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04.11.2017

Schwarzbuch Alpen

Matthias Schickhofer legt ein Plädoyer für den Schutz der Alpen vor. Die Alpen an den Grenzen ihrer Belastbarkeit.

In seinem neuen Buch „Schwarzbuch Alpen“ ruft der Umweltschützer, Fotograf und Autor Matthias Schickhofer zu einem neuen Umgang mit den Alpen auf: „Raus aus dem Hamsterrad aus Ausbau, Vergrößerung und Verschuldung.“ Das Rezept „immer größer immer höher“ sei überholt, meint er. Änderungen im Urlaubsverhalten der heranwachsenden Generationen und in der Bevölkerungsstruktur würden den Skizirkus in den kommenden Jahrzehnten im Zusammenwirken mit dem Klimawandel massiv treffen.

Nach vielen Expertengesprächen und umfangreicher Literaturrecherchen sieht Schickhofers Befund nicht rosig aus: „Die Ausbreitung der zersiedelten, urbanen Zonen in den Tälern und der intensiven Nutzungen in der Höhe ist in vollem Gange.“ Gleichzeitig leiden periphere Gebiete wie Piemont oderetliche Alpentäler in Ostösterreich unter massiven Abwanderungsproblemen. „Diese Probleme wurden zwar längst erkannt und werden intensiv diskutiert. Die notwendige Umorientierung kommt aber nur zögerlich in Schwung“, konstatiert er. Der Prozess einer Behauptung gegen die Zwänge der Globalisierungs‐Gleichmacherei stehe erst am Beginn. Schickhofer ruft daher dazu auf, Widerstandskraft gegenüber den „Schalmeienklängen der Investoren“ zu entwickeln und sich für nachhaltige Lösungen zu engagieren, die die Alpenlandschaften erhalten und den Menschen vor Orttatsächlich zu Gute kommen.

Matthias Schickhofer bereist die Alpen seit seiner Kindheit, hat familiäre Verbindungen zu Südtirol und setzt sich als Umweltschützer seit mehr als 20 Jahren für ökologischen Verkehrslösungen, für Naturschutz sowie gegen neue Skigebiete ein. Schon in den frühen 90‐Jahren protestierte er mit Greenpeace gegen den Alpentransitverkehr. In den letzten Jahren machte er sich als WWF‐Partnergegen die Erweiterung von Skigebieten stark.

„Um fit für die Zukunft zu sein, müssen die Weichen in Richtung Nachhaltigkeit jetzt gestellt werden. Noch mehr Lifte und Stauseen sind der falsche Weg. Die Sehnsucht nach intakter und unverbauter Natur nimmt zu. Daher wird das Kapital der Zukunft die intakte alpine Landschaft sein und nicht noch mehr verkabelte Pisten‐Hänge oder neue Staumauern.“ Er warnt vor einer „Scheuklappenhaltung“ bei Liftbetreibern, die den Klimawandel verleugnet: „Noch mehr Beschneiung wird die Folgen desKlimawandels nicht aufheben können. Das könnte zu einem bösen Erwachen führen.“

Im seinem neuen Buch stellt er zukunftsweisende Ansätze vor, wie etwa die Alpenvereins‐Initiative„Bergsteigerdörfer“. Diesen Modellen ist gemeinsam, dass sie auf den vorhandenen, lokalen Stärkenund Besonderheiten aufbauen, „aufgesetzte Lösungen“ ablehnen und auf schonende, naturnahe Ganzjahrestourismus‐Konzepte setzen, die ohne dem „Umbau“ der Landschaft auskommen. Diversifizierung angesagt. Und die Kosten werden gering gehalten, um eine dauerhafte gesicherte wirtschaftliche Basis zu schaffen. „Massenspektakel und Vergnügungsparks vertragen sich auch nicht mit Individualität, Natursehnsucht und Erholung“, meint Schickhofer.

Besonderes Augenmerk hat er auf das Thema Klimawandel gerichtet, der die Alpen stark verändern werde: Gletscher‐ und Permafrostschmelze destabilisieren die Hänge (mit mehr Bergstürzen und Hangrutschungen als wahrscheinliche Folgen). Die Alpenflüsse werden im Sommer weniger Wasserführen. Extremwetterereignisse wie Starkregen und Intensivschneefall, Dürren oder Stürme werden zunehmen. Die Schneebedeckung wird zurückgehen und unzuverlässiger werden. Das wird Skifahren in tieferen Lagen in vielen Regionen wirtschaftlich immer mehr verunmöglichen. „Hier braucht es rasch eine Abkehr von der Pistenfixierung“, sagt Schickhofer.

Auch die Alpenwälder werden zunehmend unter Druck kommen. Besonders die gleichförmigen Fichten‐Bestände werden unter Trockenheit, Stürmen und Borkenkäfer‐Ausbreitung leiden. In Kombination mit Verbiss‐Schäden am Jungwuchs durch die hohen Schalenwildbestände kann das zu großen Problemen für die alpinen Schutzwälder führen. Schickhofer plädiert daher für eine naturnähere Waldbewirtschaftung, Bewahrung der Naturwälder und eine Reduktion desSchalenwildes, um die Wald‐Verjüngung zu fördern.

Die Klimawandel‐bedingte Hitze könnte viele populäre internationale Urlaubsdestinationen der Europäer unattraktiv machen. „‘Sommerfrische’ in den Alpen wird daher wohl eine neue Bedeutung bekommen. Die Kühle der Berge, die ‘grüne’ Bergnatur und die alpinen Seen werden die Beliebtheit der Alpen potentiell steigern. „Dazu müssen die Natur‐ und Kulturlandschaften der Alpen aber möglichst unversehrt erhalten werden und dürfen nicht unter Planierraupen und Stauseenverschwinden“, plädiert Schickhofer.

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Quelle   

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