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08.04.2018

Mobilität und Kapital

Das Holozän ist unsere Gegenwart, der Zeitabschnitt in dem wir heute leben. Die Erdgeschichte wird üblicherweise entsprechend dem Alter und der Entstehung von Gesteinskörpern gegliedert. Von Matthias Hüttmann

Das sollte man wissen, wenn man darüber nachdenkt, mit dem Anthropozän eine neue erdgeschichtliche Epoche auszurufen. Holozän bedeutet sinngemäß "das völlig Neue". Es steht vor allem für die Kulturgeschichte des Menschen, die sich in diesem Zeitraum ausgebildet hat. Analog dazu heißt Anthropozän dann so viel wie "das Mensch Neue". Auch deshalb bleibt es unklar, ob es dieses Zeitalter überhaupt gibt und ob damit das Holozän bereits beendet ist.

Ich denke, also herrsche ich
Der Begriff ist nicht neu, auch wenn die aktuelle Diskussion etwas anderes suggeriert. Bereits 1873 sprach man von der anthropozoischen Ära beziehungsweise vom Anthropozoikum. Das Interessante: Damals wurde der Begriff durchweg positiv gesehen. Der Mensch, oder vielmehr seine geistige Entwicklung, galten damals als epochal. Man(n) war von sich derart überzeugt und nahm an, dass sich mit dem Menschen in der Natur die Vernunft durchgesetzt hatte. Der Fortschritt war groß, weshalb auch andere Begriffe wie Psychozoikum oder auch Noosphäre aufkamen. Das Psychozoikum ist ein durch den Menschen "geadeltes" Intervall, in der die Spezies Mensch die Fähigkeit erlangt hatte, tiefgreifend auf Flora und Fauna der Erde einzuwirken. Der Begriff Noosphäre steht für den menschlichen Geist oder auch Verstand.

Das Erbe der Menschheit
Heute muss man feststellen, dass der Mensch nicht viel unter Kontrolle hat. Im Gegenteil. Unsere Zeit, ob Epoche oder nicht, steht vielmehr dafür, dass wir durch unsere Eingriffe die Geo- und Biosphäre in eine nicht zu beherrschende Krise gestürzt haben. Letztendlich ist das vor allem unserer Überheblichkeit geschuldet. Das ist im Grunde auch ein Kritikpunkt der Anthropozän-Idee: Nimmt sich der Mensch nicht zu wichtig, wenn er sich zu einer geologischen Kraft erklärt? Sicherlich! So lange man glaubt, dass es ein anthropozentrisches Konzept gibt und man beispielsweise mit Geo-Engineering die Welt retten zu könne. Wenn Anthropozän, dann ist damit vielleicht besser das Erbe des Menschen für den Planeten zu verstehen.

Mobilität der Substanzen
Das wirklich dramatische sind die immer kürzer werdenden Zeitabschnitte in denen die Veränderungen stattfinden. Wenn man sich vor Augen führt, dass beispielsweise 90% des Erdöls erst seit 1950 verbrannt wurde, dann wird klar, es passiert genau jetzt, die heute lebenden Generationen sind entscheidend für das, was ist und sein wird. So ist es nicht die historische industrielle Revolution, sondern vor allem wir, die wir Hand anlegen. Die jüngste Zeit steht auch für das Umgraben der Erde und die Mobilität der Substanzen. Global werden der Natur Ressourcen entnommen, ohne Rücksicht auf die Zusammenhänge, in denen einzelne Substanzen und Elemente vorkommen. Es geht dabei nicht nur um fossile Energieträger, sondern um alle Arten von Rohstoffen, speziell für die industrielle Verarbeitung. Und dieser Rohstoffabbau ist wenig sensibel, er mobilisiert die Stoffe und beseitigt dadurch Lebensräume. Wenn kleinste Substanzen überall auftauchen, dann wurden die globalen Ökosysteme negativ verändert. Beispielsweise besteht die Biomasse der weltweiten Landwirbeltiere aus 65% Nutztieren, 32% Menschen und gerade mal 3% Wildtieren. Dabei hat die Population der Wildtiere in 50 Jahren um 58% abgenommen, im Süßwasser sind es -80%. Aber Population ist nicht gleich Artensterben. Das findet ebenso statt und der Klimawandel ist nicht unbedingt der Haupttreiber dafür. Vielmehr sind Tiere oft kein funktionaler Teil der Erde mehr und ihre natürliche Umgebung ist tot. Verschwinden Lebensräume kommt es zum Artenschwund. Wir müssen uns darauf einrichten, dass künftige Lebenssysteme aus weniger Arten bestehen werden und das vor allem der Mensch darüber bestimmt. Im Anthropozän lebt der Mensch in von ihm künstlich erschaffenen Welten unter Beanspruchung von Lebensraum nicht menschlichen Lebens. Er schafft sich seine eigenen Biotope.

Kapitalozän
Analog zum Anthropozän könnte man auch definieren, dass wir uns im Erdzeitalter des Kapitals befinden. Denn der moderne Kapitalismus ist ebenso eine Art systemische Formation. Er beschleunigt die Prozesse und bewirkt große Veränderungen im Erdsystem. Das Ganze passiert in einer andern Art und Weise, als noch zu präkapitalistischen Gesellschaften. Die räumliche und zeitliche Reichweite dieser Prozesse wurden derart ausgeweitet, dass nahezu alles umgewälzt wird. Erst die kapitalistische Dynamik führte zu Naturveränderungen, die das Potenzial haben, die planetaren Grenzen zu überschreiten. In der großen Beschleunigung (siehe Seite 12) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der ökologische wie auch der ökonomische und soziale Fußabdruck des Menschen über alle Maßen angewachsen. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass man versuchen wird, die globalen Probleme mit genau der Technik zu lösen, welche die Probleme verursacht hat. Im Kapitalozän haben die Geoingenieure das Sagen.

Die Vernunft walten lassen
Um den Klimawandel zu stoppen, sollte man bedenken, dass es nicht zu wenig, sondern zu viel fossile Ressourcen gibt. Die große Herausforderung ist, ob der Kapitalismus es erlaubt, diese in der Erde zu lassen. Schließlich erlaubt er auch nicht die Frage, wer den Nutzen am Raubbau der Natur und dem Menschen hat. Eine Abkehr vom Kapitalozän ist deshalb lebenswichtig, da mit mehr Wachstum auch der Verlust steigt, den wir und unsere Mitbewohner erleiden müssen. Möglicherweise brauchen wir nicht nur eine Dekarbonisierung sondern eine "Deexploitation". Denn nur wer heute weniger verbraucht hat in Zukunft mehr.

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Quelle   Der Bericht wurde von der Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie e.V. (Mattias Hüttmann) 2018 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung von Matthias Hüttmann weiterverbreitet werden! SONNENENERGIE 01/2018 | Inhaltsverzeichnis zum Download

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