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12.01.2012

Wie wollen wir leben?

Ich frage nur – Ich frage nur umgekehrt - Vertreter zweier Generationen im Gespräch. Von Rupert Neudeck

Dass Bücher erscheinen, die eigentlich keine mehr sind, wird zunehmen. Die Talkshow als Buch. Oder, um es mit dem Werbespruch der US-Fernsehens zu sagen: Sie sahen die Talkshow, jetzt lesen Sie das Buch! (Wie man in den USA zum Bibel-Film  sagte: “You saw the movies, now read the Bible!“)

Sandra Maischberger fügt sich hier gut ein in die Reihe der Helmut Schmidt und Fritz Stern, des Giovanni di Lorenzo und des Karl Theodor zu Guttenberg. Das Buch wirkt wie eine Talkshow in Buchform, allerdings etwas besser als die Talkshow, denn hier kann noch nachgebessert werden, da können noch über gefaxte Textpassagen gegangen werden, dort kann auch korrigiert werden.

Nun ist der Münchener Hans Jochen Vogel einer der vorbildlichsten Politiker, die die deutsche Republik seit 1949 aufzuweisen hat. Er hat aus seiner Pflicht- und Tugendverhaftetheit aber nie eine Werbung gemacht. Er ist zu den älteren und manchmal kurz vor dem Sterben lebenden Politiker-Kollegen für ganze Tage gegangen, um mit ihnen zu sprechen, ohne daraus auch noch P.R. für sich zu machen. Er ist somit ein Sonderfall.

Ich musste es von ihm nicht wissen, aber es hat mir eingeleuchtet: So jemand wird nie die Privilegien der Macht anstreben geschweige ausnutzen. Nie sei er erster Kasse geflogen.

Er wehrt sich auch gegen das eilig von der Mitautorin hingeworfene Wort von der Politischen Klasse, das ihn als Politiker den Wählern und Volk gegenüberstellt.

Man erfährt so viel über die kluge Journalistin wie über denn seit fünf Jahren im Altersheim lebenden deutschen SPD-Politiker.

Immer noch versucht er bei striktester Grundsatztreue in Fragen der politischen Auseinandersetzung auszugleichen. Man erfährt: Da ist jemand, der hält sich nicht für etwas Besonderes, sondern für einen Bürger und Christen. Auf die Frage im Islam Kapitel, ob wir nicht die Gefahr aus der Gesellschaft und den 4 Mio Muslimen sehen müssten, die alle mehr Kinder bekommen. Vogel kann sich nicht beruhigen: Als ob das in der demographischen Situation dem Islam vorzuwerfen sei? „Ist die Tatsache, dass man Kinder bekommt, ein Grund, um Vorwürfe zu erheben?“ und dann sagt er einen Satz, den man in Deutschland gern überall hören möchte: „Ich freue mich eigentlich über jedes Kind.“ Es klinge somit äußerst merkwürdig, wenn man sagt, ein islamisches Kind wäre eine Gefahr.

Das sind so Gipfelpunkte der Debatte. Sind unsere Glaubens und Lebensregeln wirklich eine Gefahr für unsere Grundordnung?

Am spannendsten und wertvollsten ist es zu erleben, wenn sich der eine wie der andere bei seinen Positionen hält und nicht davon abgeht. Sandra Maischberger ist in diesem Buch nicht nur der Vergeber von Stichworten und Stichfragen. Sie ist die moderne Frau und Journalistin, die ganz und gar nicht verstehen kann, wie jemand es in der katholischen Kirche aushält als geschiedener und damit als Exkommunizierter und nicht mit einem Knall und einer Fernsehsendung austritt?!

Dieser sitzt vor ihr und hält Kurs, er teilt nicht die Verachtung des Papstes, bleibt aber kritisch. Von Zeit zu Zeit ganz selten verändert er die Rollen, so in dem spannenden Schlusskapitel, wenn es um die Homosexuellenehe geht. Maischberger will ihm Unwohlsein suggerieren bei dem Gedanken, dass zwei Männer ein Kind adoptieren wollen. Vogel: „Es verursacht bei mir die Sorge, dass dem Kind dann die Mutter fehlt“.

Und dann fragt die Autorin noch mal allgemein: „Im Grundgesetz ist bisher nur diese besondere Ehe erwähnt worden. Reicht das noch aus?

Vogel: ja. Wollen sie das Grundgesetz ändern?

Maischberger: Ich frage nur.

Vogel: Ich frage nur umgekehrt.

Vogel ist so nonkonformistisch, dass er auch heilige Kühe schlachten kann. Die Kuh Wachstum stellt er in Frage: Ist ein gutes Leben vom Wachstum abhängig und dann noch in erster Linie? „Müssen wir nicht viel deutlicher unterscheiden, was wachsen soll und was nicht wachsen soll?“, fragt er sich und die Leser. Das werde ein Thema in der Gegenwart und Zukunft sein. Und bei Gewinnmaximierung sollte es Obergrenzen geben, „deren Überschreitung für mich Maßlosigkeit – neuerdings spreche man von Gier. Ihm habe eine Aussage wie „Unser Ziel ist ein Jahresgewinn von 25 Prozent!“ nicht eingeleuchtet.

Und – last not least – er ist älter werdend kein Pessimist und Nörgler oder Grantler geworden. Wenn die junge Maischberger fragt, wie man denn die Masse von Menschen zu einem ethischeren Leben bewegen kann, da sei keine Epochenwende erkennbar, hält der Altmeister des europäischen Optimismus dagegen. Der Anstand spiele für viele Menschen weiter eine Rolle.

Und: „Haben wir nicht ein großes Maß an gegenseitiger Hilfe, die geleistet wird?“ Und Dominik Brunner, der dabei erschlagen wurde, als er sein Leben 2009 für andere einsetzte, sei kein abnormer Einzelfall. „Ich würde nicht sagen, dass der Ellbogen für die Mehrheit der Menschen das maßgebende Organ ist“. Das Herz sei auch wichtig.

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Quelle   Rupert Neudeck 2011Grünhelme 2011