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12.07.2017

Entdeckung zweier Zukunftskontinente

Was Gerd Müllers Buch „UNFAIR!“ so wichtig und wertvoll macht. Eine Rezension von Peter Spiegel

Kann man in einer Welt, die nun schon seit Jahrhunderten mit sich immer weiter intensivierender Entdeckerlust unterwegs ist, überhaupt noch so etwas wie einen neuen Zukunftskontinent entdecken?

Man kann. Gerd Müller entdeckte gleich zwei davon, wenn man den Begriff Zukunftskontinent nicht allein auf das Geografische verengt. Er ist zwar für die beiden Zukunftskontinente, die er in seinem Buch beschreibt, nicht der Erstentdecker, aber vielleicht einer, der die entscheidenden Impulse setzt für den Durchbruch. Er ist zumindest der entschiedenste Politiker in deren Entdeckungsprozess, und dies als ein Politiker mit nicht unwesentlichem Entscheidungs- und Handlungsspielraum. Seine Konzepte und Empfehlungen gelangten in den Kernbereich der Agenda des G20-Gipfels. Wie zu erwarten war, konnten sie in der dort versammelten Uneinigkeit zwischen den Fraktionen von „einer“ und „meiner“ Welt nicht den finalen großen Durchbruch erlangen. Seine Motivation und sein Atem reichen jedoch weiter.

Der eine Zukunftskontinent, den Müller in den Fokus seines Denkens und Entdeckens nahm, ist physischer Natur und heißt Afrika. Der zweite ist konzeptioneller Natur und heißt globale ökosoziale Marktwirtschaft, was nichts anderes bedeutet als eine gelingende, konsequente Globalisierung guter und fairer ökologischer und sozialer Standards. Für Müller sind beide Zukunftskontinente absolut untrennbar miteinander verbunden.

Wenn man eine Kommune, ein Land oder einen Kontinent entwickeln will, braucht man als erstes einen positiven, konstruktiven Zukunftsblick. Ohne Erhards Blick auf Nachkriegsdeutschland als „soziale Marktwirtschaft“ mit „Wohlstand für alle“ und Amerikas Entscheidung für einen Marshallplan statt der damals ebenfalls erwogenen Agrarlandisierung Deutschlands wäre die Entwicklung wohl eine völlig andere gewesen. Analoges gilt für die Entwicklung Europas, Chinas, Indiens – und eben auch Afrikas als nächstes Anwendungsfeld.

Will man ernsthaft dazu beitragen, dass sich Afrika vom „Problemfallkontinent“ zum Zukunftskontinent entwickelt, bedarf es dieses Blickwinkels: „Afrika ist der Kontinent der Chancen, der Dynamik und der Jugend mit einer unvorstellbaren kulturellen Vielfalt und einer Natur mit riesiger Artenvielfalt. Es ist eine Schatzkammer der Natur. In Afrika befinden sich die größten Anbauflächen der Welt. Afrika verfügt über vielfältige natürliche Ressourcen... Unternehmergeist und Innovationskraft, außerdem die großen unerschlossenen Potenziale für erneuerbare Energien und Landwirtschaft könnten dazu verhelfen, Hunger und Mangelernährung innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten zu überwinden... Afrika ist ferner auch der Markt mit dem schnellsten Wachstum im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik...“

Müller ist nicht naiv und weiß, dass viele Aspekte dieses Reichtums „ein Segen, aber auch ein Fluch“ sind – solange es keinen klugen „Marshallplan mit Afrika“ gibt, solange Ausbeutung, Korruption und unfaire Handelsbedingungen freie Bahn für ihren Umgang mit diesem Reichtum haben. Mit seiner Initiative „Marshallplan mit Afrika“ setzte er einen konstruktiven Diskussionsrahmen für die Gestaltung eines konstruktiven Ordnungsrahmens politischer und wirtschaftlicher Natur für eine ökosoziale Entwicklung Afrikas. Und damit unweigerlich auch für eine Ebene darüber: für die Diskussion und Umsetzung eines ökosozialen Zukunftsplaneten Erde.

Damit geht Müller synchron mit einer verblüffend dynamischen Mutation in Richtung ökosozial inklusivem Denken in immer weiteren internationalen Vordenkerkreisen, von der OECD bis jüngst beim G20-Vorgipfel „Global Solutions“ der führenden Thinktanks der Welt und selbst dem Davoser Weltwirtschaftsgipfel, der in diesem Jahr die Überwindung der sozialen Spaltung zur Zukunftsaufgabe Nr.1 erklärte. Um Müllers Position hier richtig einzuschätzen, sei er erneut zitiert:

„Wir erleben derzeit einen weltweiten Durchbruch der ökosozialen Orientierung – zumindest auf der Ebene der ‚Worte’. Nichts anderes ist die Übereinkunft in New York über die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) für eine gerechte Weltordnung. Nun geht es darum, diese Ziele tatsächlich zu erreichen und umzusetzen... Standards müssen im gesamten Welthandel gelten... Durch die Festlegung und Anerkennung sozialer und ökologischer Mindeststandards würde es gelingen, aus sogenannten Freihandelsabkommen Fairhandelsabkommen zu machen. Europa kann und muss durch seine Marktmacht eine Vorreiterrolle übernehmen und weltweit Standards setzen... Eine marktradikale Ökonomie endet in der Ausbeutung von Mensch und Natur. Der globale Markt braucht deshalb verbindliche globale Rahmenbedingungen zum Schutz von Mensch und Natur... Ein globaler ökosozialer Handel setzt letztlich einen Weltvertrag voraus.“

Müller drückt sich nicht um Klartext, welche Schritte dazu unumgänglich sind: „Gemäß WTO-Logik können nicht nur, sondern müssen sogar Güter gehandelt werden, die von Kindern unter sklavenartigen Bedingungen produziert werden. Der eigentliche Grund für den unerträglichen Zustand der weltweiten Ökonomie und des ‚freien Handels’ ist, dass die globalen Regelwerke nicht kohärent aufeinander abgestimmt sind – und das wohl mit Überlegung und wissentlich... Das Hauptziel muss bleiben, die globalen Spielregeln insgesamt neu zu justieren und letztlich die heutige Logik des internationalen Handels, sprich die durch die Welthandelsorganisation (WTO) und andere internationalen Handelsabkommen gesetzten Rahmenbedingungen zu verändern.“

Marktwirtschaft und ökosoziale Rahmenordnung sind längst keine Gegensätze mehr, sondern werden sowohl von immer mehr bisher eher Linken wie Rechten als auch von bisher mehr Markt- wie Staatsgläubigen als unabdingbare Voraussetzungen füreinander erkannt. Globalisierung von Marktwirtschaft ohne volle und konsequente Inklusion der Globalisierung ökosozialer Standards führt zum Scheitern. Müller dazu: „Wenn das 21. Jahrhundert nicht das Jahrhundert der Kooperation wird, wird es das Jahrhundert des Scheiterns werden.“

Zu einigen zentralen Zukunftsfragen hat Gerd Müller dabei bereits wertvolle Ansätze gesammelt und in seine Konzepte eingebaut. Zu dem von ihm geforderten „Quantensprung bei der Nutzung erneuerbarer Energien“ im Rahmen seines Marshallplans mit Afrika setzt er auf eine Beratungsinitiative deutscher Energiegenossenschaften für entstehende Bürgergenossenschaften in Afrika. Das Konzept dazu hat Josef Göppel entwickelt, ein erfahrener Förderer des Genossenschaftsgedankens in Deutschland.

Fragen, wie wir zur Durchsetzung einer menschenwürdigen globalen Lohnuntergrenze, zu einem global verbindlichen Mindestlohn, kommen, zu einer verlässlichen und nachhaltigen Finanzierung der Global Goals (SDGs), zu einer Kohärenz der sich teilweise diametral sich widersprechenden Regeln von beispielsweise WTO und UN-Organisationen und vielem mehr, sind im Marshallplan mit Afrika und Müllers weiteren Initiativen in Richtung eines Weltvertrags für ökosozial fairen Handel noch nicht wirklich hinreichend beantwortet.

Lamentieren über solche Mängel in Müllers Ansatz für einen „Marshallplan mit Afrika“ und eine „Globalisierung einer ökosozialen Marktwirtschaft“ wäre jedoch ein kardinaler Fehler, denn Müller lud für jede bisherige wie jede weitere Phase seiner Vorhaben zu einem permanent offenen gesamtgesellschaftlichen Diskussionsprozess ein. Entscheidend ist nicht, keine Fehler machen zu wollen, denn, so Hegel, „der größte aller Fehler ist, keine Fehler machen zu wollen“. Entscheidend ist die Authentizität des Anliegens und die Offenheit für die Entwicklung neuer Antworten. 

Müller rief explizit zu systemischen statt kosmetischen beziehungsweise „Projektitis“-Lösungen auf. In diesem Sinne: Nutzen wir die Chance.

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