein und der Durchsetzung friedenssichernder Alternativen in Rüstung, Ökonomie und Gesellschaft auf der Basis massenhaften Interesses“.

So jemand war erst ein Manager bei einem großen Holzunternehmen, die Konzernspitze bot bei einem Besuch der FAO-Tagung (Landwirtschaftsorganisation der UNO) in Rom an, Buro könne als Geschäftsführer die größte Firma übernehmen. Das hätte – schreibt er nüchtern – ständige Reisen durch die ganze Welt bedeutet. Die Zweifel, ob er eine Industrie-Karriere anstreben sollte, löste er im Sinne einer anderen Berufung. Er begann noch mal 1966 mit dem Studium der politischen Wissenschaft, erst in München mit vorwiegend konservativen, dann in Frankfurt bei eher modernen Professoren wie bei Prof. Iring Fetscher. Das, was Buro Doppelleben nennt, ging immer weiter. Im Dezember 1968 kommt auch noch das vierte Kind, Marie Anna, da war Buro von München längst wieder nach Hessen, in ein Dorf namens Hundstadt gezogen, einen Ortsteil von Grävenwiesbach. „Alle waren glücklich über diesen hessischen Familienzuwachs“.

Buro und seine Mitkämpfer waren gefeit gegen die Versuchungen der Gewalttäter und bewaffneten Terroristen vom Schlage der RAF. Dagegen imprägnierte ihn gewiss seine Herkunft, aber auch die Satyagraha Normen zum gewaltlosen Widerstand von Mahatma Gandhi. Sein Konzept war fast religiös, aber eben doch nicht an eine Konfession gebunden. BoA, so wie es Heinrich Böll immer wollte, der zu früh gestorben war: „Bundesrepublik ohne Armee“. Er setzte sich überzeugend mit allen auseinander, auch mit der Führungsakademie der Bundeswehr, den Generälen Reinhardt und Klaus Naumann.

Das Buch bietet überzeugende Bruchstücke dieser Arbeit um die Gewaltfreiheit, die nie aufhört. In diesem Buch kommt einer der überzeugendsten Vertreter zu Wort. Er war immer auch ganz realistisch, und setzte sich für die Aufnahme von bosnischen Kriegsflüchtlingen in Deutschland ein. Immer konkret, nie nur grundsätzlich und hypothetisch. Es war ja schwer geworden in den Jahren, 1992ff., als der Balkan explodierte und alle nur spornstreichs in Richtung Gewalt und Militär zogen. Auch da hörte diese Bewegung nie auf, konkret für Menschen in Not tätig zu sein, Sommerurlaube für Kinder auf der Adria Insel Hvar zu organisieren. Zur Kosovo Entwicklung würde ich mich mit Buro noch mal an einen Tisch setzen, denn da war ich damals am Rande der Verzweifelung und konnte die Unterdrückung und Diskriminierung der Albaner nicht mehr mit ansehen.

So berichtet er von einer Debatte, zu der die Gewerkschaftsführung nach Nürnberg einlud, wo ganz viele serbische Kollegen anwesend waren. Ein Serbischer Arbeiter sagte zu Buro: „Professor, Sie müssen doch verstehen, dass die Serben in ihrem Land untereinander und nicht mit Menschen aus allen möglichen Völkern zusammenleben wollen“. Darauf holte Buro seine sanfteste Stimme hervor und sagte, das sei interessant. Die Serben würden diesen Wunsch auch sicher für andere Völker gelten lassen. „Allgemeines Wohlwollen“ breitete sich auf den Gesichtern aus. „Ich fragte dann lautstark, wann die Serben ihre Koffer packen und nach Serbien zurückkehren, damit die Deutschen endlich unter sich leben könnten“. Danach hat man sich gut verstanden, denn man vereinbarte ein Hilfsprojekt für kriegsgeschädigte Kinder gleich welcher Herkunft.

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Quelle   Rupert Neudeck 2011Grünhelme 2011