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19.03.2016

Digitaler Burnout - Bleibt das Smartphone unser Schicksal?

Der autoritäre Duktus des Buches ist klar: Wir schalten unser Smartphone öfter ein, als uns eigentlich lieb ist. Warum lassen wir ständig zu, dass wir in unserer Aufmerksamkeit und unserer Produktivität gestört werden. Von Rupert Neudeck

Alexander Markowetz ist Junior-Professor für Informatik an der Universität Bonn und gibt uns in diesem Buch einen Einblick in die Titel Frage: „Warum unsere permanente Smartphone - Nutzung gefährlich ist“, Haupttitel „Burn-out“. Der Leser wundert sich, weil er zu dieser Erkenntnis ohne jedes akademische Hilfsmittel auch gekommen ist. Man braucht auch nicht die ‚Vorbilder‘ in Gestalt der Miriam Meckel, die ihren eigenen Stress Burn out bekannt zu machen verstand, oder der Arianna Huffington. Die Erkenntnisse sind alle hausbacken und allgemein. Jeder kann es an jedem Morgen im Zug zur Arbeit sehen, wie gefährlich das ist, dass wir nicht mehr wagen wenige Minuten uns von dem Ding in unserer Tasche zu verabschieden.

Was in dem Buch deshalb auch fehlt: Die Darstellung der klaren Alternativen. Einmal der Alternative, gar kein Smartphone zu haben, was offenbar für den Autor keine Möglichkeit darstellt. Dann gibt es für die Kapitel in dem Buch unter dem Titel Digitale Diät noch sehr viel mehr und andere Möglichkeiten. Die Religionen könnten in Europa darauf kommen, dass das, was die Katholiken die „Fastenzeit“ nennen, darin bestehen könnte, auf das Smartphone ganz oder zeitweise zu verzichten. Die islamischen Gemeinden könnten, wenn sie klug und der Zeit angenähert etwas Hilfreiches für ihre Mitglieder tun wollten, auch den Ramadan umwidmen, statt auf die Fülle von Essen und Trinken zu verzichten das Smartphone nicht mehr benutzen. Das könnten zwei große Dollpunkte sein.

Immerhin wird in dem Buch  – so weit erlaubt das die Kommunikationskorrektheit – das Yoga erwähnt, das immerhin auch aus einer uns nicht sehr bekannten Religion kommt. Yoga führt der Autor sehr behutsam ein. Die Uni Greifswald habe z.B. bei Teilnehmern, die Aerobic praktizierten, keine nennenswerten Auswirkungen festgestellt, bei Yoga aber einen ganz positiven Effekt. Es ist in dem Buch unausdrücklich die Hilflosigkeit unserer Gesellschaft, aus „selbstverursachten Unmündigkeiten“ (Immanuel Kant) mit Hilfe des eigenen Verstandes herauszukommen, die das Buch bestimmt. Der Autor leistet sich dabei noch wissenschaftlich-akademische Grenzüberschreitungen, in dem er subjektiv immer wieder als Kontrastbild seine eigene Großmutter ins Bild bringt. Aber eine solche Grenzüberschreitung erleichtert die Lektüre.

Der Autor führt überraschenderweise seine Oma sehr gewinnend ein und zeigt, dass der Burn out nicht nur ein Phänomen der Smartphone Gesellschaft, sondern auch der überfütterten, immer viel zu viel essenden Gesellschaft in Mitteleuropa ist. Die Großmutter habe dem Autor vieles beigebracht. Bei der Ernährung seien sie aber auseinander gewesen. Es vollzog sich eine Art Ritual beim Frühstück. Jedes Mal, wenn ich mir Cornflakes in die Schüssel schüttete und Vollmilch darüber goss, fragte sie mich, warum ich keine frische Sahne nähme. Als Angehörige der Kriegsgeneration hab es für meine Oma nur eine Regel: Iss, wenn etwas da ist. Immerhin hatte sie Erinnerung an die Zeit, in der man in Deutschland Hunger gelitten hat. Später änderte sich das, aber es änderte sich nicht die Oma.

Wir betreiben, sagt der Autor, über Jahre hinweg kollektives Anti Yoga. Er hat die Autoritäten alle dabei, die den Nutzern einen Stoß in Richtung Digitale Diät geben könnte. Das sind dann Arianna Huffington oder Brad Field oder Jake Knapp.

Ich muss auch gestehen, dass ich die neue Sprache, die mit den Handys und Smartphones in die Welt gekommen ist, nicht immer verstehe. Der Autor will uns weismachen, es könnte „gesündere Smartphones geben“, das hänge alles vom Bereich der Produktivität ab. Und dann kommt der Satz, den ich kaum auflösen kann: „Eine Anwendung, in der es darum geht, effizienter zu handeln, ist die App Snowball, die alle Chatprogramme bei Android Handys vereint. Sie gestaltet sie übersichtlicher“. Aber ich weiß weder was die App Snowball noch was ein Android Handy ist.

Das Buch drückt sich über die 200 Seiten vor der klaren Alternative: Einfach mal verzichten auf die Dinger? Nicht auf alle, aber auf das letzte mit dem stärksten Suchtpotential. Nicht auf das Laptop und nicht auf das Handy. Aber auf Auslandsreisen nehme ich den Laptop ausdrücklich nicht mit. Ich will noch dazu kommen, Eindrücke direkt aufzunehmen, auch handschriftliche Notizen zu machen, weil mir etwas fehlen würde, wenn ich das nicht mehr hätte.

Die Alternative heißt: Kein Burnout und kein Stress. Die Alternative heißt: Warum wir uns nicht in die Sklaverei dieser uns manchmal 700 Euro kostenden Geräte begeben müssen. Ich störe mich schon an der Sprache: Ich habe z.B. kein Smartphone, der Autor spricht aber von uns allen, wie man von uns Menschen sprechen kann mit den Möglichkeiten des sich Ernährens, des sich Bewegens, des Lernens usw. Markowetz sagt uns: Es sei wichtig zu sehen, welche Suchtpotential Smartphones haben. Drogen haben auch ein Suchtpotential und werden deshalb erst gar nicht zugelassen. Worin liegt der Unterschied? Die Smartphones verändern unsere Wahrnehmungen, unsere Entscheidungen und unser Denken.

Der autoritäre Duktus des Buches ist klar: Wir schalten unser Smartphone öfter ein, als uns eigentlich lieb ist. Warum lassen wir ständig zu, dass wir in unserer Aufmerksamkeit und unserer Produktivität gestört werden.

Kurz: Die Alternative zu der Diktatur der Smartphones fehlt in dem Buch. Oder der Autor ist darauf gar nicht mehr gekommen. Oder er war zu feige, diese Option auch noch zu nennen, die natürlich keine mehrheitsfähige sein kann und sein wird.

Alexander Markowetz "Digitaler Burnout - Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist" - online bestellen!

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Quelle   Rupert Neudeck 2016Grünhelme 2016

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