Ad

Anzeige

Zurück zur Übersicht

27.03.2013

Als die Mainzelmännchen laufen lernten

Peter Frankenfeld, Wim Toelke, Thomas Gottschalk, Dietmar Schönherr und Vivi Bach, Frank Elstner, Harry Valerien, Dieter Kürten, Wolf von Lojewski, Peter Scholl-Latour, Maybrit Illner, Bettina Schausten, Markus Lanz, Claus Kleber, Dieter Stolte: Fast alle ZDF-Legenden sind in diesem Jubiläumsbuch in vom Autor moderierten Selbsterzählungen oder in einfühlsamen Nacherzählungen versammelt. Rezension von Franz Alt

Nur einen weiteren hätte ich mir gewünscht: Gerhard Löwenthal. Der ehemalige und eigenwillige ZDF-Magazin-Moderator wird nur einmal kurz erwähnt, weil sich Bettina Schausten daran erinnert, dass sie als Zehnjährige „diese Herzkurve auf dem Vorspann“ und die prägnante Titelmelodie gesehen und gehört habe.

Rainer Holbe, Autor dieses gelungenen „50 Jahre ZDF“-Buchs hat aber auch ein Rainer-Holbe-Lebens-Bilderbuch publiziert. Natürlich! Er kannte sie alle. Er war nämlich von Anfang an dabei, also seit 1963. Als die Mainzelmännchen laufen lernten, so auch der Titel des Buches.

In einer zum ZDF-Studio umgebauten Scheune erblickte das Zweite am 1. April vor 50 Jahren das Licht der Welt. „Ein historisches Datum“, meint der Autor. Denn bis dahin mussten sich die deutschen Fernsehzuschauer mit einem einzigen Programm, dem Ersten, begnügen – in schwarz-weiß und nur tagsüber zu einigen Stunden. Heute in den Zeiten der Rundumberieselung mit Hunderten Programmen unvorstellbar. Erst ab 1963 hat die ARD Konkurrenz.

Rainer Holbe wohnte damals exakt gegenüber von „Telesibirsk“ wie das Provisorium auf dem Eschborner Acker genannt wurde. Er sah von seinem Logenplatz aus frühe Akteure wie Dieter Kürten oder Wim Toelke in Gummistiefeln über aufgeweichte Böden zu ihrem Arbeitsplatz stampfen und begleitete seither ihr Wirken und Werden.

Damals war der Autor Lokalreporter bei der Frankfurter Rundschau und interviewte für seine Zeitung die ersten ZDF-Größen. Jahre später wurde er selbst vom ZDF engagiert und war 15 Jahre lang einer der erfolgreichsten Moderatoren. Für die Älteren von heute sind seine „Starparaden“ mit traumhaften Einschaltquoten noch in Erinnerung. Straßenfeger mit bis zu über 80 % Zuschauer.

Es ist also eher ein Kollegen-Buch als eine kritische Bestandsaufnahme geworden. Unterhaltsam geschrieben, gut zu lesen für alle, die sich gerne erinnern mögen.

Heute fast unvorstellbar für den Start eines neuen Fernsehsenders: Mit Klängen von Beethoven und Versen von Goethe ging das ZDF an den Start. Ganz nach dem Geschmack seines ersten Intendanten, des Philosophie-Professors Karl Holzamer. Fernsehen wurde noch als Volkshochschule der Nation gedacht.

Die Frankfurter „Abendpost“ sah im neuen Programm einen „gigantischen Aprilscherz“, der vom Mainzer Karneval inszeniert worden war. Wim Toelke, der am Anfang sowohl die „Heute“-Nachrichten wie auch das Sportstudio und den „Großen Preis“ moderierte, schrieb dazu: „Das Sendestudio war in einer Scheune eingerichtet worden. Die dazugehörige Regie saß im Kuhstall, die kostbaren elektronischen Aufzeichnungsgeräte hatten im ehemaligen Schweinestall Platz gefunden. Die Redaktionen arbeiteten in den Baracken in neun Quadratmeter großen Räumen und es wurde schon täglich ein Probeprogramm produziert, als noch längst nicht jeder Mitarbeiter einen Stuhl hatte.“

„Bei allem Hang zum Schabernack: Thomas Gottschalk ist ein gebildeter Mann“, meint der Autor und fragt ihn: „Wie hälst Du es mit dem lieben Gott?“ Alles, was er könne, meint der begnadete Entertainer „kommt aus mir heraus. Irgendeiner wird es schon hineingetan haben“. Ein Gottesbeweis a la Gottschalk.

Vielen Zeitgenossen – vor allem etwas schlichten Politiker-Gemütern – galt und gilt das ZDF als eher konservativ und die ARD als eher links. Frontal 21 konservativ und Report München links? Und erst die Privaten?

Holbe beschreibt eindrucksvoll wie RTL in den Achtzigern überwiegend mit Busen und Po an den Start ging und Helmut Kohls Wunsch nach einer „geistig-moralischen Wende“ sich als das entpuppte was er von Anfang an war: Ein billiger Wahlkampf-Gag. Ab 1984 war der Autor selbst bei RTL und moderierte die wenigen eher anspruchsvollen Sendungen wie „Phantastische Phänomene“ oder „Unglaubliche Geschichten“ oder auch viele Jahre das Frühstücksfernsehen.

Gust Graas ist einer der Gründerväter von RTL. Rainer Holbe fragt ihn, ob er heute noch ins RTL-Programm schaue: „(seufzt) Eher nicht. Ich schaue manchmal hinein. Aber ehrlich. Eigentlich wäre ich lieber Intendant in einem öffentlich-rechtlichen Sender gewesen.“

Als ehemaliger Mitarbeiter der ARD gratuliere ich allen Kolleginnen und Kollegen des ZDF zum Jubiläum. Lasst uns immer klar unterscheiden von den Privaten – Qualität sollte uns immer wichtiger sein als Quote.

Zurück zur Übersicht

Quelle   © Franz Alt 2013