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24.03.2018

Bergpredigt, einfach und radikal

Franz Alts neues Buch ist ein „Interview" mit Jesus / Alte Botschaft, neu verpackt

Franz Alt be­dient sich für sein neues Buch eines Tricks. Er interviewt Je­sus am See Genezareth.

Alt übt fundamentale Kritik an Kirchen und Theologen. In vielen Kritikpunkten hat der 79-Jährige recht, zum Beispiel, wenn er sagt, das Christentum sei heute überwiegend ein „Paulustum".

Das Buch ist Alts Weise, „empört euch, wehrt euch!" zu rufen. Es beeindruckt, wie Alt im Alter noch immer an eine bessere Welt glaubt. Dass das Gute das Böse überwinden möge, dazu fehlt ihm nicht die Fantasie. Alt hält Menschen für lernfähig, daher hat er Hoff­nung. Jesu Leben sei die Mensch gewordene Liebe Got­tes.

Der Baden-Badener Ex- Fernsehjournalist stellt wie schon in seinen bisherigen Je­sus-Büchern die Lehre Christi sehr radikal und einfach dar kompatibel zu Alts Weltbild.

Zugegeben, es ist eine origi­nelle Idee, Jesus zu interview­en. Dessen Botschaften sind simpel. Zu allen Zeiten fiel es Menschen schwer, sie zu glau­ben. Ein Weltparlament, das über die Probleme der Welt entscheidet?

Als Realist muss man diesem Jesus (und Alt) sa­gen: Das wird wohl so schnell nicht kommen. Die Überlegen­heit gewaltfreier Politik? Die Erfahrung lehrt etwas anderes. Soll man die Nationen ab­schaffen? Jesus weicht aus: Das sei besser, „als eure Waf­fen zu exportieren". Berechtig­ten Einwänden setzt Jesus Visi­onen entgegen, die sich seit je­her an der Realität reiben.

Der Autor benutzt Jesus für seine Ideen. Das macht etwas misstrauisch: Braucht er so ei­nen großen Fürsprecher?

Angela Merkels Flüchtlings­politik wird bei Alt zur geleb­ten Bergpredigt. So einfach und radikal kann man Jesu Lehre beschreiben. Die meis­ten schrecken vor so viel Radi­kalität zurück. Alt nicht.

Der Autor geht bisweilen manipulativ vor, lässt Jesus sa­gen: „Wem vertraut ihr mehr — der Sonne unseres Vaters oder der Atomkraft?" Als ob das die Alternative wäre. Genauso könnte man fragen: Schokola­de oder Lebertran? Alt legt diesem Jesus sein ganzes Pro­gramm, für das er seit Jahr­zehnten wirbt, in den Mund: Ethische Marktwirtschaft, lo­kale Landwirtschaft für eine Welt, in der niemand mehr hungert.

Dieser Jesus spricht fürs deutsche Publikum und ist na­türlich begeisterter Anhänger der Solarenergie, das Thema nimmt breiten Raum in dem Buch ein. Jesus als Sonnenbot­schafter — das scheint etwas weit hergeholt, ist Alts gewagte Interpretation. Jesus soll Bei­spiele für die Energiewende aufzählen, aber er ist kein aus­gewiesener Energieexperte, oder was genau qualifiziert ihn dazu in den Evangelien?

Insgesamt ist das Buch geprägt von einem positiven Menschenbild, von tiefer Hu­manität. Es mahnt zum morali­schen Handeln in den Überle­bensfragen der Menschheit.

Das Buch ist nicht immer le­bensnah, doch wer Jesu Lehre ernst nimmt, stößt mit Alt auf genau die Überlebensfragen — und kommt um Entscheidun­gen nicht herum. Alt führt Jesu Radikalität vor Augen. Wer da­mit zum ersten Mal in Berüh­rung kommt, kann etwas von der Faszination spüren.

Der frühere Fernsehjourna­list sieht Jesus in erster Linie als ökologischen Wohltäter, Ethik-Lehrer, Botschafter der Liebe und Therapeuten. Damit fokussiert er, man könnte auch sagen, verengt er den Blick. Was beim Lesen zur Ahnung führt: Jesus hat noch mehr zu bieten, als Alt glauben macht.

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Quelle   Badisches Tagblatt | Dieter Klink 2018

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