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29.07.2017

Fessenheim ist aus – war‘s das jetzt?

Es war schon länger angekündigt, dass am 22. Juli 2017 auch Block 1 von Netz genommen würde. Block 2 steht schon seit dem 13. Juni 2016 still, im Zusammenhang mit dem Areva-Skandal hat sich ein Dampferzeuger als Klassenschlechtester heraus-kristallisiert. Von Eva Stegen

Von Hunderten beanstandeten Werkstücken hielt der 20 m hohe Koloss den Negativ-Rekord, das gefährlichste Ausschuss-Stück aus der Skandal-Schmiede Creusot. Nun sind beide Blöcke vom Netz und es wird heftig spekuliert, ob der Atomkonzern EdF die umstrittenen Meiler diskret einmottet, um den widerborstigen Anrainern die Party-Laune zu nehmen.

Hier lohnt es sich, genau hinzuschauen. Allein die Ankündigung der aktuellen Abschaltung wurde 7 Mal geändert. Ab 24.7.2017 stand nur noch lapidar „geplante Wartung“ dort, wo es in 6 Vorgängerversionen hieß:

 „Datum und Dauer der Nichtverfügbarkeit können sich ändern, v.a. gemäß der Beschlüsse des EdF-Aufsichtsrats über den Antrag auf Widerruf der Betriebsgenehmigung und nach den anderen in der Pressemitteilung von EdF vom 6. April 2017 festgelegten Bedingungen …. Bitte beachten Sie, daß das Startdatum des Probebetriebs von Flamanville 3 geplant wurde …“

Die Auszeit soll bis zum 12.9.2017 dauern, also exakt bis zu dem Termin, an dem die Atomaufsicht ASN ihr Einwendungsverfahren gegen die Inbetriebnahme des Pfusch-Atomneubaus in Flamanville abschließt. Am Normandie-Standort (720 km Luftlinie bis Freiburg) wird hochriskant gepokert. Und auf dem Spieltisch liegt der Schlüssel zum Verständnis für die Vorgänge in Fessenheim. Soviel vorab: der Atomtausch Fessenheim-Flamanville ist die gezinkte Karte, mit der EdF das Spiel bestimmt.

In Flamanville hängt die gesamte Atomzukunft der Grande Nation am seidenen Faden, auch wenn hier nur die zivile Seite sichtbar ist. Man muss sich klarmachen, daß eine Atommacht auf Kosten-Teilung über die gesamte Infrastruktur-Kette angewiesen ist: von der Fachkräfte-Ausbildung über die Zuliefer-Industrie bis zur Brennstoff-Produktion. Bricht das zivile Backup weg, sprich: die Kofinanzierung für Konstruktion, Betrieb und Wartung von Atomwaffen und Atomgetriebenen U-Booten und Flugzeugträgern über die Stromkunden, hat der Verteidigungsminister ein massives Kosten-Kommunikationsproblem, gerade in Zeiten leerer Staatskassen.

In Flamanville steht also die zivile Seite der Atomkraft am Abgrund. Der EPR (europäischer Druckwasser Reaktor) galt Anfang des Millenniums noch als die Trumpfkarte, mit der die Renaissance der Atomindustrie verkündet wurde. Mittlerweile gilt der EPR selbst unter Laien als Lachnummer, die Fiasko-Baustellen in Frankreich, Finnland und China liefern ausschließlich Horrormeldungen. Auch der EPR im britischen Hinkley Point sorgte schon vor Baubeginn für Furore: Das Herzstück ist „Ausschuss ab Werk“, der Druckbehälter stammt aus der Areva-Skandal-Schmiede Creusot.

Denselben Schrott hat man in Flamanville 2014 illegal verbaut, der Pfusch war aber schon aufgeflogen, als die Bauteile für den Druckbehälter 2006 die Schmiede verließen. Es begann eine 7-jährige Korrespondenz zwischen Atomaufsicht und Reaktorbauer, doch letzterer ließ sich nicht irritieren und installierte die Schlüsselkomponente irreversibel. Boden und Deckel sind wegen Carbon-Einschlüssen im Stahl deutlich zu spröde. Wenn hier ein Riss zum Durchbruch führt, fallen die Brennstäbe trocken - was dann kommt, kennt man aus Fukushima. Pikanter Weise kommt man nur noch an den Deckel, aber nicht mehr an den Boden; beide Kalotten sind aber gleichermaßen minderwertig.

Was aber macht die Atomaufsicht ASN, deren führende Köpfe in der Creusot Schmiede die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben, ob all der aufgeflogenen Schlampereien und Fälschungen? Sie will den hochriskanten Kessel 6 Jahre lang den Bestrahlungs- Temperatur- und Druckbelastungen aussetzen, um – falls er hält – nur eines von zwei brandgefährlichen Teilen austauschen zu lassen. Wie groß muss der Druck im Atomdorf sein, dass man die Atomaufsicht so einseifen konnte, damit sie sich auf diesen Irrsinn einlässt?

Sollte ein neuer Deckel in Auftrag gegeben werden, ist eine Produktionszeit von 6 Jahren einzukalkulieren. Doch „in allen Expertisen, die später erstellt werden“ also nachdem die EPR-Teile produziert wurden, „kommt man zum Schluss, dass zu eben diesem Zeitpunkt die Creusot-Werke nicht über die für die Fertigung dieser Teile notwendige Kapazität verfügten“, äußerte Jean-François Victor, ehemaliger CEO von Creusot Méchanique (UIGM Unité Industrielle de Grande Mécanique) der mit den Vorgängen in der Groß-Schmiede zur fraglichen Zeit vertraut war gegenüber dem Radiosender FranceInter. Wie praktisch, dass die Atombranche unter dem Konkurrenz-Druck der Erneuerbaren jetzt kleinteilig denkt. Wird es also mit der unterqualifizierten Ausrüstung noch ein paar Anläufe geben, große EPR-Kalotten zu produzieren, oder verlassen zukünftig nur noch die small-is-beautiful-Komponenten für kleine EPR NM, für Schiff-Antriebs-Reaktoren oder für Generation-4-Thorium-Reaktoren das Werk?

 

Wie schlecht es um das Flaggschiff des französischen Reaktorbaus bestellt ist, zeigt der verzweifelte Ruf des Chef-Ingenieurs Xavier Ursat, das EPR-Bashing zu beenden. Denn – die trauen sich was – man bastele an einem verbesserten (!) EPR, dem EPR NM (New Model). Zu Erinnerung: es gibt weltweit keinen einzigen funktionierenden EPR. Die Kosten - ursprünglich 3,3 Mrd € - werden derzeit auf 10,5 Mrd € taxiert. Der kleinere EPR NM soll „nur“ 5 Mrd € kosten, die Bauzeiten sollen kürzer sein, bis 2030 will man soweit sein. Das erklärte Ziel ist es – aufgemerkt – billiger zu werden, als die billigsten Erneuerbaren Energien. Wann das? Die Erneuerbaren werden täglich billiger. Und wozu der Aufwand, wenn es nur um Energieversorgung geht?

EdF will zu den atomaren Top Five der Welt gehören, so Ursat: „Nur die besten Fünf haben ihren Platz, und wir können kein großer Akteur sein, wenn wir nur in einem Land präsent sind.“ Wer solche Ambitionen hat, darf sein Flaggschiff nicht ausgerechnet vor der eigenen Küste in Flamanville versenken. Koste es, was es wolle. Und in diesem Spiel wird Fessenheim zur Trumpfkarte. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass der riesige Dampferzeuger in Block 2 ausgetauscht wird.

Wenn also in Fessenheim nicht mehr investiert wird und die Altmeiler faktisch abgehakt sind, warum erlöst EdF nicht endlich die Verantwortlichen aus Politik und Atomaufsicht von dem unerträglichen Druck, der immer größer wird, je öfter die Anrainer aus Freiburg, Stuttgart, Berlin oder Bern auf der Matte stehen und mit unangenehmen Medienrummel eine verbindliche Ansage fordern?

Das von EdF Mantra-artig angeführte Energiewendegesetz ist nicht der Grund. Die Verquickung von Fessenheim mit Flamanville ist ein politischer Schachzug des Atomkonzerns, der Zielsetzung und Wortlaut des Gesetzes missachtet. Es schreibt eine Obergrenze (63,2 GW) der Nuklearkapazität vor, welche die Fessenheim-Stilllegung sogar übererfüllt. Und es fordert die Reduktion des Atom-Anteils, die jedoch mit dem Ersatz alter durch neue Problem-AKW nicht zu erreichen ist. Warum also diese Hinhaltetaktik?

EdF wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn sie ein so wirksames Druckmittel wie Fessenheim ohne Not aus der Hand geben würde. Natürlich wollen ASN und Politik diesen Dauer-Nerver lieber heute als morgen loswerden. Doch der Preis ist hoch, dafür müssen sie sich in Flamanville maximal verbiegen. Für einen solch brandgefährlichen Irrsinn gibt man kein grünes Licht, wenn man sich zuvor überdeutlich zur Ursache positioniert hat: „Diese Praktiken stehen zu dem, was man von einem Hersteller dieses Niveaus erwartet, in einem derartigen Widerspruch, dass man es fast nicht glauben kann. Derartige Normabweichungen konnte man einfach nicht erwarten.“ so der stellvertretende ASN Generaldirektor Julien Collet, der sich gegenüber FranceInter erinnert, wie fassungslos er über die Zustände in der Areva-Schmiede war.

Man kann nun darüber spekulieren, ob der kristall-brüchige Kessel in Flamanville jemals mit Kernbrennstoff beladen wird, oder ob EdF in der Normandie nur noch etwas Zeit schinden will, um dann mit neuen Kleinreaktoren auftrumpfen zu können, ohne daß ein Riss des seidenen Fadens den französischen Staatskonzern von der Bühne der Top-Five fallen lässt. Man kann auch die französische Anti-Atom-Bewegung unterstützen und sich gegen beide Sprödbruch-Kandidaten wehren. Als Betroffene in Hauptwindrichtung kann man der ASN ein paar Zeilen schreiben, entweder über das offizielle Einspruchs-Formular, oder mit Hilfe und vorgefertigtem Text des atomkritischen Netzwerks www.sortirdunucleaire.org/Petition-cuve-EPR.

Der Druck auf Fessenheim muss deshalb nicht nachlassen, zumal ein Audio-Dokument von 1979 wiederaufgetaucht ist. Die ARD-Sendung Monitor ließ damals Sicherheitsexperten aus der Atomindustrie zu Wort kommen – zu brisantem Reaktorstahl. In Fessenheim.

 

Fessenheim: Risse im Reaktorstahl 18.12.1979 Monitor

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Quelle   Eva Stegen 2017

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