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27.03.2013

Schmerzliche Heimat

Entschuldigung? Wie man über den Mord an Enver Simsek nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Von Rupert Neudeck

Das Buch kann man nicht einfach zur Seite legen, daraus muss man als Leser und Bürger politische Konsequenzen ableiten. Es ist eindringlich und bewegend geschrieben, die Autorin Semiya Simsek ist bekannt geworden durch ihre Rede bei der Entschuldigungsfeier, die der damalige Bundespräsident Christian Wulff vorbereitet und dann wegen seines Rücktritts nicht mehr selbst durchgeführt hatte.

Semiya Simsek schildert ihren und ihrer Familie Lebensweg bis zu jenem Moment, als ihr Vater ermordet wird und das Ungeheure erst nach dem Mord stattfindet: Die Familie, die Frau von Enver Simsek wie die Kinder von Adele Simsek werden in elf Jahre langen Verhören und Verhörspielen aufgefordert, endlich die Wahrheit zu sagen und zu bekennen, dass sie selbst diesen Mord angeleitet und durchgeführt haben. Eine Hypothese jagt die andere, eine ist windiger als die andere.

Das Buch hat umso größere Wirkung, als es eben nicht mit der berechtigten Wut und dem Schaum vor dem Mund geschrieben ist, den man als Leser als erlaubt empfinden würde, sondern mit einer geradezu übermenschlichen Zurückhaltung. Die Polizei sei ja nun, heißt es immer wieder, Autorität gewesen, der hätte man ja nichts abschlagen müssen. Aber in irgendeinem Moment bricht die Mutter zusammen.

Erst im fünften Kapitel, am Tage des Fußballländerspieles Türkei gegen Kroatien, am 11. November 2011, hören die Angehörigen der Familie Simsek, die Ceska mit der ihr Vater erschossen wurde, sei aufgetaucht, auch die mutmaßlichen Mörder habe man gefunden. Zwei Männer hatten am Tag zuvor eine Bank in Erfurt überfallen und waren auf der Flucht von Polizisten in ihrem Wohnmobil umstellt worden. Die Bankräuber nahmen sich das Leben, die Komplizin Zschäpe sprengte in Zwickau die gemeinsame Wohnung in die Luft und stellte sich wenige Tage später.

Die Autorin sagt völlig zu recht: Es ist eine Schande, das BKA hat nach den elf Jahren totaler Fehlermittlungen und wahrscheinlich sogar absichtlicher Falschfährten sich nicht mal aufgefordert gefühlt, die Familie der unmittelbar Betroffenen anzurufen. Als Semiya Simsek das später erwähnt, sagte ihr ein Beamter des BKA, man hätte die Nummern nicht gehabt. Die Autorin: „Die Polizisten hatten elf Jahre lang keine Schwierigkeiten, uns zu erreichen. In Wahrheit war es wohl so, dass einfach niemand an uns dachte, niemand sich für uns interessiert hat“. Und sie muss sich sagen, alles war falsch über die elf Jahre, alle Ermittlungen gingen in die radikal falsche Richtung.

„All das, was man meinem Vater vorgeworfen hat, stimmte nicht. All das, was sie uns einzureden versucht hatten, mein Vater könnte dunkle Seiten gehabt haben, fiel in sich zusammen.“ Da seht ihr, es schrie in ihr. Er war nicht so einer. „Sämtliche Vermutungen der Ermittler, sämtliche Spekulationen der Medien waren falsch!“ Keine Döner-Morde, keine Drogendealer, alles falsch, drei echte urdeutsche Mörder hatten acht Türken und einen Griechen und vierzehn Banken überfallen. Die Polizei und der Verfassungsschutz hatten angeblich nichts davon gemerkt.

Am Schluss des Buches wird die von zwei deutschen Anwälten beratene Autorin noch einmal sehr klar und grundsätzlich und verlangt von denen, die sich empören, eine rationale und nüchterne Konsequenz, die sie selbst nicht ausspricht. „Warum hat der thüringische Geheimdienst, der  von den Plänen des Trios wusste, diese Informationen nicht an die Polizei weitergegeben?“ Seit dem misslungenen NPD-Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht wusste man, dass die Verfassungsschutzämter die NPD mit Spitzeln und sog. V-Männern durchsetzt hatten. „Wieso werden V-Leute eingesetzt und bezahlt, wenn man von ihnen nichts über das Trio erfahren konnte?“

Nicht nur der Autorin drängt sich ein schlimmer Verdacht auf. Dieses System nützt der rechten Szene eher als dass sie ihr schadet. Die V-Männer – so erfährt die Autorin - sind in der Regel hartgesottene Rassisten, gewaltbereit, die als Spitzel angeworben werden, weil sie dafür Geld bekommen. Noch einmal und noch klarer: V-Leute sind nicht etwa Staatsschützer, sondern staatlich bezahlte Neonazis.

Die Autorin wäscht uns auch den Kopf über unsere Ignoranz, auch die Ignoranz der Medien. Sie erzählt, in einer Fernsehserie wurde eine türkische Familie dargestellt, in deren Wohnzimmer sogar ein Wandteppich hing. „Ich habe noch nie bei deutschen Türken eine derart altmodische Einrichtung gesehen wie in diesem Film“. Diese TV-Serie baute eine Kulisse auf, als wäre die Zeit in den 1960er Jahren stehen geblieben.

Es ärgert die moderne kluge Semiya Simsek, dass der Islam unter Generalverdacht kam nach dem 11.9.2001. Wörtlich schreibt sie und diese klaren Sätze gehören in das Stammbuch vieler Politiker, Journalisten, zumal des Bundesinnenministers Friedrich: „Manche Deutschen behaupteten allen Ernstes, dass der Koran den Muslimen auftrage, Christen zu töten, um in den Himmel zu kommen. Solcher Unsinn werde unter Deutschen geglaubt. Es sei sonderbar-. Sie und ihr jüngerer Bruder Kerim kennen sich in der Bibel besser aus als manche Christen. Alle Geschichten von Adam über Abraham, Moses bis zu Jesus haben wir ja in unserer Kindheit von unserer Mutter vorgelesen bekommen. Aber wenn es um Terrorismus geht, meinen Deutsche, die nicht mal in ihrer eigenen Religion zu Hause sind, „genau zu wissen, was der Koran angeblich lehrt und fordert.“

Die Autorin war überzeugt von der Kanzlerin, nicht nur ihrer Rede, sondern auch von der Art, wie sie bei der Veranstaltung am 23. Februar 2012 das Gespräch mit jeder der Opferfamilien suchte und aufmerksam zuhörte. Sie hatte auch die erlösenden Sätze gesagt: „Einige Opfer standen selbst jahrelang zu Unrecht unter Verdacht. Dafür bitte ich Sie um Verzeihung!“ Aber kurz danach wurden im Verfassungsschutz wichtige Akten zerstört oder geschreddert. Und noch im Juli 2011 – dreizehn Jahre nach dem Abtauchen des Trios, elf Jahre nach dem Mord an Enver Simsek – stellte der Bundesinnenminister in seinem Verfassungsschutzbericht in einem ersten Satz fest: „Auch 2010 waren in Deutschland keine rechtsterroristischen Strukturen feststellbar“.

Ein bewegendes Buch. Sie ist gläubig geblieben, schreibt die Autorin, aber sie stellt Gott auch zur Rede. „Womit hat mein Vater das verdient? Warum müssen wir das erdulden? Was habe ich dir getan, dass du mir so eine Strafe auflädst? Vor dem Mord, schreibt sie, war sie sehr gläubig. Und sie sei es immer noch. Aber sie müsse zugehen. „Durch das was geschah, habe ich ein kleines Stück des Glaubens verloren!“

Die Autorin lebt mittlerweile in der Türkei, weil ihr Mann das so entschieden hat. Sie beschreibt mit großer Liebe und Zuneigung die Rituale der traditionellen Hochzeit in der Türkei. Mögen das Buch ganz viele von denen lesen, die immer noch meinen, Muslime und Türken gehören hier nicht hin, nicht  nach Deutschland.

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Quelle   Rupert Neudeck 2013Grünhelme 2013