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14.05.2012

Ökofimmel

Der Fimmel steckt in dem Buch, weniger in der Sache. Von Rupert Neudeck

So schreiben Journalisten, so sind sie: Miesmacher

Wie man aus der mutigen Entscheidung, die je ein Großpolitiker in Europa gewagt hat, dem Ausstieg aus der Atomkraftwerken bis 2022, eine solche Miesmacherei machen kann, ist dem Leser unbegreiflich. Nicht kleinlich, nicht stufenweise, nicht in Raten, nicht mit einer Hintertür, sondern ganz klar und so, wie wir uns zu Lebzeiten einmal wünschen, dass es Politik fertig bringt: Das hat die Kanzlerin mit der Entscheidung des Ausstiegs aus dem Atomkraftwerken geschafft.

Das wird in dem Buch so kleinlich, rechnerisch, bilanzierend kleingeredet, dass man sich fragt: Woher nimmt dieser Autor die Chuzpe, das zu tun? Gerade weil Merkel ja kurz vorher auf einem ganz anderen Dampfer war, nämlich der Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke, ist das radikale Umdenken nach dem 12. März 2011 etwas Einmaliges. „Eine Kettenreaktion kam in Japan in Gang, die zur Kernschmelze führte. Die Fernsehbilder der Katastrophe machten auf die Bundeskanzlerin – wie auf uns alle - einen großen Eindruck.

Und: „Sie veränderte ihre Haltung zur Atomkraft binnen weniger Tage um 180 Grad“. Wenn es in den letzten 10 Jahren so etwas gab wie eine historische Entscheidung, dann war es die Entscheidung der Kanzlerin, die Atomkraftwerke abzuschalten und damit ihrer Bevölkerung einen riesengroßen Gefallen zu tun. Was schreibt der Autor gönnerhaft: Nun habe die Kanzlerin „wie jeder Mensch das Recht, ihre Meinung zu korrigieren“??!!

Und er berichtet mit Feixen zwischen den Zeilen über die große Heiterkeit, die beim Treffen der EU-Staatschefs Frankreichs verflossener Präsident erregte, als er in die Runde fragte: „Ob jemand in Bayern schon einmal ein Erdbeben und einen Tsunami erlebt habe“. Aber von diesem Stil lebt das Buch, der Titel wäre besser: „Öko-Miesmacherei“ als Ökofimmel. Den Größenwahn-Fimmel hat der Autor, es ist ja nicht ohne Grund ein Spiegel-Buch, viel Häme gegen eine Prise Aufklärung. Eines weiß ich ganz genau: Mein Berufsstand – die Journalisten – werden die Welt nicht retten. Sie sind auf den windigsten Wegen dabei, Punkte und scoops zu sammeln. Und: Sie können sich nicht irren. Merkel kann sich irren und das dann zugeben.

Wenn man davon mal absieht, dass der Titel Ökofimmel schon ganz schön verkaufsfördernd danebengreift, aber für Titel ja meist Verlage zuständig sind, wie mir aus eigener Erfahrung bekannt ist, so enthält das Buch eine Menge interessanter und wichtiger Informationen. Aber dass ein Autor, der auch noch behauptet Journalist zu sein und dann noch vom Spiegel tatsächlich meint, die Vertreter des Weltklimarats damit falsifizieren zu können, dass er auf einen eigenen Urlaub an der Nord und Ostsee zurückgreift.

Wörtlich heißt das in dem Buch: „So mancher, der wie wir seinen Sommerurlaub 2011 an Nord und Ostsee verbracht hat, dürfte der These vom Treibhauseffekt seither skeptisch gegenüberstehen? Erwärmung? Denkste. Bei spätherbstlichen Temperaturen schüttete es wie aus Eimern“. So kann sich Klein Erna den Klimawandel vorstellen. Und Klein Erna-Neuberger sagt es dann ja auch wie ein kleines Kind zu seiner Mutter: „Wo bleibt eigentlich der Klimawandel, wenn man ihn mal braucht?“

Dennoch gibt es eine wichtige Argumentation, die die Erfahrungen von uns Bürgern  ratifizieren. In einer Gesellschaft wie der deutschen neigen wir dazu, neue Erkenntnisse fast religiös oder kirchlich zu überhöhen. Zu Recht rügt der Autor die Politik von Städten, die verschiedene Umweltzonen deklarieren, aus denen man ältere Autos heraushalten will. Wer die Werte vor und nach dem Fahrverbot vergleiche, kann kaum eine Änderung erkennen. In Berlin sei weder in der CITY West noch in der City Ost die Zahl der kritischen Tage zurückgegangen. Im Gegenteil. Die Feinstaubbelastung sei gestiegen. Außerhalb der Umweltzone natürlich auch.

Doch können Politiker – in der Abfolge der Berufe gleich nach den Journalisten – sich nicht irren. Deshalb machte, wie das Buch zu Recht enthüllt – die Berliner Umweltsenatorin Lompscher im Mai 2011 eine Pressekonferenz und verkündete: „Die Umweltzone“ wirkt. Die Belastung der Berliner Luft sei deutlich gesunken. Da die eigentliche Statistik nicht passte, nahm man eine andere. Plötzlich war nur noch von „Dieselruß“ die Rede. Die Umweltsenatorin präsentierte eine Studie aus ihrem Ministerium nach der die Konzentration von Dieselruß wesentlich höher ausfallen würde, wenn es in Berlin keine Umweltzone gäbe.

Darin hat Der Autor hat auch Recht, wenn er kritisiert, dass ein politischer Bereich seine Bedeutung durch Vermehrung der Personalstellen belegen will. Er hat Recht, wenn er darauf verweist, dass Ökolobbyisten nicht per se bessere und moralischere Lobbyisten sind denn andere aus der Wirtschaft. Mehrere hundert seien mittlerweile beim Deutschen Bundestag registriert. Sie veranstalten parlamentarische Abende und Anhörungen für Sachverständige. Beim CDU Parteitag spielen sie eine ähnlich große Rolle wie beim SPD-Parteitag: Man kann dann an den Ständen von Phoenix Solar., Duales System und der Nawaro Bioenergie AG vorbeidefilieren oder auch bei BP Solar SMA Solar Technology, Eurosolar und der Firma Lichtblick.

Aber das Buch kommt aus den Polemik-Schuhen dann auch nicht heraus und übernimmt nur die Platitüden derer, die das vorher schon satirischer rund witziger gesagt haben. Dass ein Prognostiker nichts gilt, wenn er vor der Zeit auf Katastrophen und Engpässe hinwies, sagt nichts über die mangelnde Güte der Prognose. „Die Grenzen des Wachstums“, die der Club of Rome aufzeigte, sind auch dann weiter gültig, wenn die Erdölindustrie unter Inkaufnahme weiterer Verletzungen der Natur die Erdölbohrungen in Tiefen von 5- 10.000 Meter hinabsteigert und damit Umweltkatastrophen generiert, von denen die von Deepwater Horizon nur ein kleiner Vorgeschmack war.

Der Autor unterschätzt, wie wichtig es wäre, radikale Haltungen und Taten zu prämieren, die sowohl Regierungen beweisen wie auch Bürgergesellschaften. Meist tummeln sich solche Aktionen ja hart an der Grenze des Symbolischen. Aber eine Regierung, die durchaus in der Lage ist, mit dem vollen Segen des Parlaments zugunsten der Gesundheit der Bürger eine Anschnallpflicht strafträchtig einzuführen, sollte auch in der Lage sein, das Plastik radikal einzudämmen. Statt dessen erleben wir eine (fast) tägliche Zunahme des Plastikverbrauchs in allen Produktions- und Warensparten der Deutschen Bundesrepublik. Ruanda  - vergleichsweise keine gut funktionierende Demokratie, schon gar nicht nach Westminster-Art – hat sich den Respekt der ganzen Menschheit errungen durch ein radikales Verbot der Einfuhr von Plastik an seinen Grenzen. Der erstaunte Besucher erlebt, wie ihm die Duty Free Plastiktüten vom Frankfurter oder Amsterdamer Flughafen weggenommen werden und ihm freundlich verwiesen wird, für einen halben Euro eine Jutetasche zu kaufen - am Flughafen von Kigali.

Selten erwähnt der Autor Erfolge einer grünen Politik, die jeder Besucher einer Großstadt in Afrika, Asien, Lateinamerika selbst mit den eigenen Sinnen erleben und erfühlen kann. An einer einzigen Stelle kann er sich dazu herablassen zu erwähnen, dass es Erfolge gibt: „Wir können in der Elbe baden und im Rhein Lachse fangen. Sieben Milliarden Bäume wachsen in Deutschland, etwa 10 % mehr als zu der Zeit, als das Waldsterben“ als Gefahr aufkam. Und, als in den 80er Jahren  erkannt wurde, dass Fluorchlorkohlenwasserstoff (FCKW) die schützende Ozonschicht anknabbern, wurden die schädlichen Chemikalien weltweit geächtet. Doch sei die Gefahr noch nicht ganz gebannt. Die Umweltverheerungen – so eine weitere Erfolgsnachricht aus dem Buch – der DDR seine 20 Jahre nach dem Mauerfall zum großen Teil repariert.

Das Buch wimmelt in der fieberhaften Aufdeckung weiteren Ökofimmels von überflüssigen Polemiken, die dem Ernst Lage nicht angemessen sind. So wenn er das Himalaya Königreich Bhutan in Parallele setzt zu Wohlfühlindex verschrobener Ökofrieks. Glück wurde in Bhutan als Staatsziel verpflichtend gemacht. Die Untertanen des Königs seien verpflichtet durch Meditation und Beten ein Höchstmaß an Glück zu erringen. Und dabei sollten sie Fernsehgeräte, Zigaretten, westliche Kleidung meiden.

Es wird mit Öko und Umweltschutz natürlich immer weiter verdient. Z.B. durch weitere Müll-Tonnen, als ob es die bisher drei nicht leisten würden. In Berlin gibt es jetzt schon eine fünfte, bei uns in NRW nur eine vierte gelbe. In Berlin ist die fünfte grell orange und die „Wertstofftonne“, wie die Berliner Stadtreinigungsgesellschaft mitteilte. 240 L Fassungsvermögen. Sie ist gedacht, für Elektrokleingeräte, Metalle, Datenträger und „Alttextilien in Tüten“, sowie für Spielzeug.

Das Buch kommt nicht so weit, die wirkliche Hasenscharte der Bewegung zu markieren. Die Klima und Welt-Rettung wird nicht allein mit Kapitalismus und Markt gelingen, wir müssen auf Dauer dem Götzen Wachstum Ade sagen. Und wir müssen mit den Schätzen der uns umgebenden Natur haushälterischer umgehen. Das pfeifen die Spatzen von den Dächern. Aber das reimt sich nicht auf „Ökofimmel“!

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Quelle   Rupert Neudeck 2012Grünhelme 2012