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29.11.2018

Buchtipp: "Wir sind dran"

Die Welt ist nicht in gutem Zustand, wer könnte das bestreiten. Was ist zu ändern, wenn wir überleben wollen? Zu dieser Frage gibt es einen neuen Bericht des Club of Rome. Eine erste Einschätzung dazu von Professor Udo E. Simonis

Nur wenige Bücher haben in den letzten Jahrzehnten die Sicht auf die Welt so verändert, wie der erste Bericht des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ von 1972. Das „dünne blaue Büchlein“ – wie es liebevoll genannt wird – war ein wissenschaftlicher Bericht von Dennis und Donella Meadows, Jorgen Randers und William M. Behrens an den Club, wurde ein Bestseller und in mehr als 30 Sprachen übersetzt; allein die deutsche Ausgabe erreichte fast eine Million verkaufter Exemplare. Es wurde 1992 und noch einmal 2004 methodisch verfeinert und datenmäßig aktualisiert - und dabei immer dicker. Die deutsche Fassung von 2006 hatte schon 323 Seiten – und wurde dennoch mehrfach nachgedruckt (Hirzel Verlag, 6. Auflage 2018).

Nun also ein weiteres Buch, das die Sicht auf die Welt ändern soll und sie verändern will, ein Buch mit einem reißerischen, aber auch mitreißendem Titel – „Wir sind dran“ - und 394 Seiten Umfang. Die Welt ist halt komplizierter geworden, so könnte man meinen. Doch es ist kein weiterer Bericht von wenigen Wissenschaftlern an den Club of Rome, es ist ein Buch von einem Drittel der 100 Mitglieder des Clubs selbst: den Ko-Präsidenten Ernst U. von Weizsäcker und Anders Wijkman und 32 weiteren Mitgliedern des Clubs - sowie fünf zusätzlichen externen Autoren.

Es ist ein ganz und gar anderes Buch über die Grenzen des Wachstums als das erste: kein Buch cooler Wissenschaftler, die auf Basis komplexer mathematischer Systeme die Grenzen des Wirtschaftswachstums auf der begrenzten Welt ermitteln, es ist ein Buch engagierter Vereinsmitglieder, die das Thema selbst in die Hand nehmen wollen - nach dem Motto: „Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“. Und das tun sie auf eine ganz besondere Art und Weise.

Eine wichtige Grundlage des ersten Buches war das Computermodell „World3“, das die mit dem Wachstum der Wirtschaft in Zusammenhang stehenden Makro-Parameter Bevölkerung, Industrieproduktion, Nahrungsmittel, Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung, Quellen und Senken verarbeiten konnte, womit sich dann schlüssige Szenarien zur globalen Entwicklung erstellen ließen. In der ersten Ausgabe wurden 12, in der zweiten 14 Szenarien für die Zeit bis 2100 vorgestellt. Dies waren, was oft missverstanden wurde, keine Prognosen dazu was in Zukunft geschehen würde, sondern nur unterschiedliche Szenarien (Projektionen) darüber, wie die Entwicklung im 21. Jahrhundert ablaufen könnte.

Aus der selbstkritischen Erkenntnis der Autoren, dass es ihnen nicht gelungen war, das Konzept der „Grenzüberschreitung“ (overshoot) als berechtigte Sorge in die öffentliche Debatte einzuführen, wurde genau dies in den Fokus genommen und zum ersten Kapitel in der dritten Ausgabe des Buches. Die Überschreitung ökologischer Grenzen wurde so zum zentralen Thema im globalen ökologischen Diskurs – wenn auch in verschiedenen Varianten des Begriffs.

Das zentrale Konzept des neuen Buches ist das der „Nachhaltigkeit“. So heißt es auf S. 17: „Die heutigen Trends sind überhaupt nicht nachhaltig. Die Fortsetzung des herkömmlichen Wachstums führt zu einem Zusammenprall mit den planetaren Grenzen. Die Vereinten Nationen haben zwar die Agenda 2030 verabschiedet, die alle Nöte der Welt überwinden soll. Aber die erfolgreiche Umsetzung ihrer elf sozio-ökonomischen Ziele könnte den raschen weiteren Ruin für Klima, Ozeane und Artenvielfalt bedeuten, also die ökologischen Ziele zertrampeln“.

Teil 1 des Buches liefert dementsprechend eine Diagnose einiger der nicht nachhaltigen Trends. Dazu gehören nicht nur die Treibhausgasemissionen aus Industrie und Verkehr, sondern auch die fortschreitende Militarisierung, die industrielle Landwirtschaft, der internationale Handel - und die Bevölkerungszunahme. Die materielle Conclusio dieses Teils mündet in der Forderung, dass das Wirtschaftswachstum dringend vom Naturverbrauch abgekoppelt werden müsse.

Das hat man schon oft gehört, und so ist es denn kein Wunder, dass die Autoren eher in Teil 2 den „revolutionärsten Teil“ ihres Berichts sehen. Worin besteht die Revolution?

Einen ersten Markstein sieht man in der päpstlichen Enzyklika von 2015 „Laudatio Si“. Danach folgt die etwas unfreundliche These, die heutigen Religionen und Denkmuster stammten alle aus der Zeit der „leeren Welt“ – und eigneten sich nicht für die Zeit der „vollen Welt“. Das wird der Papst nicht gern hören. Daraus ergibt sich aber die als Anregung deklarierte Forderung, dass wir auf eine „neue Aufklärung“ zusteuern sollten.

Wie das geschehen könnte? Einfach so: Die philosophischen Fehler des Marktdogmas überwinden, die reduktionistische Philosophie als flach und unzulänglich decouvrieren – und: Ying und Yang, die Philosophie der Balance propagieren und verinnerlichen…

Kann der Planet Erde warten, bis die menschliche Zivilisation durch diese Mühen einer „neuen Aufklärung“ gegangen ist? Nein, sagen die Autoren, wir müssen jetzt schon handeln – und sie werden in Teil 3 des Buches dann auch konkreter.

Sie erzählen eine lange Geschichte erfolgreicher Projekte und Politikvorschläge: Beispiele einer Kreislauf-Wirtschaft, einer „Blauen Ökonomie“, dezentraler Energie, einer „regenerativen Urbanisierung“, des nachhaltigen Investierens, der CO2-Bepreisung, neuer Wohlfahrtsindikatoren bis hin zur Bildung für eine nachhaltige Zivilisation. Das sind insgesamt 183 Seiten spannender, aber zum Teil auch verwirrender Ausführungen. Was ist wichtig, was sollte Priorität haben, wo ist der notwenige Zusammenhang der Projekte und Instrumente für eine Welt, die gerettet werden soll?

Da die Autoren das selbst auch nicht zu wissen scheinen, laden sie die Leserinnen und Leser zum Schluss zur Kooperation ein. Das Ziel sei klar, so sagen sie: Es sei eine ausgewogene Welt mit einer realistischen Harmonie zwischen den ökonomischen und den ökologischen Sustainable Development Goals (SDGs). Um dieses Ziel zu erreichen, präsentieren sie (auf den Seiten 378 bis 380) eine Reihe von Einladungen, so zum Beispiel an Ingenieure, Erfinder, Praktiker und Finanzinvestoren, an der Entkopplung des wirtschaftlichen Erfolgs und der menschlichen Zufriedenheit vom Verbrauch natürlicher Ressourcen zu arbeiten; an Familien, sich um eine Stabilisierung der Bevölkerung zu bemühen; an Geschäftsleute, das Gemeinwohl über den finanziellen Erfolg zu stellen; an Regierungen, über die Grenzen hinweg zusammenzukommen und am gemeinsamen Wohlergehen zu arbeiten.

Wishful thinking - Wunschdenken? Die Autoren scheinen das zu ahnen – und fügen eine letzte Einladung an: eine Einladung an die Kritiker, „darauf hinzuweisen, was sie in Bezug auf die Tatsachen und Absichten dieses Berichts durch den Club of Rome als falsch oder fehlerhaft empfinden“ (S. 380), wofür extra eine E-Mail-Adresse eingerichtet wurde: comeonauthors @clubofrome.org.

Fazit: Das erste Buch über die Grenzen des Wachstums an den Club of Rome von 1972 (mit seinen drei Varianten) und das neue Buch des Club of Rome von 2018 sind völlig unterschiedliche Bücher. Sie sind keine Konkurrenzbücher – sie ergänzen einander. Das eine ein Makro-Buch, das andere primär ein Mikro-Buch, so könnte man sagen. Das gilt im Blick auf die Präsentation der Wachstumsgrenzen, wie auch der Methoden des Umgangs mit ihnen. Manches im neuen Buch hätte knapper gefasst werden sollen – auch, um so mehr Leser zu gewinnen. Doch da war wohl die große Zahl der Autoren davor. Empfehlenswert ist es daher, beide Bücher, beide Betrachtungsweisen des Zustands und der Entwicklung der Welt zusammen zu studieren und zu diskutieren - in den Schulen und Hochschulen, in den Forschungseinrichtungen, in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Das wäre zwar anstrengend, aber ganz sicherlich erkenntnisreich und individuell lohnend. Die Themen Wachstum und Wachstumsgrenzen sind vielfältig – und so sollte auch der Zugang dazu sein.

Widersprüchlich fand der Rezensent in dem neuen Buch zwar einiges, ärgerlich aber nur eines: dass die Übersetzer dieses voluminösen und anspruchsvollen Werkes nicht explizit in der Titelei genannt werden. Und auch, dass relevante deutschsprachige Literatur zu diesen Themen nur stiefmütterlich zitiert wird. Ansonsten aber wäre nun zu überlegen, wie die digitalen Kommunikationstechniken erfolgreich genutzt werden könnten, damit die vielen Menschen, die etwas ändern wollen an der Art und Weise wie wir leben, mit den Möglichkeiten, die dieses Buch bietet, vertraut werden. Anlässe genug auch für weitere Auflagen und Übersetzungen des Buches.

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Quelle   Udo E. Simonis 2018 ist Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Redakteur des Jahrbuch Ökologie

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