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07.02.2019

Starke Bürgerenergiebewegung in der Region Fukushima

Die Präfektur von Fukushima hat nach dem katastrophalen Atomunfall 2011, ausgelöst durch ein starkes Erdbeben mitsamt Tsunami, die Umstellung auf eine 100%ige Erneuerbare Energieversorgung beschlossen.

Einfach ist dies nicht, hält doch die Regierung in Tokio unter Ministerpräsident Abe weiter an der Atomenergie fest und unterstützt auch Erdgas und Kohle.

So hat Japan heute einen Anteil von 17% Ökostrom an der Elektrizitätsversorgung. Er soll nach den Zielen der Regierung auf nur 22% bis 2030 gesteigert werden. Der Anteil der Kohle soll bis dahin 26% betragen, inklusive Erdöl und Erdgas sollen fossile Brennstoffe dann immer noch 56% der Stromversorgung liefern, und die Atomenergie wieder 22%, was sie heute mit 3% wegen den vielen Abschaltungen nach dem Atomunfall gar nicht erreicht. Bei angenommenem steigendem Strombedarf könnte dies sogar einen Ausbau der fossilen Stromerzeugung bedeuten. Im gesamten Primärenergiesektor hat Japan heute nur 8% Erneuerbare Energien und kein Ziel für die nächsten Jahre. Japan gehört damit zu den größten Klimasündern, mit dem Regierungsziel, daran so gut wie nichts zu ändern und auch die Atomgefahren nicht zu beseitigen.

Diese katastrophalen Regierungsziele teilte mir Mika Obayashi in Tokio mit. Sie ist Direktorin des Renewable Energy Instituts in Tokio.

Ob allerdings die unverantwortlich hohen Regierungsziele der fossilen und atomaren Energien in Japan tatsächlich erreicht werden, ist wegen ihrer Unwirtschaftlichkeit höchst fraglich. Gerade in den letzten Tagen wurden große Kohleneubauprojekte in Japan von Investoren abgesagt, da sie ökonomisch nicht tragfähig sind.

Immerhin gibt es ein Erneuerbare-Energien-Gesetz mit Einspeisevergütung, nach dem Vorbild des deutschen EEG, welches insbesondere in der Solarenergie einige Dynamik auslöste.

In den besonders von der Strahlung des Atomunfalles betroffenen Regionen der Präfektur Fukushima versuchen nun viele Bürgerinitiativen, dem anhaltenden ökonomischen Niedergang der Region zu begegnen.

Auf Einladung der internationalen Atsumi-Stiftung zu einer Bürgerenergiekonferenz im traditionsreichen International House of Japan in Tokio betonte ich die Bedeutung von Energiegemeinschaften, wie sie die treibende Kraft hinter dem Ausbau des Ökostromes in Deutschland in den letzten 20 Jahren war.

Ich ermutigte die vielen Teilnehmer der Konferenz die ökonomischen Chancen der Erneuerbaren Energien auch in Japan stärker zu nutzen und gleichzeitig einen starken zivilen Protest gegen die Atompolitik und die ungenügende Klimaschutzpolitik der japanischen Regierung zu organisieren.

Dass die gleichzeitig in Japan weilende Bundeskanzlerin Angela Merkel eben nicht die Energiewende mit Erneuerbaren Energien als gemeinsames, mögliches deutsch-japanisches Atomausstiegs- und Klimaschutzprojekt in den Mittelpunkt ihrer Konsultationen legte, irritierte viele japanische Teilnehmer meiner Gespräche, da sie immer noch glauben, dass Deutschland ein Vorbild der Energiewende sei. Und vor allem ist ihnen ja bewusst, dass der Atomunfall in Fukushima der Auslöser für Frau Merkel war, ihren Irrweg der Laufzeitverlängerung zu korrigieren.

Ich erklärte, dass zwar große Teile der deutschen Gesellschaft die Energiewende weiter vorantreiben, aber eben gegen zunehmende Widerstände der Bundesregierung. Mein Appell an die Konferenzteilnehmer war, gegen die Energiepolitik der japanischen Regierung mit Demonstrationen zu protestieren, wie sie in Tokio vor dem Regierungssitz immer noch jeden Freitag mit hunderten bis tausenden Protestierenden stattfinden – aber auch gleichzeitig die eigenen Investitionen privat und genossenschaftlich in Erneuerbare Energien zu verstärken.

Im Dorf Iitate, welches mit am stärksten von der Strahlung aus dem havarierten Atomkraftwerk getroffen wurde, lebten vor dem Unfall etwa 6.000 Einwohner, heute sind es nur 600. Mutig und innovativ bringen viele Dorfbewohner gerade mit bürgerlichen Investitionen in Erneuerbare Energien neue ökonomische Chancen in die Region und versuchen die radioaktive Belastung mit konkreten Maßnahmen zu verkleinern. Iitate electric power, eine Energiegemeinschaft der Dorfbewohner hat bereits in viele PV-Freiflächen und -Dachanlagen investiert.

Sie interessierten sich sehr für Biogas- und Windkraftinvestitionen und wollten viel darüber wissen, wie wir in Deutschland Genossenschaften oder dörfliche Energieversorgungsunternehmen organisieren. Erneut wurde mir bewusst, wie wichtig der internationale Wissensaustauch ist, um die Erneuerbaren weltweit voranzubringen. Kai Kondo von Iitatepower hatte sich schon erfolgreich in Deutschland über Energiegemeinschaften informiert, ausgerechnet in meinem früheren Wahlkreis – bei Agrokraft in Bad Königshofen.

Ich konnte mit Bauern sprechen, die auf ihren Reisfeldern, deren obere kontaminierten Bodenschichten abgetragen wurden, große beschattende PV-Anlagen bauten. Sie berichteten, dass sie gerade mit den Solarstromerlösen finanziell besser über die Runden kommen, als nur mit dem Reisanbau. In einem eindrucksvollen Video zeigen sie die Vorteile der Agro-PV.

Durch den Abtrag der kontaminierten Bodenschichten wurde viel fruchtbarer Humus abgetragen, wodurch sich die landwirtschaftlichen Erträge deutlich verringerten. Sie hatten verstanden, dass die Agro-PV einen doppelten Nutzen vom Acker bringt. Stolz erzählten sie mir, dass sie gleichzeitig zeigen wollen, dass eine Welt ohne Atomstrom möglich ist. Mit Zorn und Ohnmacht zeigten sie auf die vielen unbenutzbar geworden Felder in ihrem Dorf, die heute von Millionen Plastiksäcken übersäht, gefüllt mit dem kontaminierten Boden, als angeblich vorrübergehende Deponie genutzt werden. Um zukünftige Schäden zu vermeiden, empfahl ich ihnen auch großflächig über diesen Deponieflächen PV-Anlagen zu bauen, damit der Schatten der PV-Anlage den Kunststoff der Säcke vor der solaren UV-Strahlung schützt. In einigen Jahren würde ansonsten der Kunststoff brüchig sein und die Radioaktivität aus der Bodendeponie durch Wind und Regen wieder verbreitet werden. Auch empfahl ich Biokohle aus den landwirtschaftlichen Abfällen zu produzieren und zur Fruchtbarmachung der Böden zu verwenden.

In einem gebirgigen Seitental der Großstadt Fukushima besuchte ich das Geothermie-Projekt Tsuchiyu-Onsen. Hier gibt es viele vulkanische heiße Quellen. Mit dem Atomunfall ist die florierende Touristik stark am niedergehen. Mehr als die Hälfte der dort vorhandenen großen Hotels, die Thermalbäder als Hauptattraktion anboten, sind im Konkurs, weil viele Touristen die landschaftlich einmalig schöne Region wegen befürchteter zu hoher Radioaktivität meiden. Mit der durch das japanische EEG finanzierten 400 kW geothermischen Stromerzeugung konnten zusammen mit einem 150 kW kleinen Wasserkraftwerk in dem Ort 20 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Diese kleine, junge Geothermiefirma hat weitere große Pläne. Sie erzählten mir, dass die Regierung zum Hochwasserschutz in ähnlich reißenden Gebirgsbächen bereits 6.000 kleine Dämme baute, die alle zur Stromerzeugung genutzt werden könnten. Damit alleine könnte schon mehr als ein Atomkraftwerk ersetzt werden. Aber der Atomkonzern Tepco investiert nicht in solche dezentralen Objekte, sondern lobbyiert weiterhin unentwegt die Regierung Abe, nach dem Atomunfall abgeschaltete Atomkraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen.

Mein Rat an die Geothermiefirma war, das von der Stromerzeugung weglaufende warme Wasser weiter ökonomisch zu nutzen. Ein lukratives Geschäft mit einer Lobbsterzucht haben sie bereits aufgebaut. Aber das Abwärmewasser der Stromerzeugung auch gewinnbringend für die Hotels für die winterliche Heizwärme zu nutzen kam ihnen noch nicht in den Sinn. Für mich war es unverständlich, dass die Thermalbadhotels nicht ihre eigene Abwärme aus den heißen Bädern nutzen, um in den kalten Wintern ihre kostenintensive Erdölheizung abzuschalten.

Japan hat große ungenutzte vulkanische Geothermieressourcen, neben viel Solar-, Bio-, Meeres- und Windenergie; sie können und müssen vollständig fossile und atomare Energie ersetzen. Mir ist aber unbekannt, ob die „Klimaschutz- und Atomausstiegs“-Kanzlerin Merkel darüber mit Ministerpräsident Abe überhaupt gesprochen hatte. Ich fürchte nein.  Medien haben jedenfalls nur über andere Gesprächsthemen berichtet.

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