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02.02.2019

Würde das Ende des deutschen Kohleabbau 2038 die Pariser Klimaziele verletzen?

Der Energie- und Klimaexperte Dr. Simon Evans hat auf Carbon Brief, einer in Großbritannien ansässigen Website, welche die neuesten Entwicklungen in den Bereichen Klimawissenschaft, Klimapolitik und Energiepolitik abdeckt, am 29.01.19 eine Analyse der Empfehlungen der deutschen Kohlekommission veröffentlicht.

Evans promovierte in Biochemie an der Bristol University und studierte zuvor Chemie an der Oxford University. Er arbeitete sechs Jahre lang für die Umweltzeitschrift The ENDS Report und beschäftigte sich unter anderem mit Klimawissenschaften und Luftverschmutzung. Carbon Brief ist auf verständliche, datengestützte Artikel und Grafiken spezialisiert, um das Verständnis für den Klimawandel zu verbessern, sowohl in wissenschaftlicher als auch in politischer Hinsicht. Carbon Brief veröffentlicht eine breite Palette von Inhalten, darunter wissenschaftliche Erklärungen, Interviews, Analysen und Faktenchecks sowie tägliche und wöchentliche E-Mail-Zusammenfassungen von Zeitungen und Online-Berichten. Wir haben den Text für Sie frei übersetzt:

"Die Empfehlungen der deutschen Kohlekommission, die Nutzung der der Kohleverstromung bis zum Jahr 2038 einzustellen, könnte das Pariser Abkommen verletzen und zur Emission von mehr als einer zusätzlichen Milliarde Tonnen CO2, so die Analyse von Carbon Brief. Das Überraschende: Folgt die Bundesregierung den Empfehlungen der Kommission, würde die Kohlekapazität in den nächsten zehn Jahren kaum schneller sinken als bei einem Business-as-usual (BAU)-Pfad. Denn es ist zu erwarten, dass viele Kohlekraftwerke aufgrund ihres hohen Alters ohnehin in diesem Zeitrahmen stillgelegt werden würden.

Im Vergleich zum BAU-Szenario würde der vorgeschlagene Ausstiegs-Zeitrahmen erst nach 2030 zur Reduzierung der CO2-Emissionen führen. Er würde auch gegen die EU-Frist für den Ausstieg aus der EU-Kohleförderung verstoßen, wie der vorgeschlagene "unter 2°C-Pfad" der Internationalen Energieagentur (IEA) zeigt. Insgesamt könnte der von der Kommission empfohlene Zeitplan zwar verhindern, dass im Vergleich zum BAU-Szenario insgesamt 1,8 Mrd. Tonnen CO2 (Gt CO2) in die Atmosphäre gelangen, aber dennoch den "unter 2° C-Pfad" um etwa 1,3 Gt CO2 überschreiten. Die wichtigsten Empfehlungen der Deutschen Kohlekommission und wie sie sich  bei ihrer Umsetzung auf die Emissionen auswirken könnten:

Was ist die Deutsche Kohlekommission?

Die Kohlekommission wurde im Juni 2018 von der Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD unter Bundeskanzlerin Angela Merkel gegründet. Sie wird von vier Ko-Vorsitzenden geleitet: zwei ehemaligen Ministerpräsidenten der Bergbauländer, einem Klimaökonomen und einem ehemaligen hohen Kanzleramtsbeamten. Ihr gehören Vertreter von Bundesministerien, Ländern und Parlament sowie 24 Mitglieder aus Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Regionen an. Sie hat ihre endgültigen Empfehlungen am 26. Januar abgegeben. Diese sind nicht verbindlich, aber die Wirtschafts- und Umweltmister erklärten, dass sie schnell handeln wollen, um sie umzusetzen. Das Onlinemagazin Clean Energy Wire hat diese  detaillierte Erklärung über die Struktur und Historie der Kommission veröffentlicht.

Warum wurde die Kommission eingerichtet?

Die Kommission wurde eingesetzt, um einen Konsens über den Ausstieg aus der Kohlekraft in Deutschland zu finden. Die Kohlekraftwerke machen mehr als ein Viertel der nationalen CO2-Emissionen und 7% der EU-Gesamtmenge aus. Ihr CO2-Ausstoß ist größer als der der Niederlande und Österreichs zusammen. Kohle liefert fast zwei Fünftel des deutschen Stroms, ein Anteil, der in den letzten zehn Jahren kaum gesunken ist. Deutschland - mit seiner "hochgeschätzen Energiewende" - wird häufig wegen seiner anhaltenden Abhängigkeit von der Kohle kritisiert, die zu den schmutzigsten fossilen Brennstoffen gehört.

Tatsächlich verfügt Deutschland über den größten Kohlekraftwerkspark Europas, wie Grafik 1 zeigt. Es ist auch der viertgrößte Kraftwerkspark der Welt, nach China, den USA und Indien. Damit ist der Ausstieg aus der deutschen Kohle international von Bedeutung, sowohl politisch als auch für das Klima. Etwas weniger als die Hälfte der deutschen Kohlekraftverstromung stammt aus Steinkohle, die relativ "sauber" verbrennt, aber teurer zu beschaffen ist. Der größere Teil stammt aus Braunkohle, die billig, aber schmutzig ist und in riesigen Tagebauen gefördert wird, welcher die Landschaft verunstalten.

Was empfiehlt die Kommission?

Die Kommission empfiehlt einen vollständigen Kohleausstieg bis 2038, mit festen Reduzierungen der Kraftwerkskapazität bis 2022 und 2030. Sie schlägt eine Entschädigung für betroffene Unternehmen, Arbeitnehmer, Regionen und Verbraucher vor. Laut Medienberichten könnte ein erstes Paket bis zu 40 Milliarden Euro umfassen (siehe auch eine andere detaillierte Clean Energy Wire Erläuterung für weitere Details). Erst nach 2030 (hellroter Bereich in Grafik 2) soll gemäß dem Vorschlag der Kohlekommission deutlich vom Business as usual abgekehrt werden. Mit anderen Worten: Es wird empfohlen, dass eine forcierte frühzeitige Stilllegungen von Kohlekraftwerken hauptsächlich nach 2030 erfolgen soll.

So wurde beispielsweise das Kraftwerk Moorburg in Hamburg im Jahr 2015 eröffnet, es soll voraussichtlich bis 2056 betrieben werden. Basierend auf der durchschnittlichen Betriebsdauer von Steinkohlekraftwerken in Deutschland geht die Kommission davon aus, dass sie alle nach maximal 25 Jahren bis 2038 schließen müssten. Der Zeitplan für den Kohleaustritt und die Ausgleichsmaßnahmen werden in den Jahren 2023, 2026 und 2029 überprüft. Die beiden letztgenannten Überprüfungen sollen sich dann auch mit dem Enddatum befassen, während bei einer Überprüfung im Jahr 2032 ein Auslaufen im Jahr 2035 erwogen werden könnte. Dies wäre ein möglicher beschleunigter Ausstieg, siehe rote Linie in Grafik 2.

Der 336 Seiten starke Bericht der Kommission ist vollständig verfügbar. Seine Empfehlungen wurden von 27 seiner 28 Mitglieder angenommen. Eine Vertreterin von Dörfern, deren Existenz von der Erweiterung der Kohlebergwerke bedroht sind, stimmte dagegen. Greenpeace lehnte die Ausstiegs-Zeitrahmen ab, unterstützte aber das breitere Paket.

Ist der Ausstiegs-Zeitrahmen mit den Klimazielen vereinbar?
Die Kohlekommission schreibt, sie setze sich für die bestehenden Klimaziele Deutschlands ein, bis 2030 die Treibhausgasemissionen gesamtwirtschaftlich um 55 bis 56% gegenüber 1990 und im Energiesektor um 61 bis 62% zu senken. Diese Ziele liegen im Rahmen des EU-Ziels, die Emissionen bis 2030 um mindestens 40% unter das Niveau von 1990 zu senken. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass alle diese Ziele im Rahmen eines globalen 2°C-Ziels festgelegt wurden und dass die Bundesregierung bereits eingestanden hat, ihr Emissionsziel für 2020 deutlich zu verfehlen. Diese Ziele lagen im Rahmen des EU-Ziels, die Emissionen bis 2030 um mindestens 40 % unter das Niveau von 1990 zu senken. Auch ist zu konstatieren, dass alle diese Ziele im Rahmen eines globalen 2°C-Ziels festgelegt wurden. Das Pariser Abkommen von 2015 hat nun die Messlatte deutlich höher gelegt, um die Erwärmung auf "deutlich unter 2°C" gegenüber vorindustriellen Temperaturen und idealerweise nur auf 1,5°C zu begrenzen. Die EU hat sich verpflichtet, ihr Ziel für 2030 anzuheben, und kündigte an, dass sie sich langfristig zu einem Nettonullziel verpflichten könnte.

In diesem Zusammenhang würde ein deutscher Kohleausstieg bis 2038 (rote Linie in Grafik 3) weit hinter dem zurückbleiben, was erforderlich ist, um die globale Erwärmung unter 2°C (blaue Linie) zu halten. Der Zeitrahmen 2038 könnte zu kumulativen Emissionen von etwa 1,3 Gt CO2 führen, die über den  Pfad des 2° Limits hinausgehen. Das entspricht etwa den aktuellen jährlichen Emissionen Deutschlands von 1,5 Jahren.

Andererseits könnte der Ausstieg im Jahr 2038 ein Potenzial von 1,8 Gt CO2 an Kohleemissionen unter einem BAU-Pfad vermeiden. Dies könnte der Effekt einer frühzeitigen Schließung von Kohlewerken in der Zeit nach 2030 sein. Ein beschleunigter Ausstieg bis zum Jahr 2035 würde ungefähr dem 2°C-Pfad der IEA entsprechen, aber keinem "unter 2°C-Szenario", so die Carbon Brief Analyse.

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Quelle   Der Bericht wurde von der Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie e.V. (Mattias Hüttmann) 2019 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung von Matthias Hüttmann weiterverbreitet werden! | SONNENENERGIE 04/2018 

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