Ad
Zurück zur Übersicht

21.01.2016

Ewigkeitslasten

Die "Endlagerung" radioaktiver Abfälle als soziales, politisches und wissenschaftliches Projekt. Eine Rezension von Udo E. Simonis

 Im Juli 2016 muss die sog. Endlager-Kommission ihren Abschlussbericht vorstellen. Ein Bericht, der darlegen soll, unter welchen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kriterien in Deutschland ein Endlager für hoch-radioaktive Abfälle gefunden werden kann. Ein Buch zur Endlagerproblematik zur rechten Zeit – hier mit einer Einschätzung von Professor Udo E. Simonis

Für die Mitglieder der sog. Endlager-Kommission – 16 Vertreter des Bundestages und der Bundesländer, 16 Vertreter aus Wissenschaft und Gesellschaft – geht es im Jahr 2016 um viel Arbeit, um die Fertigstellung des Abschlussberichts. Eines Berichts, der darlegen soll, unter welchen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kriterien in Deutschland ein Endlager für hoch-radioaktive Abfälle gefunden werden kann. Auf Basis dieses Berichts soll der Bundestag den Suchprozess nach dem Endlager auf den Weg bringen, dessen Standort bis 2031 feststehen und das 2050 betriebsbereit sein soll. Die Endlagerung des Atommülls, der derzeit bundesweit in rund 2 000 Castor-Behältern zwischengelagert ist, könnte dann 20 weitere Jahre dauern.

Das vorliegende Buch über die Atommüllthematik kommt also zur rechten Zeit – so könnte man meinen. Doch Achim Brunnengräber beginnt mit dem Bekenntnis, dass es besser gewesen wäre, wenn dieses Buch niemals hätte geschrieben werden müssen (S. 7). Zumindest könne es kein erbauliches sein, weil das Thema Atommüll die Menschheit über tausende (40.000?) von Generationen beschäftigen wird. Und er gibt ihm deshalb den passenden Titel: „Ewigkeitslasten“.

Der Autor will uns dabei auf eine doppelte Zeitreise mitnehmen: Einmal um besser zu verstehen, warum wir inzwischen weltweit auf über 70 Jahre der unerledigten Entsorgung des Atommülls zurückblicken und zum anderen, welchen Herausforderungen wir, vor allem aber die nachfolgenden Generationen, noch konfrontiert sein könnten. Er beginnt mit einer strikten Feststellung: „Die bestmöglichen Lagerstätten für den Atommüll müssen gefunden werden. In vielerlei Hinsicht ist Pessimismus verständlich; aber Pragmatismus ist geradezu zwingend“ (S. 8). Auf die Gefahren hinweisen und gegen Atomenergie zu sein, reiche nicht mehr aus. Politik und Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft trügen insgesamt die Verantwortung, das Projekt der „Endlagerung“ zum Erfolg zu führen. Irgendwo müsse der Atommüll möglichst sicher eingelagert werden. Die Atommüllfrage sei eine äußerst dringliche Angelegenheit, die nicht mehr aus dem gesellschaftlichen Diskurs verdrängt werden darf. Doch er konstatiert auch das damit verbundene Paradox: „Nur zwei bis drei Generationen haben von der Atomenergie in großem Stil profitiert. Nun aber müssen die vielen nachfolgenden Generationen mit der Gefahr leben und die Kosten tragen“ (S. 8).

Das Standortthema Endlager ist also ein Thema der Vergangenheits- wie der Zukunftsbewältigung – und darin müsse man nicht nur Probleme, sondern auch Chancen erkennen: Zum einen seien die ungelöste Standortsuche und das verbleibende Restrisiko überzeugende Argumente für den weltweiten Ausstieg aus der Atomenergie. Zum anderen könne die Standortsuche einen positiven Demokratieprozess bewirken, weil Öffentlichkeitsbeteiligung, Transparenz, Mitsprache und Vertrauen unabdingbare Voraussetzungen für ihren Erfolg darstellen.

In sechs Kapiteln geht der Autor diesen Fragen nach – und findet dafür inspirierende, imaginative Titel: „Ausstieg, aber kein Abschied“; „Lösungen, die noch niemand kennt“, „Probleme, die keiner überschaut“, „Interessen, die gegenläufig sind“, „Neustart, der keiner war“ und „Zukunft, die schon begonnen hat“. Diese Kapitel fördern in klarer Sprache, in knapper aber überzeugender Weise ein besseres Verständnis des Atommüllproblems und benennen zugleich die großen Herausforderungen, die damit für Wissenschaft und Wirtschaft, für Politik und Demokratie verbunden sind. In der Überwindung des fossil-nuklearen Energiesystems und dem Ausbau der erneuerbaren Energien sieht der Autor wichtige Schritte, auch der Strandortsuche nach einem Endlager für atomare Abfälle größere Legitimation zu verleihen, in der partizipativen Gestaltung des Auswahlverfahrens einen bevorstehenden entscheidenden Demokratietest.

Besondere Erwähnung verdienen auch die achtzehn über das Buch verteilte Themenkästen, in denen das Basiswissen über die zentralen Probleme und Fragestellungen übersichtlich zusammengestellt ist: „Warum ist radioaktiver Abfall ein großes Thema?“, „Kann im Umgang mit Atommüll von anderen Ländern gelernt werden?“, Zwischen- und Endlagerung – heißt das ‚entweder/oder‘?“, „Lassen sich die Risiken eines Endlagers bestimmen?“, „Wer muss für die Endlagerung bezahlen?“ – um einige zu nennen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den gesellschaftlichen Problemlagen, die in die „Endlagerung“ eingebettet sind.

Fazit: Dies ist ein äußerst lesenswertes, gut verständliches Buch zu einem hochkomplexen Thema, das viele Leserinnen und Leser verdient. Doch eine Warnung sei gleich angefügt: Der Autor kündigt in seinem Vorwort andere Studien zur Thematik aus einer Forschungsgruppe an, der er angehört – und sieht sein Buch eher nur als eine Einführung dazu. Spätestens nach Vorlage des Abschlussberichts der Endlager-Kommission muss dann aber auch an eine weitere Studie über Arbeitsweise und Ergebnisse dieser Kommission gedacht werden, denn die Ewigkeitslasten des Atomzeitalters sind dann ja nicht entsorgt, sondern nur in eine neue Phase eingetreten.

Zurück zur Übersicht

Quelle   Udo E. Simonis 2016 ist Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Redakteur des Jahrbuch Ökologie

Das könnte sie auch interessieren

Anzeige