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06.08.2015

Die blinde Seherin: Sabriye Tenberken

Die Traumwerkstatt von Kerala. Die Welt verändern, das kann man lernen. Zu dem Buch über Kerala und das Tibet Projekt. Von Rupert Neudeck

Das ist eines der besten Bücher über das, was man immer noch Entwicklungszusammenarbeit nennt, mangels eines besseren Wortes. Diese wunderbare, nie unterzukriegende blinde Ideen-Entwicklerin Sabriye Tenberken und ihr Partner Paul haben sich aufgemacht, vor vielen Jahren, haben über diverse Widerstände die Blindenschule in Tibet gegründet, ausgebaut, geschafft und sind dann einen Schritt (aber 5000 Km entfernt) weiter zu einem nächsten Abenteuer gegangen: Nach Kerala. Dort machen sie  in einer der umtriebigsten Regionen Indiens ganz neue Erfahrungen. Erfahrungen aber, die mit ihren bisher gesammelten Lernelementen durchausaus korrelieren.

Im Kapitel „Von ‚Bremsern‘, ‚Trittbrettfahrern‘ und ‚Hijackern‘“ erzählen sie, was viele Helfer erleben müssen und lernen sollten: Sie sind von Experten umgeben, von Entwicklungshilfe-Platzhirschen, die alles schon wissen und auch besser wissen. Von denen, so die Botschaft des Buches, muss man sich emanzipieren: „Man lässt sich durch kritische Bemerkungen und selbstbewusst verkündetes Expertenwissen leicht verunsichern“. Dabei zweifelt man oft, ob der neu gegangene Weg der richtige ist und „öffnet dann all denjenigen die Tür, die aus mehr oder weniger gut gemeinten Gründen neue Ideen abzuwürgen versuchen“.

Die Bremser sind meist Experten, die die Newcomer auf diesen Gebieten abwehren wollen, weil das Revier schon von ihnen bestellt wird. Der Schwachpunkt ist oft das Geld, es entwickelte sich in Europa eine richtige Industrie, englisch genannt Fundraising, die hochprofessionell Geld eintreibt. Wer diese Expertenindustrie nicht beansprucht, sondern auf die Attraktivität der eigenen Ideen setzt, wird oft mitleidig belächelt. Sabriye und Paul bekamen Besuch von einer US-Hilfsorganisation. Sie hatten gehört, dass die beiden auch für die Berufsausbildung blinder Erwachsener in Lhasa Tibet eine Käserei einrichten wollten. Mit der Aussicht auf finanzielle Unterstützung ließ diese vornehme NGO sie einen Antrag mit genauem Programmentwurf formulieren. Der Antrag blieb ohne Antwort. Diese Hilfsorganisation hatte aber ihre Idee geklaut und baut in einem anderen Teil Tibets genau diese Käserei auf. Neben den Experten, die die beiden Bremser und Trittbrettfahrer nennen, gibt es noch eine Gruppe Menschen, vor denen man sich hüten soll: „Hijacker“. Einer war beim Aufbau ihrer Werkstatt in Kerala übereifrig. Er erklärte ihnen allerdings, dass man langfristig nur bestehen kann, wenn man die Mitarbeiter durch Akademiker ersetzen würde. „In einer hochexplosiven Auseinandersetzung fand unsere Zusammenarbeit schließlich ein Ende!“.

Das Institut ist wirklich etwas ganz Neues, das aus dem unerhörten Wagemut ihrer Ideen kommt. Sie sammeln Menschen, die manchmal behindert, manchmal gescheitert sind in ihren Herkunftsländern und Klassen, die in Kerala zur vollen Blüte ihrer Ideen kommen. Es gab Pläne für eine Mikrofinanzbank für Überlebende des Bürgerkriegs in Sierra Leone, eine Friedensinitiative für kriegsversehrte Jugendliche in Liberia, eine Grundschule für behinderte Kinder in Indien und ein Trainingsprogramm für blinde Studenten in Nepal, die Computer und Sprachunterricht anbieten sollte. Selbstbewusst sagt die Autorin: Diese Ansätze waren nicht wissenschaftlich untermauert, aber sie entstanden aus unmittelbarer Erfahrung. Nicht selten auch aus Opposition gegen konventionelle Hilfsprojekte, die oft etwas Gönnerhaftes hatten und dann an den eigentlichen Bedürfnissen der Menschen vorbeigingen. Mit der akademischen Versuchung der Experten hatten Paul und Sabriye viel zu knabbern. Aber sie sagen sich, dass ein solch hochtheoretisch unterfütterter Kurs ihnen nie geholfen hätte, das Tibet- und das Kerala-Abenteuer zu bestehen.

Das Buch beschreibt erst mal, weshalb das Institut in Kerala oder auch die Werkstatt Kanthari heißt. Die Autorin bekommt, bevor sie Kanthari kannte, einen Bissen in einem Speisesaal mit Studenten. Sie ließ den Bissen auf der Zunge zergehen und sprang dann hoch, schüttelte ihre Hände, als „stünden sie in Flammen. Im Nu war meine Stirn schweißnass. Eine heiße Wolke umhüllte mich“. Auf die Frage was das war, sagte ein Kollege lachend: „Oh keine Sorge, nur eine Kanthari. Das ist eine besondere Chili-Art, die im südlichen Kerala wild wächst. Sie ist scharf und feurig, wenn man sie isst. Sie hat viele heilende Eigenschaften, wirkt blutreinigend, schmerzlindernd und senkt den Blutdruck. Kanthari wächst wild im Abseits. Man pflanzt und pflegt sie nicht, sie sät sich selbst. Diese Kanthari nehmen Sabriye und ihr Partner Paul als perfektes Symbol für einen besonderen Menschentyp: der mit Biss und feurigem Engagement gesellschaftliche Regeln umstoßen will. Das Kanthari-Institut ist ein Ausbildungszentrum für Außenseiter. Ein Trainingsplatz für komische Vögel, manche blind, manche nicht, manche nutzen das Institut für ihre Projekte, um „gemeinsam lokale und globale Herausforderungen auf kreative Weise“ anzunehmen.

Es sind wunderbare Kapitel, die immer wieder von Deutschland ausgehen, wo Sabriye in Bonn groß wurde, nach Tibet, denn sie hat als Blinde Tibetologie studiert, und jetzt auch nach Kerala. Das fünfte Kapitel heißt „Scheitern als Option“, das erinnert an Buber und Bonhoeffer, Erfolg ist keiner der Namen Gottes. Es geht um tödliche Traditionen, z.B. die weibliche Genitalverstümmelung. Und der Kampf dagegen.

Die Autorin beschreibt das immer in einer Sprache, die so ausgeruht klar ist und niemanden beleidigt, sondern die Traditionen erklärt, auch die, die sich ändern müssen. Die Kollegin Monicah erzählt zu der Genitalverstümmelung eine Geschichte. Ein König wollte seine Macht unter Beweis stellen durch einen Tanz. Er war ein miserabler Tänzer. Er kam deshalb auf die Idee, allen Frauen seines Landes ein Bein abzuschneiden. Sie waren nicht mehr fähig sich zur Wehr zu setzen, sie würden nicht mehr tanzen können. Der König war lange tot, aber die Tradition geht weiter. Ein Mädchen, das zur Frau wird, muss ein Bein abgenommen bekommen. Die Mädchen, denen die Monicah das erzählt, sind noch im Bann der Tradition. Sie sagen: „Aber was ist, wenn wir nicht mehr dazugehören? Dann sind wir verflucht!“

Sie beschreibt die Marburger Carl-Strehl-Schule, die die blinden Kinder und Jugendlichen durch sportliche Aktivitäten wie das Wildwasser fahren trainieren und zu Selbstbewusstsein bringen will. Das Institut ist ein Magnet für Studenten aus der ganzen Welt. Besonders für solche, die Unglaubliches durchlebt und durchlitten haben. Das Buch bringt den Leser auch an die Plätze, von denen diese außergewöhnlichen Kanthari Studenten kommen. So im Kapitel über „Thumbs Up für eine offene Gesellschaft“, eine sehr genaue Einführung in die gräßlichen Versklavungen der ugandischen Gesellschaft, die von der Lord Resistance Army andauernd stranguliert wird. Am 15. Dezember 2014 hören die Mitglieder des Kerala Instituts die Abschlussrede von Odwar Samuel, der selbst von der LRA von Joseph Kony zum Kindersoldaten und zum Killen abgerichtet werden sollte. Das Leben von Samuel war nicht einfach, er kam aus einer polygamen Großfamilie mit 21 Geschwistern, zwei Müttern, einem Vater und Großeltern. Samuel erklärte bei dem Eintritt in die Kanthari Gemeinschaft, er würde für eine offene Gesellschaft kämpfen, „eine Gesellschaft, die nicht auf Aberglauben beruht“, nichts mehr mit Hexerei, Flug und Magie zu tun habe.

Die Lord Resistance Army ist aus diesen Quellen mit entstanden, die immer noch ganz massiv in der ugandischen und westafrikanischen Realität traditionell tragfähig sind. Die Armee wurde von einer unglaublichen religiösen Führerin beherrscht, die damals als Nachricht durch ganz Afrika raste. Alice Lakwena war Priesterin, vom Heiligen Geist beseelt, als para-religiöse Königin. Ihr Nachfolger Joseph Kony war die gröbere Variante, Lakwena verschwand irgendwann in einem Lager in Kenya, dann kam Kony, der Angst verbreitete durch „magischen Schnickschnack“. Samuel hatte so viel durchgemacht, dass er größte Kraft hatte, den Kanthari Kurs erfolgreich zu bestehen. In seiner Abschlussrede beschrieb er sein Traumprojekt. „Thumbs Up Uganda“. Thumbs Up sei eine Bewegung gegen Stigmatisierung, Diskriminierung und gegen Aberglauben.  Nach dem Abschluss gehen diese Mitarbeiter dann wieder in ihre Problemländer zurück, und werden dann von Sabriye und Paul besucht. Einige Kapitel sind eben diesen Besuchen bei Ihren ex-Mitarbeitern gewidmet. Insofern ist das Buch ein Kaleidoskop verschiedener großer symptomatischer Probleme der Welt im Jahre 2015.

Das ist auch ganz wichtig, denn es gibt in vielen Teilen Afrikas noch Hexenglaube und Menschenjagd, z.B. gegen Albino-Kinder und Menschen. Im kanthari Institut erfahren sie etwas über die Gefahr in afrikanischen Ländern als Albino aufzuwachsen über Jayne. Sie wurde Mitte der 80er Jahre in Zentralkenyia geboren. Sie kann sich erinnern, dass ihre Mutter, abgestoßen von Jaynes heller Haut, das Kind in der Obhut der Großmutter ließ und abhaute. Die Großmutter wusste nichts Besseres zu tun, als das Baby in der Sonne schmoren zu lassen, damit die Haut nachdunkeln konnte. Sie konnte  nicht ahnen, dass die Sonnenstrahlen für Jayne lebensgefährlich waren. Die Albino-Menschen wachsen mit einem Mangel an Melanin auf, erkranken ohne ausreichenden Sonnenschutz schon in jungen Jahren an Hautkrebs.

Aufklärung von solchem Hexenglauben, das wissen wir ja aus Europa, ist ein Segen für die betroffenen Menschen. In Tansania tobt dieser Aberglaube bis hin zu einer Benutzung der Körper dieser Menschen für die profitträchtige Organentnahme. Die grausame Praxis der Hexer, auf Menschen mit Albinismus Jagd zu machen, habe eine Vorgeschichte. Im Victoria Se werden in die Netze Albinohaare gesteckt, um für reichen Fischfang zu sorgen. In vielen afrikanischen Ländern glauben die Menschen, dass eine Frau mit Albinismus Heilkräfte besitze. Das gehe so weit, dass Hexer HIV-positive Männer ermutigen, mit diesen Frauen Geschlechtsverkehr zu haben. Wenn sie sich weigern, dürfen sie einfach vergewaltigt werden.

Jayne sagte in ihrer Abschlussrede: Wir können uns nur von diesen Praktiken lösen, wenn wir uns vom Aberglauben verabschieden. „Sobald wir die Fakten kennen, können wir den Hexenglauben entmystifizieren“.  

Sie beschreiben die Vorgeschichte der Kanthari Idee, die 1997 im Sommer, im autonomen Gebiet Tibets begann. Sabriye war allein gegangen, nach Tibet, ohne Freunde und Verwandte. Der „Alleingang“ öffnete ihr die Türen. Auch zu Familien mit blinden Kindern. Blinde Kinder wurden versteckt. Jetzt konnte Sabriye die Behörden überzeugen, ein Waisenheim zu bekommen für eine Schule für blinde Kinder. Dort begegnete ihr Paul, der lebenslang ihr Partner wurde. Die notwendige Unabhängigkeit wurde dort noch einmal besiegelt, denn Sabriye brach die Zusammenarbeit mit dem BMZ in Berlin ab, was sich in jeder Hinsicht als vorteilhaft erwies. Seit dieser Zeit steht in einem Außenbezirk Lhasas die Blindenschule Tibets und eine Anlaufstelle für Besucher aus der ganzen Welt. Und Sabriye schreibt: geholfen habe ihnen beiden sicherlich die „Kombination unserer beiden Charakterzüge. Mein Dickschädel, gepaart mit Pauls unerschütterlichem Optimismus“.

Es ist faszinierend zu lesen, wie Blindheit nicht unbedingt eine Behinderung sein muss. In der Tibeter Schule lebt und lernt der 9jährige Gyurmi. Der erklärte Sabriye: Es sei sein Glück blind geboren zu sein. Als sie fragte, wie das denn nun zu verstehen sei, antwortete er: Er sei der Einzige in seiner Familie, der lesen und schreiben kann, der einzige in seinem Dorf und der einzige in der Region, der einen Computer bedienen und im Internet surfen kann. „Und das, obwohl oder gerade weil ich blind bin!“

Im Kapitel „Eine Reise in fünf Akten“ beschreiben sie ihren selbstgemachten Lehrplan, das Kanthari Curriculum mit den siebenmonatigen Reise oder Programm mit dem Ziel, eine „Idee bis zur realistischen Umsetzung zu bringen“. Im ersten Akt werden die Ideen der Studenten getestet, auseinandergenommen, wieder zusammengesetzt. Das Arbeitsprinzip des Instituts umfasst potentiell die ganze Welt: Die jungen Begabungen kommen aus den schwierigsten Problemzonen und Ländern, lernen miteinander in Kerala und gehen dann wieder in Ihre Problemzone und in ihr schwieriges Land zurück. Die Leiterin des Instituts, eben Sabriye Tenberken, besucht die ehemaligen Mitglieder und Mitarbeiter und lernt die Schwierigkeiten und Fortschritte kennen.

Die Studenten können ihre Zielidee in einem „virtuellen Land“ ausprobieren, das die Autoren „Tansalesea“ nennen. Es ist wunderbar, mitzuerleben bei der Lektüre, welche unglaublichen verschütteten Begabungen sich hier treffen: Nicola Stanisch, eine deutsche Marketingexpertin. Dr. Howard Yu ist Professor an einer Businessschule in Lausanne. Sristi ist eine junge Tänzerin aus Nepal, die wegen einer Fehlbehandlung ihre Sehkraft einbüßte. Mit 15 Jahren fiel sie von der Bühne und erkannte, dass sie blind war. Ihre Eltern schleppten sie von einem Augenarzt zum anderen. Dann plötzlich erkannte sie, dass sie ihr eigenes Leben machen musste, in dem sie ihre Blindheit akzeptierte. Sie entwickelte die Initiative „Blind Rocks“, eine mobile Schule, in der sie blinde Menschen weltweit durch Tanzunterricht, Modeberatung und abenteuerliche Aktionen wie Wildwasser-Rafting ermutigen will,  mit Selbstvertrauen am Leben teilzunehmen. Tosin, aus Nigeria, hatte ihr eigenes Schlüsselerlebnis. Sie wurde von ihrem Mann windelweich geschlagen. Gedemütigt lief sie durch den Slum von Lagos. Um sie herum Abfälle. Sie entwickelte durch die Begegnung mit Trash, Müll, einen Stück Styropor die Initiative für missbrauchte Frauen: „Trash into Treasure“. Frauen lernte, aus Abfall wertvolle und wunderschöne Gegenstände herzustellen. Sie stellen aus Sägespänen dekorative Küchenuhren her und bauen aus Plastikflaschen alternative Möbel.

Das, was dieses Leben und diese Erfahrungswelt der beiden Sabriye und Paul so faszinierend macht, ist das Arbeiten mit wenigen Mitteln und mit einer wunderbaren Einheit mit der jeweiligen Natur und den Jahreszeiten. Sowohl in Tibet wie in Kerala. Sie sind ganz realistisch, gehen den Herausforderungen und den massiven Hindernissen nicht aus dem Weg, aber überwinden sie durch die Sturheit und das Selbstbewusstsein, dass man nicht auf die Experten und die UNI-Klugheiten warten soll. So hat ein junger Tibeter in Kerala eine Gewächshausschule entwickelt. „Stellt Euch ein Gebäude vor, mit transparenten Wänden und durchsichtigem Dach. Drinnen wachsen Kräuter. Und dann sind da die kleinen Tische und Stühle und die vielen Kinder, die mitten im Grün sitzen und trotz der draußen herrschenden Kälte lernen, Drinnen sei es warm, geheizt von der stetig scheinenden Sonne. Und durch die transparenten Wände sehen Kinder und Lehrer die schneebedeckten Berge“.

Diese Werkstatt wirkt wie ein Asyl, ein lebensrettendes Asyl für alle Mühseligen und Beladenen, die in ihren eigenen Gesellschaften nicht mehr zurechtkommen. Tahreer ist eine Palästinenserin, die es auch bis Kerala geschafft hat. Sie war erst in einer falschen NGO, in der ein Patriarch so tat als sei er ein Frauenrechtler, er ließ seine Frau nicht mal aus dem Haus. Die Palästinenserin hob den Laden aus den Angeln und half der Frau des Patriarchen, eine Nähstube aufzumachen, nach zehn Jahren Ehe-gefangenschaft konnte sie jetzt zum Einkaufen herausgehen. Tahreer hat einen Traum für Palästina, eine Reitschulde für Mädchen. Das hat sie so begründet: „Wenn Mädchen in der Lage sind, ein großes Pferd zu kontrollieren, dann werden sie sicher auch mit einem kleinen Mann fertig werden“.

Das ganz besondere Geheimnis der Sabriye besteht in ihrer durch nichts abgelenkten Aktivität und dem unerschütterlichen Glauben, dass nur einzelne Menschen etwas bewirken, die gegen Ritter, Tod, Teufel und Blindheit ihre Ideen umsetzen. Sie hat eigene Kapitel in das Buch eingestreut, in der sie ihren eigenen Lebensweg noch einmal beschreibt. Sie wurde erst mit 12 Jahren blind, hat diese Erfahrung aber nicht zu einer Lähmung und Verwundung lebenslang ausufern lassen, sondern diese ganz neue Chance, als eine Blinde mit viel schärfer genutzten Fähigkeiten der übrigen Sinne außerhalb der Sehkraft ihr großes schönes Leben zu machen. Dazu hat sie ihren Freund und Partner Paul gebraucht und beschreibt, wie sehr sie seine besondere Art schätzt. Nur einmal berichtet sie, wurde ihr Paul ausfällig und konnte es nicht mehr begreifen und fing an holländisch zu fluchen. In Kerala hatten sie gedacht, sie wären sie in eine engagierte linke Bewusstseinswelt gekommen. Aber sie erlebten eine gewalttätige Kommunistische Jugend, und sie erlebten Gewerkschaften, die ihre Mitglieder dahinbrachten, dass sie einen „Lohn fürs Zugucken“ bekamen, Nokku Koli auf Malayalam, der einheimischen Sprache.

Als einmal eine Solarheißwasseranlage für die Werkstatt geliefert wurde, musste das Gerät mit viel Sachverstand von den Solartechnikern abgeladen werden. Allein für das Zuschauen bekam jedes anwesende Gewerkschaftsmitglied einen Lohn. Weil sie das Gerät hätten abladen müssen, wie es in Kerala bestimmt ist, bekommen sie den Lohn. Da brach es aus Paul heraus auf holländisch: „Potverdomme! Ich würde ja euch bezahlen, wenn ihr uns mal richtig helfen würdet“. Aber die Gewerkschafter waren anderer Meinung. Paul meinte: „Weil wir eure Arbeit gemacht haben, müsstet ihr eigentlich uns bezahlen!“ Daraus wurde eine hochbrisante und gefährliche Situation. Ajith Kumar machte daraufhin einen Hungerstreik. Das führte dazu, dass es kein Mittagessen gab, Daraufhin waren die Gewerkschaftler weg. Denn sie wollten nicht auf das Mittagessen verzichten. Man bekam von der lokalen Polizei einen Tipp. Man brauchte nur eine einstweilige Verfügung vom Gericht und schon sei alles vorbei. Die Partnerin von Sabriye, Ajith, Kerala sagte. „Erst gibt es ein emotionales Feuerwerk, dann ein bisschen kühles Wasser in Form einer Verfügung“.

Das Buch ist ein Lern- und Lehrbuch für jeden, besonders für jeden jungen Menschen, der sich aufmacht, mit einer unbeirrbar guten Idee die Welt zu verbessern und sich von niemandem, auch nicht von Experten, Zuständigen und Professoren irremachen lässt.

Sabriye Tenberken "Die Traumwerkstatt von Kerala. Die Welt verändern, das kann man lernen" - online bestellen!

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Quelle   Rupert Neudeck 2015 | Grünhelme 2015

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