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25.05.2012

Sarrazin: der bessere Finanzminister?

Und der bessere Kanzler als diese Frau Merkel. Zu einem weiteren gut verkäuflichen Buch von Sarrazin. Von Rupert Neudeck

Es ist ähnlich wie bei seinem ersten Buch, der Inhalt ist zu weit über einer Hälfte sehr nachdenkenswert. Da schreibt jemand, dem es um das Gemeinwohl geht und der auch einige zu diskutierende Lösungen anbietet. Dann aber kommt in „Deutschland schafft sich ab“ eine unerträglich wüste und fast unmotivierte Attacke auf die Immigration von zu vielen Muslimen in unser Land, das sich dadurch abschafft.

Jetzt wieder ein knalliger Titel, quer gegen alle Politik aller Parteien: quer zu allen vernünftigen Einschätzungen aller politischen Lager: Europa braucht den Euro nicht. Er ist eine unterschätzte Begabung in der Politik und in seinem Leben unter Wert ver- und gehandelt worden. So wie er ganz am Beginn der 400 Seiten – auf die er schon bei Günther Jauch so stolz ist – die Stimme der Bundeskanzlerin der Stimme der freundlichen Frau im eigenen Navigator annähert, die auch vergeblich korrigieren will, wenn er offenbar falsch gefahren ist, so kann man erleben bei der Lektüre.

Da ist jemand nicht richtig angenommen worden mit seinen Begabungen. Er wurde ja auch schon fast wieder vernünftig, als er in die Königs-Talkshow eingeladen wurde und dann noch mit einem,, der ein ähnlichen Eros treibt, um Kanzler zu werden und diesen Trieb so wenig beherrschen konnte, dass seinen Hut schon weit vor der Zeit nicht etwa selbst in den Ring, sondern ihn von jemandem werfen ließ, der unangefochten die größte Autorität in Deutschland ist und das ohne jenes Amt: Helmut Schmidt.

Es ist vornehm und stilvoll geschrieben, gibt den BILD-Lesern einige Nüsse zu knacken. Aber es ist die verschämte politische Biographie von einem, dem Unrecht geschehen ist. Für mich war in der ersten Hälfte es viel interessanter in den dicken Kapiteln den Lebensweg des Thilo S. nachzuvollziehen. Man erfährt, Sarrazin ist Jahrgang 1945 (Februar), zu seinen ersten Erinnerungen gehört die Währungsreform vom Juni 1948: „Ich wuchs zunächst in den Trümmern des Ruhrgebietes auf, dann im Fortschrittsoptimismus der Jahre des Wiederaufbaus. Er macht 1971 das Examen im Fach Volkswirtschaft, das Studium hatte er 1967 während der ersten Nachkriegsrezession begonnen.

Das muss man auf der Zunge oder im Kopf zerlegen, die folgenden Sätze: „Ins Bundesfinanzministerium trat ich 1975 ein mitten in der zweiten Nachkriegsrezession. Spätestens seitdem war ich kontinuierlich Statist, manchmal auch kleinerer Akteur, auf der Bühne des Währungs- und Finanzgeschehens in der Bundesrepublik Deutschland“. So kann man das Buch auch lesen. Bis hin zu dem Bundesfinanzminister Schäuble, bei dem er überrascht ist, dass er nicht mal den Maastricht Vertrag richtig gelesen hat – im Unterschied zu dem Statisten Thilo Sarrazin.

Er beschreibt die Währungs- und Finanzgeschichte der Bundesrepublik entlang seiner zu klein geratenen politischen und Expertenkarriere. So wird er 1973 Sekretär in der Langzeitkommission der SPD, kommt 1975 in das Finanzministerium. 1977 wird er nach Washington zum IWF geschickt. Im Finanzministerium ist sein Abteilungsleiter Manfred Lahnstein, der es – im Gegensatz zu ihm – zum Staatssekretär bringt. 1978 wird er – leichter Aufstieg – Redenschreiber des Ministers im Bundesarbeitsministerium, Herbert Ehrenberg.

Ganz eindrücklich die Szene, die er nach dem Weltwirtschaftsgipfel 1978 beschreibt, der in Deutschland stattfand.

Als Gastgeber stand die Deutschen unter Erfolgsdruck und sicherten expansive Maßnahmen in Höhe von einem Prozent des Bruttosozialprodukts zu. Am Morgen des 17. oder 18. Juli stürmte, so erinnerte sich Sarrazin, der Minister höchstpersönlich in sein Zimmer und brauchte rat. Denn: Manfred Schüler – damals Chef des Kanzleramtes habe angerufen. Es gehe um wachstumsfördernde Maßnahmen im Umfang von 1 Prozent des Sozialproduktes. „Fällt Dir etwas ein, was wir sozialpolitisch gut verkaufen können?“ Genossen untereinander sind immer per Du.

Und dem Sarrazin fiel etwas ein: Man können doch nach dem Mutterschutz noch einen Mutterschaftsurlaub einführen, so dass die Frauen ein halbes Jahr lang nicht arbeiten müssen. Das stärke die Konsumkraft junger Familien und „ist auch ein Beitrag zur Belebung der Konjunktur“. So war Sarrazin der Erfinder und Entdecker des Mutterschaftsurlaubs, das Teil des Konjunkturpakets wurde. Und dem Sarrazin haben das die hunderttausende von jungen Müttern bis heute nicht gedankt.

Am 1. Oktober 1981 wird Sarrazin weiter auf der Leiter aufsteigen: Er wird am 1. April 1981 Leiter der Grundsatzabteilung „Finanzpolitische Fragen der Sozialpolitik“. Mittlerweile hatte der  Minister Hans Matthöfer erkannt, welche „finanzpolitische Zeitbombe in den Sozialausgaben des Bundeshaushalts lag.

Am 1. Oktober 1981 wurde Sarrazin Leiter des Ministerbüros von Hans Matthöfer, das war eine schlechte zeit, die Arbeitslosenzahlen stiegen explosionsartig an. Jeder Steuerschützung brachte Mindereinnahmen. Matthöfer verließ das Finanz Ministerium, der neue Finanzminister war Manfred Lahnstein, Sarrazin blieb Leiter des Ministerbüros.

So kann man das Buch von Sarrazin auch lesen: Die Bekenntnisse eines Zukurzgekommenen, der nicht den Ruhm bekam und die höheren Ämter, die er verdient hatte. Immer wieder zitiert sich der Autor selber: 1998 habe er geschrieben und jetzt sei es auch so. Als derjenige, der es besser weiß, ist Sarrazin auch der Lehrer der Deutschen, die sich als Leser wieder in hunderttausender zahl einfinden werden.

Was er in dem Buch ganz lang, manchmal redundant, oft zu aufwendig beschreibt, ist fast alles nachvollziehbar: Die Währungsunion ist ohne die darauf folgende politische Union nicht zu machen. Besser wäre es von Helmut Kohl gewesen, erst die politische Union fertig zu machen und dann die Währung zu kreieren. Aber sowohl Kohl wie seine Partner waren in Torschlusspanik, sie wollten das Ding möglichst schnell, fast im Handstreich machen. Auch ahnend, wer ihnen von den Bedenkenträgern und Zuständigen da noch alles in die Quere kommen würde. Und der Anfang der Währung gab ihnen Recht. Es war eine Erfolgsgeschichte.

Doch dann rächte sich, dass Griechenland aufgenommen war, das sich mit einem Zahlen Betrug in die Euro-Runde hineingemogelt hatte. Die Währungsunion startete ohne Griechenland. Erst als klar wurde, dass die Konvergenzkriterien erreicht waren, gab man den Zuschlag. Aber einige wie Edmund Stoiber wussten damals schon, dass da getürkt worden war.

Sarrazin hat auch wieder wie im ersten Buch sein etwas verruchtes rassistisches Räppelchen, in der Hand. Er beschreibt in diesem Buch eine erste Griechenlandreise 1965  Und schon damals erlebte er, was heute die Merkel, Schäuble und tutti quanti alle hätten wissen müssen, was er 1965 schon erlebte: das orientalische Griechenland. Er sprach mit einem Sekretär der sozialistischen Partei in einem Dorf. Er fragte ihn, wovon er lebe. „Ob ihm die Partei ein Gehalt bezahlte. Nein, sagte er, er leb von dem, was ihm die Leute gäben."

Weshalb, wollte Sarrazin wissen, gäben sie ihm etwas? „Nun, sie gäben ihm etwas, weil er ihnen bei ihren Problemen helfe. Der junge Mann war elegant angezogen, anders als die Menschen in den Dörfern“. O-Ton Sarrazin: „Es steht zu fürchten, dass sich in den letzten 50 Jahren in Bezug auf diese Strukturen wenig geändert hat“.

Er hält es dann für falsch, dass unsere Kanzlerin einem am Rande Europas lebenden „orientalischen geprägten Volk Vorschriften macht, wie es leben und seine Angelegenheiten organisieren soll“ Und den November 2009 neu ins Amt gekommenen Finanzminister Schäuble („einfanatischer Europäer“) beschreibt Sarrazin, selbst noch im Vorstand der Bundesbank, als jemanden, „der über weite Strecken durch Krankheit ausfiel“, sich aber vom Krankenbett aus immer wieder zur Griechenlandkrise äußerte. „mit dem Tenor, dass eine Insolvenz oder ein wie immer gearteter Zahlungsausfall Griechenlands nicht in Frage käme und man irgendwie helfen müsse“. Damit habe er schon früh die Erwartungen in der Politik und an den Kapitalmärkten für ein „Rettungsprogramm“ geweckt.

Kurz, hätte man doch den Thilo im Vorstand der Bundesbahn gefragt. Der fiel aber selbstverschuldet aus, weil er nun auch schon die Muslime als die Gegner ausgemacht hatte ins einem ersten Buch, die noch viel schlimmer sind als die Orientalen an der Peripherie Europas, die Griechen nämlich.

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Quelle   Rupert Neudeck 2012Grünhelme 2012