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19.07.2012

Am Ende der Wildnis - Umweltaktivist oder Ökoterrorist?

Die wahre Geschichte vom Verschwinden des Grant Hadwin. Wir Europäer sind nicht die Bewahrer und Schützer der Natur. Zu einem Buch von John Vaillant von Rupert Neudeck

Eine unglaubliche Fundgrube für den Zeitgenossen und Leser des 21. Jahrhunderts, dieses Buch, das bekannt macht mit Naturressourcen, von denen uns noch nie etwas erzählt wurde, von Naturstämmen wie den Haida, von Höchstleistungen der Kunst und des Kunsthandwerks abseits von uns arroganten Europäern. „Die Masken, Totempfähle, Langhäuser. Kanus der Haida verkörpern Höchstleistungen der Kunst und des Kunsthandwerks in Nordamerika“. Aber wer will davon schon wirklich etwas hören und sehen, wenn er zur Rasse der Naturressourcen vernichtenden Menschheit gehört?

Die Red Cedar ist ein extrem widerstandsfähiges Holz, hier draußen – so der Autor Vaillant – hält ein Pfahl in der Regel nicht länger als ein Menschenleben, bevor er umfällt und vom Wald verschlungen wird. Die Haida-Pfähle aus Holz haben es mithin zum UNESCO-Weltkulturerbe gebracht. „Der geschützte Standort des Dorfes und die Konservierungsmaßnahmen haben dafür gesorgt, dass hier noch mehr als zwei Dutzend Pfähle stehen, die weit mehr als über 100 Jahre alt sind“.

Die Beschreibungen des Buches sind so gekonnt, dass man einen gehörigen Respekt vor diesen Wäldern, ihrer Tierwelt, ihrer achtzig Meter hohen Fichte und Zeder bekommt. Der Autor beschreibt im Prisma der Lebensgeschichte des verschwundenen Naturschützers Grant Hadwin die Kolonial und Nachkolonialgeschichte dieser Nordwest-Ecke des nordamerikanischen Kontinents. Was unserer Erobererwelt neben den Missionaren, die hier auch noch fehlen, an verbrecherischen Waffeneinfuhren und Waffenhandel gebracht hat, wird im 6. Kapitel gut deutlich.

Die ersten Handelsleute und Eroberer versorgten die Ureinwohner so bereitwillig mit Waffen, dass sie sich nicht wundern durften, dass diese Waffen sich regelmäßig auf dieselben Männer richteten, die sie ihnen verkauft hatten. Die Spanier trieben mit den Ureinwohnern keinen Waffenhandel, klug wie sie waren. Wie in der ganzen verruchten kolonialen Welt sollte mit Waffen Loyalität eingekauft werden. Da sie oft minderwertige Waffen eintauschten, „glaubten einige Händler, dass sie im Fall eines Kampfes überlegen wären“. Anderen, so schreibt John Vaillant in seinem bahnbrechenden Buch, war es vermutlich egal, „weil sie nicht damit rechneten, jemals wieder in dieselbe Gegend zu kommen“.

Neben dem Holz, das das neue Gold der Region wurde, war es der PELZ-Handel mit dem Fell der Seeotter, das für einen unglaublich frevelhaften Raubbau an dieser Naturressource sorgte. Schon im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts waren die Seefahrer dort an die Küste gekommen, um das Fell eines kleinen Meeressäugers zu erwerben, der erst kurz vor 1784 klassifiziert war als „Enhydra lutris“. Sein Pelz war „das Goldene Vlies des Nordpazifiks“.

Schon die Chinesen zahlten dafür ein Vermögen. Die Manchu Dynastie herrschte damals über das sog. Reich des Himmels und über 300 Mio. Angehörige dieser Gesellschaft. Die Otterfelle waren bei der Oberschicht der damals bekannten Welt unglaublich begehrt: Man zahlte im spanischen weltreich 120spanische Silberdollar, heute wären das 2400 US-Dollar. Otterfelle waren die erste Ware des Nordens, die „ihre Händler in einen ähnlichen Rausch versetzten wie Gold, Öl oder Drogen“. Pelzhandel wurde zum Wegbereiter für die Eroberung des Westens. Auch Biber, Fuchs und Hermelin waren profitabel, aber nichts ging über die Otterfelle.

Das Buch erwähnt erste Pioniere wie Alexander Mackenzie, den Besitzer der North West Company, der als erster Europäer den Kontinent auf dem Landweg überquert und die Küste 1793 genau da erreicht, wo zuvor die Südspitze des Archipels Queen’s Charlotte Isle benannt wurde.

Die Jagd auf die Otterfelle war so schamlos, dass das Tier fast schon ausgestorben war, als die Gier nach dem Holzreichtum begann und für ähnlichen Kahlschlag sorgte. Damit bewiesen die erobernden Europäer dieselbe Art profitgieriger Kurzsichtigkeit, durch die schon Dutzende anderer Arten, auch der Atlantiklachs und der Dorsch ausgerottet wurden. Und John Vaillant resümiert sein Buch und seine Erkenntnisse bei den Ureinwohnern wie bei uns mit dem schlagenden Sätzen: Es sei dies ein „grotesker und nur dem Menschen eigener Umgang mit Ressourcen – ähnlich dem Unterpflügen von Farmland für mehr Rasen oder der Gefährdung der Luftqualität   eines imposanten Autos wegen“.

Angesteckt – oder auch verdorben - werden dann natürlich auch die Ureinwohner. Die Gier ist die abscheulichste Eigenschaft des Menschen, die aber nicht von Geburt oder auch nicht von Natur in ihn hineingelegt worden ist, sondern die mit Versuchungen auf große Gewinne in ihm angestachelt wird. Wer war damals der größeren Gier bei den Otterpelzen verfallen: „die Europäer in der Aussicht auf Gewinne im dreistelligen Prozentbereich oder die Ureinwohner, die plötzlich direkt an die Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie aufsteigen und eine spektakuläre Freigebigkeit an den Tag legen konnten, die bis dahin nicht denkbar gewesen wäre“?

Die Waffen sind immer schon das Unglück der Menschheit. Die Ureinwohner waren begierig, in den Besitz der technischen Wunderwerke wie Schusswaffen und Kanonen zu kommen. Als Lewis und Clark 1805 die Pazifikküste erreichten, waren die Ureinwohner schon schwer bewaffnet. Die Haida – den Stamm, den uns John Vaillant in seinem Buch besonders nahebringt – erwiderten die Kanonaden der Handelsleute schon mit eigenem Kanonenfeuer. Mit Waffen, die sie beim Kapern der europäischen Schiffe erbeutet hatten.

Als der markante Häuptling der Haida Maquinna – der einst den allerersten Euro-Eroberer gastlich aufgenommen hatte, so wie es seiner Herzensneigung entsprach, wurde aber nun fünf Jahre nach Cooks Erscheinen von dem ersten Pelzhandelsschiff der M/S Sea Otter eingeladen, an Bord zu kommen. Dort wurde er zu seinem Ehrenplatz geführt, der mit einer Ladung Schießpulver präpariert worden war. Der Häuptling, der aus seinem Stuhl geschleudert wurde, starb zwar nicht, aber er war für sein Leben von Narben gezeichnet.

So wurden durch unsere Waffenverkäufe und den Waffenhandel immer schon die schrecklichen Kriege und bewaffneten Konflikte ausgelöst. Natürlich probte Maquinna den Vergeltungs- und Racheschlag. Erst 20 Jahre später leitete er den Rachefeldzug gegen die Boston und richtete ein Massaker an, bei dem alle Insassen getötet wurden.

Die Kombination von Gewalt und Geringschätzung war wie so oft in der Geschichte tödlich. Der Autor zitiert William Sturgis, der die Situation an der Küste des 19. Jahrhundert so einschätzt: „Würde ich von all den gesetzlosen Handlungen erzählen, die weiße Männern an der Küste verübt haben, dann müssten sie denken, diese Besucher hätte alle für den Menschen üblichen Eigenschaften verloren“. „Mit den ersten Expeditionen wurden Männer betraut, darunter „verlorene Seelen, gesetzlos und tollkühn“. Es waren aber immer weiße Männer, die keine „Skrupel kennen, was die Mittel zu dem Zweck betraf, den sie verfolgten…Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass einige unter ihnen einen Indianer um seiner Kleidung aus Seeotterfell willen mit wenig Gewissensbissen erschossen hätten.“

Das Buch hat eine Schreibweise, die den Leser unmittelbar fesselt, weil sich der Autor nicht mit einer Bestandsbeschreibung und Neutralität bemüht, sondern durch aus zwischen durch zu kräftigen Urteilen kommt. Als die Ureinwohner die Fremden besser kennenlernten, nannten sie sie zunächst „Eisenmänner“, dann Boston-Männer und King George Männer. Es gab auch nur Männer und keine Frauen an Bord der Erobererschiffe.

„Begleitet wurden sie jedoch von den vier apokalyptischen Reitern in Gestalt von Rum, Waffen, ansteckenden Krankheiten und einer streitbaren Weltsicht.“ John Vaillant schließt prophetisch und diese Prophetie gilt für den von Europa/NATO ausgehenden Waffenhandel bis heute: sie waren nicht aus dem Reich der Toten zurückgekehrt, „sondern sie brachten den Tod mit sich. Mord, Gemetzel und Krankheiten waren den Völkern der Eingeborenen an der Nordwestküste nicht fremd.

Die Haidu nahmen die Köpfe ihrer Feinde, das Pockenvirus war bei ihnen auch schon angekommen. Aber das Ausmaß der Zerstörung hatten sie nicht mitbegründet. So macht der Autor die Idealisierung der Ureinwohner Nordamerikas nicht mit, aber er versucht die Gründe dafür zu erkennen, dass man hier soviel sentimentale Töne anschlägt. Die Fremden jagten die Otter, bis es fast ausgestorben war. Damit bewiesen sie dieselbe Art von Kurzsichtigkeit, mit der schon Dutzende anderer Arten, der Atlantiklachs und der Dorsch ausgerottet wurden.

Wie so oft gibt es in der eindringlichen Beschreibung des Schamanen oder Umweltaktivisten Grant Hadwin auch eine religiöse Dimension. Sehr eindrucksvoll, weil sie ohne jeden Kirchenraum und ohne jeden Missionar plötzlich auftaucht. Hadwin ist ein bärenstarker Mensch, aber religiös musikalisch, wie Max Weber gesagt haben würde. Als der Hadwin als Holzfäller plötzlich sein Erweckungserlebnis hatte, als er das Ausmaß der Totalzerstörung der Wälder wahrgenommen hatte in einem Damaskus Erlebnis, wurde er – verrückt. So nennt das die Welt.

Der Autor weiß es anders und besser zu beschreiben. „Wie die Mönche  und Eremiten hatte sich Hadwin in die Wildnis hinausgewagt und eine Botschaft empfangen, die er nicht ignorieren konnte“. Der Autor zitiert die Theologin Benedicta Ward: „Die Spiritualität der Wüste besteht darin, dass sie nicht gelehrt, Sondern empfangen wird“. Hadwin sei nicht auf der Suche nach einer solchen Erfahrung gewesen, sondern sie schlich sich von hinten an und traf ihn wie ein Knüppel auf den Kopf. Er kündigt den Firmen, die den Kahlschlag und den Mord an den Wäldern ausüben.

Das Buch berichtet von den Anfängen von Greenpeace Aktivisten, die gegen die dauernde Abholzung des Regenwaldes durch die Firma MacMillan Bloedels an der Küste protestierten, und wie sich die Ureinwohner der Haidu mit Kriegskanus und Motorbooten dem Protest anschlossen. Die Haidu und Greenpeace waren sogar siegreich bei ihrem Kampf gegen die Abholzung. 1987 gelang es die „Gwaii Haanas National Park Reserve“ zu verabschieden, der bewahrte wenigstens das südliche Drittel des Archipels vor Abholzung. Der Widerstand gelang sogar offshore, die Haidus hatten zum ersten Mal seit 150 Jahren ein Schiff auf dem Meer angegriffen.

Hadwin darf als einer der aktiven Frommen der Ökologie gelten. Er hatte nach dem Schlüsselerlebnis nicht mehr aufgehört, die Natur zu bewahren und zu lieben. Die goldene Fichte und den Albinoraben. Er sieht die goldene Fichte wie bei einer Epiphanie. Ein leitender Ingenieur der Firma MacMillan Bloedel, der den Baum auch sah, verglich sein plötzliches Aufleuchten mit einer religiösen Erfahrung. Das Buch berichtet vom Fällen dieser Bäume wie der Red Cedar mit mehr als sechseinhalb Meter Durchmesser.

Wenn ein Baum dieser Größe auf dem Boden aufschlage, höre sich das nicht wie ein zu Boden stürzender Baum an, sondern eher so, als würde vor einem ein Gebäude zusammenbrechen. Vaillant schreibt: „Wer das zum ersten Mal erlebt, für den bekommt der Ausdruck ‚Ehrfurcht vor Gott’ eine neue Bedeutung“. Solche Bäume könnte „Tausende von Jahren alt sein“.

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Quelle   Rupert Neudeck 2012Grünhelme 2012