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31.10.2015

Cyberkrank!

Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Handy-Fasten und Smartphone-Urlaub. Zu einem alarmierenden Buch von Manfred Spitzer. Von Rupert Neudeck

Es gibt schon mehrere Bücher zu der alarmierenden Erkenntnis, dass das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Das Schlimme, was man zu den Büchern sagen muss: Sie sind ungeheuer dramatisch und man denkt sich, wer das gelesen hat, muss als Vater, Mutter, Lehrer, Erzieher sein Leben ändern. Und sich von einer Form der digitalisierten Kommunikation abwenden. Aber das Gegenteil ist der Fall, es gibt nicht nur mehr Geräte, es gibt auf allen Plätzen, zu allen Tages- und Nachtzeiten in Zügen, Bussen, Straßenbahnen, auf der Straße, beim Einkaufen immer nur Menschen, die mit einem Finger eine kleine Scheibe berühren und die nicht mehr schauen, wohin sie gehen, sie gehen wie Monaden, das alte Wort von Leibniz fiel mir ein.

Das ist nun der vielleicht stärkste Angriff auf die verheerenden Folgen des „digitalisierten Lebens“, das uns auch gleich klarmacht, dass sich nichts ändern wird. In der Mitte des Buches sagt der Mediziner-Neurologe und Psychiater voraus, dass das Gefühl der Fremdbestimmung zunehmen wird auf Grund der Informationstechniken. Die Menschen fühlen einen fundamentalen Kontrollverlust. „Herr Spitzer,. Da kann man nichts machen“ sei das am häufigsten ihm entgegengebrachte Argument in gefühlten Tausenden von Diskussionen. „Und genau dieses Lebensgefühl der Ohnmacht ist das Problem!“ Die Einsicht macht uns ohnmächtig, dass wir keine Kontrolle mehr über die digitale Informationstechnik haben.

Das Buch ist so wertvoll, weil es die Begriffe noch mal gut definiert und neujustiert. Es macht uns klar, dass die meisten Begriffe eine falsche Erwartung erzeugen. Informationsüberflutung sagen wird. Der Begriff sei tückisch, er verwehrt uns die Einsicht in die tatsächlichen Vorgänge. „Man kann nämlich das Gehirn gar nicht mit Informationen überfluten, denn es macht längst lange vorher schon die Schotten von selbst dicht.“ Wir würden aber ständig das Gefühl unserer eigenen Unfähigkeit und Ohnmacht erleben.

Es gibt Begriffe, die ganz neu konvertiert werden müssen. Trennungsangst ist nicht mehr das, was von Goethe bis zu Adenauer alle verstanden. Der Ausdruck „Trennungsangst“ hat im digitalen Zeitalter eine ganz neue Bedeutung erlangt. Es gibt auch die Angst etwas zu verpassen, sie wird mittlerweile mit dem Akronym FoMO (für Fear of Missing Out) bezeichnet. Die Angst etwas zu verpassen, sei durchaus real. Analog zu den Neurotikern nennt man sie Fomotiker, die ständig fürchten, falsche Lebensentscheidungen zu fällen, die vor lauter Überlegen, was sie tun sollen, die Situationen verpassen.

Natürlich ist der Autor in der Lage zu sehen, wie sinnvoll das Handy und Smartphone bei einer Katastrophenhilfe sein kann. Alles kann man vernünftig einschätzen, wenn die Dosierung der Benutzung dieser Medien stimmt. Aber Sozialverhalten kann man nur durch reale Sozialkontakte lernen. Deshalb müsse man zwischen der Facebook Nutzung durch Kinder und Heranwachsende einerseits und durch Erwachsene andererseits trennen. „Junge Menschen können Sozialverhalten nicht am Bildschirm lernen.“ Die Einwände gegen  die These des Buches werden alle so auseinandergenommen, dass nichts übrig bleibt. Die frühen Facebook Nutzer waren natürlich anders. Die ersten Autofahrer fuhren behutsam und umsichtig, denn sie mussten den Schaden selbst reparieren. Es bleibt die umstürzende Tatsache, dass 1,2 Mio. 3-8jährige regelmäßig online sind. Kinder, die noch nicht schreiben und lesen können, erkennen entsprechende Symbole, die ihnen den Aufruf von Webangeboten ermöglichen. Realitätsfremd sei nur der, der die Augen vor den krankmachenden Auswirkungen verschließt. Wenn wir die Bildung und die Gesundheit sehr reichen Firmen überlassen, denen ihre Profite wichtiger sind als das Wohl der nächsten Generation, versündigen wir uns an unseren Nachkommen.“ Der Autor spitzt zu: Er wisse nicht, was schlimmer sei: Müll in der Landschaft oder Müll in den Köpfen.

Das Buch geht Schritt für Schritt mit wissenschaftlichen Evidenzbelegen und Studien vor und kann deshalb zu so klaren eindeutigen Schlussfolgerungen kommen. Der Autor ist auch in der Lage zu sagen: „Wir wissen noch nicht!“ im Zusammenhang mit der Frage, weshalb das digitalisierte Leben unseren Schlaf stört. Ganz entschieden und klar wendet er sich gegen die Ausrichtung der Erstschulklassen und womöglich noch Kitas und Kindergärten mit Tablets und Computer.

Viele Kinder beginnen heute die Grundschule in einer iPad-Klasse, „ohne dass man hier zuvor geforscht hat und sich mit Nebenwirkungen befasst hätte. Wenn es nur um die Kinder geht, scheint es ja als ob man nach Herzenslust experimentieren dürfe. Es werde auch überall die Handschrift abgeschafft für das Tastaturschreiben, obwohl es eine Untersuchung aus Princeton gibt mit dem schönen Titel: „Der Füllfederhalter ist mächtiger als die Tastatur - Vorteile der Handschrift gegenüber dem Mitschreiben am Laptop“.

In China kann man schon jetzt die verheerenden Auswirkungen des Tastaturschreibens auf die Lesefähigkeit feststellen. Die Lesefähigkeit ist bei der chinesischen Schrift abrupt heruntergegangen. Die Schrift verfügt über 5000 Symbole, die die Schüler nur dann im Gedächtnis behalten, wenn sie diese oft mit der Hand schreiben. Die Nebenwirkung des Verfahrens: Über 40 Prozent der chinesischen Schüler der Klassenstufe 4 können nicht mehr lesen. In der Klassenstufe 5 sind es über 50 Prozent. Und in Deutschland sei es nicht besser. In manchen Bundesländern sei die Handschrift als Schulfach schon abgeschafft.

„Die Kinder schreiben Druckbuchstaben und erleben daher nicht mehr die komplexen motorischen Fähigkeiten, die auch ihrem Gedächtnis helfen, wenn sie etwas aufschreiben. In den USA wurde die Handschrift aus dem Curriculum 2013 in 46 Bundesstatten gestrichen. Leider plädieren auch unsere Bundeskanzlerin und das Bundesministerium für Bildung und Forschung dafür: „Die Vermittlung von Kenntnissen über Computer ist gegenwärtig die größte Herausforderung für die Schulen“, sagte die Kanzlerin in ihrer Videobotschaft Ende September 2014. Dabei haben die großen deutschen Studien zur Computer-Nutzung im Unterricht eindeutig festgestellt, dass Computer an Schulen weder das Lernen noch die Schulleistungen verbessern.

Im Schlusskapitel bekommen alle Befunde noch einmal eine dramatische Aufgipfelung. Das Internet ist der größte Rotlichtbereich mit Sex, Gewalt, Abzocke und Verbrechen. Die dort im Internet Rotlicht herrschende Kriminalität kostet unsere Gesellschaft schon jetzt sehr viel Geld.

Und machen wir uns nichts vor. „Es besteht immer die Möglichkeit, dass digitale Kommunikationstechnik der körperlichen, geistig-seelischen und sozialen Entwicklung Schaden zuführt und zudem Sucht erzeugen kann.“ Dies sei nachgewiesen.

Es geht, wie der Autor im Schlusskapitel schreibt, um viel Geld. Er fragt sich selbst bei den katastrophalen Befunden der Cyberkrankheit, warum nichts geschieht? „Weil eine übermächtige Lobby der reichsten Firmen der Welt ganze Arbeit leistet“. Wenn ein College Abbrecher wie Mark Zuckerberg innerhalb kurzer Zeit zum Milliardär  werden kann, zeigt das, was da in Zukunft auf uns zukommt. Der Autor erzählt eine recherchierte Geschichte, die er aber auch bei uns für möglich hält.

Im Juni 2013 sollten im Schuldistrikt von Los Angeles für 1,3 Milliarden US-Dollar 650 000 iPads für die Schulen angeschafft werden. Als das bekannt wurde, kam es zu massiven Protesten der Lehrer. Nur ein Drittel der Lehrer war für das Projekt. Es waren gerade 25.000 iPads verteilt worden, als es den Schülern schon gelungen war, die eingebaute Sicherheitssoftware zur Blockade von pädagogisch unerwünschten Seiten (Gewalt, Pornographie) zu umgehen. Darauf entschied der Schuldistrikt, dass die Geräte nicht mehr nach Hause mitgenommen werden durften. Nachdem im August 2014 herauskam, dass Superintendent Deasy enge Kontakte zum Management von Apple und der Softwarefirma gehabt hatte, musste er im Oktober 2014 den Dienst quittieren. Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte kiloweise Papiere wegen Korruptionsverdacht.

 

Spitzer besteht auf der Krankheit und der Gefahr der Sucht. Er wendet sich gegen alle Verharmloser, die meinen, man könne übermäßigen Medienkonsum nur als „schlechte Angewohnheit einstufen. Er kritisiert und kann die meist selbsternannten „Medienpädagogen“ nur aus der Ferne bewundern. Die Spielindustrie geht auf Suchtentwicklung, auf Geldgier. Dieser geballten Geldgier können Kinder wenig entgegensetzen. Wer Kinder mit den Computern umzugehen lehren will und behauptet, man müsse sie frühzeitig da heranführen, handelt genauso unverantwortlich wie jemand, der behauptet, man müsse Kinder früh mit Alkohol und Drogen in Verbindung bringen.

In einem Schlusskapitel beschreibt er das Experiment eines freiwilligen Verzichtens auf das Handy, also katholisch gesagt, das „Handy Fasten“. Es ging dabei um den Verzicht über einen Zeitraum von einem Monat. 29 Schüler eines bayerischen Gymnasiums hatten eine Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen besucht und drei Tage ein Video vorgeführt bekommen, zu dem Jugendliche über ihre Suchtprobleme bezüglich Fernseher, Computer und Smartphone sprechen. Darauf beschlossen alle Schüler, freiwillig für einen Monat auf jegliche elektronischen Medien zu verzichten. Es folgt ein hoch interessanter Bericht, weil die Schüler das in der Regel trotz der schon nahenden Suchtprobleme als heilsam empfanden.

Glänzend der Schluss des Kapitels „Digitale Jugend unaufmerksam ungebildet, unbewegt“. Darin beschreibt er das pädagogische Chaos in Deutschland. Die Studien zum Einsatz  von Computern im Unterricht sind ernüchternd bis peinlich, „keinesfalls rechtfertigen sie die Investitionen in digitale Informationstechnik. Auch die zusätzlichen Argumente – typisch: Medienkompetenz entwickeln! – finden in diesen Daten keine empirische Grundlage. Im Gegenteil: „Computer verstärken die Bildungsunterschiede zwischen Arm und Reich“. Spitzer sagt es so klar, dass man Bundestagsabgeordneten das Buch empfehlen möchte für vernünftige Sparmaßnahmen: „Investitionen in digitale Investitionstechnik im staatlichen Bildungsbereich stellen eine Verschwendung von Mitteln da, solange die Datenlage so klar ist, wie sie es ist. An Lehrerstellen zu sparen und zugleich Millionen Beträge für digitale IT auszugeben, ist verantwortungslos und Bildungsfeindlich.“

Es dürfe - ja mal herhören, Politiker – nicht sein, „dass wir die Bildung der nächsten Generation den Profitinteressen weniger weltweit gierender Firmen überlassen. Denn die Bildung junger Menschen ist unsere Zukunft“. Der Epilog zeigt die Satírekünste des Autors, der sich einen wunderbaren Ausrutscher erlaubt, herrlich zu lesen. Wenn nämlich die Schüler schon keine Handschrift mehr lernen sollten, dann sollte man weitere Erleichterungen planen. Mit Hilfe einer neuen Rechtschreibreform können man schon „ph“ durch „f“ ersetzen. Man könnte die lästige Großschreibung abschaffen und viele Dehnungen einfach wegwerfen. Und dann schreibt er über zwei Seiten so: „mit diesem Schritt lasen sich viele Frustrationserlebnisse vermeiden, in einem weiteren Schritt könnte man  ‚ v‘ durch ‚f‘ sowie ‚sch‘ durch ‚Z‘ und durch ‚s‘ ersetzen.“

Die Wochenzeitung ZEIT hat auf der letzten Seite immer die Variation auf ein altes bekanntes Gedicht, in diesem Fall von Goethe “Gefunden“, in dem es wie als Verweis auf das Buch von Spitzer heißt:

„Verbunden / Ich saß‘ in Ruhe/ So vor mich hin/Nichts sollt mich stören/Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich/ Mein Handy glühn/ Wie Feuer leuchtend/ Wie Blaulicht schön

Ich wollt’s nicht nehmen, /da sagte es fein/ Zum Ignorieren soll ich/ geschaffen sein?

Ich konnt’s nicht meiden, /Ich nahm es an,/ Der Ruhe ward/ ein Ende getan.

Und ging ich wieder/ Zum stillen Ort, / Da blinkt es wieder./ Wie wünsch ich’s fort“.

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Quelle   Rupert Neudeck 2015 | Grünhelme 2015

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