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14.03.2013

Wir Zukunftssucher - Wie Deutschland enkeltauglich wird

"Wolfgang Gründinger hat hier den Nerv des gegenwärtigen Politikdefizits getroffen. Wer sein Buch gelesen hat, kann sich nicht mehr aufs Jammern zurückziehen, sondern muss sich selbst auf den Weg machen." Gesine Schwan

Die vergessene Jugend

Viele reden über die Jugend, kaum einer mit ihr, meint der Buchautor Wolfgang Gründinger. In seinem Buch „Wir Zukunftssucher“ porträtiert der 28-Jährige seine Generation als eine, die ihre düsteren Zukunftsaussichten erstaunlich gelassen hinnimmt. Und er sagt, was sich ändern muss.

Wolfgang Gründinger wirkt entspannt, als er am Dienstagmittag vor einer Handvoll Journalisten sein Buch „Wir Zukunftssucher“ vorstellt. In einem Konferenzraum der Körber-Stiftung am Pariser Platz in Berlin lehnt er sich lässig in seinen Stuhl zurück, spricht mit ruhiger, leiser Stimme. Was er sagt, klingt alles andere als entspannt: „Wir müssen den Aufstand der Jungen wagen.“

Der 1984 geborene Politikwissenschaftler wird oft als Anwalt der Jungen bezeichnet. Diese Rolle nimmt er auch mit seinem neuen Buch ein. Darin porträtiert er seine Generation, Menschen um die 30. Er schildert sie als Gruppe, die mit einem großen Misstrauen aufgewachsen ist. Sie vertraue nicht in die Politik oder die Gesellschaft. „Die junge Generation wird heute vergessen und verdrängt. Sie muss ausbaden, was die Älteren ihr eingebrockt haben“, schreibt er.

Was er damit meint, macht er während der Buchvorstellung deutlich. Deutschland wandele sich zu einer Alten-Demokratie, erklärt er. Umso knapper und wertvoller werde die „Ressource Jugend“. Doch während die Alten immer mehr, reicher und einflussreicher würden, fänden die Jungen kaum Gehör. „Warum ist im Zukunftsgremium, das die Bundesregierung berät, kein Einziger unter 45?“, fragt Gründinger. Die Politik rede über die Jugend, aber nicht mit der Jugend.

Sicherheiten gibt es nicht mehr

Dabei stünden die um die 30-Jährigen vor ernsthaften Problemen. Als „prekäre Generation“ beschreibt Gründinger sie. Während frühere Generationen in dem Glauben aufgewachsen seien, dass es stets aufwärts gehe, verbinde die heutige Jugend vor allem eins: Das Wissen, dass es keine Sicherheiten mehr gebe. Weder im Berufsleben, das von Niedriglöhnen, befristeten Verträgen und dem Missbrauch von Praktika geprägt sei. Noch in politischen Fragen. „Seit Beginn der Finanzkrise sind die Staatsschulden von 60 auf 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes angestiegen, ohne dass in Schulen, Bildung oder Ähnliches investiert wurde“, kritisiert Gründinger. Die Jugend müsse das später abbezahlen und habe dadurch selbst immer weniger Möglichkeiten.

Eine Journalistin will wissen, wie Gründinger die aktuelle Rentendebatte bewerte. „Warum soll ich in ein Rentensystem einzahlen, in dem ich später nichts mehr rausbekomme?“ erwidert Gründiger. Das System sei seit zehn Jahren ungerecht geworden. „Man hat das Rentenniveau bewusst runtergeschraubt und das als Generationengerechtigkeit ausgegeben“. Jetzt müsse man auf irgendwelche Berater vertrauen, um mit privaten Verträgen vorzusorgen – und verstehe meist gar nicht, was da überhaupt drin steht. In den Rentendebatten werde auch deutlich, wie fremd manchen Politikern die Lebenswelten der Jungen sind. „40 Jahre Vollzeitarbeit und die Frau sitzt zuhause – das ist doch einfach nicht mehr so.“

Das Buch ist ein Hilferuf

Bei aller Kritik geht es Gründinger nicht darum, den Älteren gegen das Schienbein zu treten. Sein Buch ist ein Hilferuf. „Wir brauchen die Alten als Bündnispartner. Wir brauchen ihre Macht, ihre Zeit, ihr Geld, ihre Ohren.“ Alleine könnten es die Jungen nicht schaffen, das Land zu reformieren.

In seinem Buch listet Gründinger „Forderungen einer schlecht vertretenen Generation“ auf: „Schafft faire Arbeit! Macht Deutschland zur Bildungsrepublik! Macht die Rente wieder sicher! Macht Deutschland familienfreundlich! Macht keine Schulden auf unsere Kosten! Lasst uns mitentscheiden!“

Die Jugend nimmt die Krise hin

Den Stein der Weisen habe er nicht gefunden, sagt Gründinger. Er will nur einen Anfang machen, die Gesellschaft wach rütteln – und meint damit auch seine eigene Generation, die den Zustand der Dauerkrise verblüffend stoisch hinnehme.

Während der Pressekonferenz trägt Gründinger ein blaues T-Shirt mit dem Logo der Band Kettcar. Die hat einmal gesungen: „Das ist Graceland Baby, keiner wird erwachsen. Man ist jung oder tot.“ Knapper kann man Gründingers Botschaft kaum auf den Punkt bringen: Die Jungen können weiter verdrängen, dass die Zukunft ihnen nichts zu bieten hat. Oder sie können sie gestalten – mit der Hilfe der Älteren.

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Quelle   Erstveröffentlichung:vorwärts | Carl-Friedrich Höck 2013