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16.02.2012

Wir konsumieren uns zu Tode

Wahrscheinlich zu Tode – aber wir wollen es nicht wahrhaben! Warum wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir überleben wollen. Von Rupert Neudeck

Ich kann dieses schmale Büchlein nicht heftig genug empfehlen: Es zeigt uns geradezu einen Spiegel, in den wir hineinschauen und in dem wir uns sehen: Hässlich und krank sehen wir aus, denn wir haben das ja alles in unserer längeren und kürzeren Lebenszeit mitgemacht. So leben wir heute: schlecht. Mit ganz viel Müll und mit ganz viel Chemikalien. Und die Chemikalien werden uns ja aufoktroyiert, weil sie allein uns garantieren, in einer Weltbevölkerung von heute 7 Milliarden überhaupt genügend Nahrungsmittel zu haben.

Recycling und die Nutzung von Sekundärrohstoffen sei zwar sehr in Mode, aber der Begriff des Recyclings täuscht darüber hinweg, „dass sich die üblichen, marktgängigen Kunststoffe von heute nicht mehr in einen Kreislauf führen lassen“. Einmal produziert, können sie oft und für verschiedene Zwecke verwendet werden. Taugen sie zu keinem neuen Produkt mehr oder geraten sie aus dem Blickfeld der Abfallsammelsysteme, werden sie zu Müll. Und Müll kommt in der Natur nicht vor.

Man spürt in diesem Buch den blitzgescheiten Sachverstand der Autoren, der sich auf allen Seiten ausbreitet. Das ist kein Stück Ideologie, da ist nur die Sorge, die der Buchtitel eher wissenschaftlich ausdruckt: „Wir konsumieren uns zu Tode“.

Die beiden Wissenschaftler erkennen die Ambivalenz der verschiedenen Interessen, die sich auch in die Analyse von Chemikalien einschleichen. Die Chemikalie Bisphenol A (BPA).sei in Mobiltelefonen, in Computergehäusen, in Beschichtungen von Konservendosen und Deckeln von Marmeladengläsern. Alle möglichen Studien belegen die Schädlichkeit von BPA. BPA wirke wie ein weibliches Hormon. Und das sei natürlich nichts an und für sich schlechtes, „wenn (!) sie von einem Körper bei Bedarf produziert werden“.

Fachwissenschaftler der Europäischen Behörde für Nahrungsmittelsicherheit erklären BPA für harmlos. Doch ist BPA seit Anfang 2011 in Babyflaschen und Nuckeln verboten. In Deutschland sieht das Bundesinstitut für Risikobewertung (unterstellt dem Verbraucherschutzministerium, also Frau Aigner) keine Gefahr, während das Umweltbundesamt (dem Umweltministerium unterstellt) Einschränkungen der massenhaft verwendeten Chemikalie für sinnvoll und geboten hält.

Es scheint, als können wir uns gar keinen Überblick mehr über die verwendeten Chemikalien verschaffen, geschweige denn ihre Gefahren begrenzen. Im Stockholmer Abkommen, so die Autoren – habe man das „dreckige Dutzend“ giftiger Stoffe weltweit verboten, zumeist handele es sich dabei um Ackergifte. Im Mai 2011 sei als 22. Stoff Endosulfan geächtet worden. Das Buch hat seine gediegene Qualität durch das Zusammenarbeiten eines veritablen Chemie-Professors für „Ressourcenstrategie“ in Augsburg, Armin Reller und der Redakteurin Heike Holdinghausen, die über Wirtschaft und Umwelt bei der Berliner taz schreibt.

Immer, wo die Politik keine klaren Verhältnisse schaffen kann, greift sie zum Mittel von Spezialinstituten und Spezialapparaten, die zudem mit dem Ungetüm von narrensicheren (?) Abkürzungsungetümen bekannt sind. Die UNO schießt dabei den Vogel ab.

Für die UNO besteht ja Politik aus der Abfolge von Gipfelkonferenzen, die jeweils mit grandiosen globalen Forderungskatalogen enden, für die man aber keine Sanktionen finden kann. So dass die Gipfelkonferenzen, in sich auf Grund der wahnsinnigen den Globus umkreisenden Fliegerei eine umweltpolitische Sauerei, ein Ergebnis oft allein darin haben, dass die UN-Nationen und Regierungen sich auf den Termin und Ort des nächsten Gipfels einlassen.

SAICM heißt ein solches Alibi-Ungetüm, 2006 gegründet auf Zeit, um die negativen Folgen für die menschliche Gesundheit bis 2020 zu begrenzen. Und 2020 wird eine neue Strategie mit institutionellen und bürokratischen Personal gegründet. SAICM: „Strategic Approach to International Management“ heißt es fast furchteinflößend für den, der nicht schon vorher weiß, dass das ein ziemliches Windbeutel ist, in der Sprache der Backwaren gesagt. Die Europäer tauchen mit REACH auf: „Registration, Evaluation, Autorisation and Restriction of Chemicals“.

Da frage man sich, ob man nicht lieber alles neu machen solle? Cradel-to-Cradel z.B. deutsch: „Von der Wiege zur Wiege“. Klingt gut, unterschlägt aber, dass man den Alltag nicht revolutionieren können wird. „Die 60 Mio Chemikalien sind in der Welt. Knappe hundert Jahre lang habe die Industrie sie ohne nennenswerte Kontrolle von Gesellschaften und Politik entwickelt und verkauft. Erst wenn sie sich als sehr schädlich erwiesen, wurden sie verboten oder auch nur eingeschränkt. So brauchen wir alle Silikone in den Wundermitteln der kosmetischen Industrie: In Faltencremes, Haarwaschmitteln, Lippenstiften, Puder usw..

Ein Problem der Genehmigungspolitik und Gefahrenabwehr besteht darin, dass die Beschreibung der Inhalte eines Haarshampoos, in winziger Schrift auf die Packung gedruckt, einen Bachelor in Chemie erfordert. Dem Laien bleiben sie unverständlich.

Wir sind noch nicht weit, seit 1970 haben wir den Fleischkonsum in Deutschland beinahe verdoppelt. Wir sind noch lange keine Vorbilder, um den 1,3 Milliarden Chinesen zu sagen, sie sollten nicht alle Fleisch essen an jedem Tag und ein Auto fahren pro Person. 1961 verzehrten die Chinesen 3, 8 Kg Fleisch pro Jahr/Person, 2007 schon 53 Kg!

Und weltweit schätze die FAO den Bestand von 942 Millionen Schweinen, 27 Mio davon in Deutschland, auf  drei Deutsche kommt ein Schwein.

Es müssen also noch mehr Flächen Regenwald gerodet werden, um Futtermittel Soja und Mais z.B. in Brasilien zu produzieren. Im März und April 2011 allein wurde in Brasilien sechsmal so viel Regenwald gerodet wie im Jahr davor. 2010 sind knapp 6500 qkm Regenwald vernichtet worden.

Es würde zwar – sagen uns die Autoren - mehr Wert auf biologisch erzeugte Nahrung gelegt, aber der Anteil dieser biologisch erzeugten Lebensmittel am Markt betrage erst fünf Prozent.

Das Buch ist gründlich und genau. Es weiß uns auch zu sagen, was es noch nicht weiß. Der Kampf um die Gentechnik tobt unverdrossen und noch nicht entschieden zwischen den verschiedenen Wissenschaftlern und Lobby-Organisationen unerbittlich und emotional. Ganz wichtig: Verbraucher können sogar Multiriesen zwingen, etwas vom Markt zu nehmen: Als 1999 der Schweizer Riese NESTLE seinen Schokoriegel „Butterfinger“ mit genmanipuliertem Mais auf den Markt gab, wurde er von den Verbrauchern nicht angenommen, Nestle stoppte das Projekt und stellte die Produktion ein.

Die Autoren greifen auf die Fabel vom Hasen und Igel zurück. Obwohl die Gesellschaften nun schon so viel über Risiken wissen, haben sie ihre Gesetzgebung noch nicht angepaßt. Bisher sei den Parlamenten und der Öffentlichkeit nicht erlaubt, darüber zu entscheiden, welche Stoffe sie zu ertragen bereit sind. Dafür Strukturen zu schaffen, die technische Entwicklung dennoch fördert, „ist wohl eine der drängendsten Aufgaben des 21. Jahrhunderts“.

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Quelle   Rupert Neudeck 2012Grünhelme 2012