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02.10.2018

GATEWAYS TO HELL

Der verantwortungslose Umgang mit begrenzten Ressourcen ist eines der dringlichsten Probleme der globalisierten und digitalisierten Welt. Elektronische Geräte sind zu unseren alltäglichen Begleitern geworden, ein Leben ohne sie ist heute unvorstellbar. Wi machen uns über Verbleib und Entsorgung unserer ausrangierten Computer, Handys, MP3-Player und Tablets nur wenige Gedanken. Der Bildband CTRL-X von Kai Löffelbein

Nicht nur als Dekoration steht sie zwischen den Büchern im Regal, die alte mechanische Schreibmaschine Marke „Princess special“ der Firma Keller u. Knappich G.m.b.H. aus Augsburg. Man kann immer noch auf ihr schreiben, vor allem: abhörsicher und virenfrei. Farbbänder zu bekommen, ist kein Problem, und die Mechanik funktioniert einwandfrei. Ein Regal weiter steht eine mechanische Kamera „Fuji 6x9 Professionell“, Mittelformat, Rollfilm, keinerlei Elektronik. Man kann damit immer noch sehr gute Fotografien machen. Die modernen Nachfolger dieser antiquierten Handwerkszeuge, die hochtechnisierten Digitalkameras, Notebooks und Drucker werden nicht solange genutzt werden. Trotzdem sind die modernen Geräte in Gebrauch, denn ein Foto muss (vor allem) schnell verarbeitet und verbreitet werden können; ein Text muss bei Bedarf per Mail schnell verschickt oder online gestellt werden können. Moderne elektronische Geräte sind bequem und bestechen durch ihr Design, das schnell wechselnden Moden unterworfen ist. Auch deshalb sind sie schon beim Kauf veraltet. In einem auf Konsum basierenden System, in einer auf Vergeudung aufgebauten Ökonomie sind es die neuen Dinge, die den Menschen definieren oder ihm Identität verleihen: Ich bin mein Apple und mein iPhone. Ich bin mein BMW. Ich bin meine Smartwatch. Sich dem Sog der Dinge zu widersetzen oder zu entziehen, ist nicht einfach. Man will ja nicht out sein oder gar ein Hinterwäldler oder Technikfeind. Das Auge kauft immer mit. Die Marken sollen sich einbrennen und die Hirne erobern: brands eben.[1]

Alles, was Kabel oder Akkus hat, landet früher oder später im Elektroschrott, meistens jedoch eher früher als später, weil es so etwas wie die geplante Obsoleszenz [2] gibt. Deshalb wird die Princess noch einige Notebooks und die alte mechanische Fuji noch einige Digitalkameras kommen und gehen sehen.

Geplante Obsoleszenz bei Elektrogeräten hat eine Schattenseite und das sind enorme Mengen an Elektro-Schrott. Gesellschaften, in deren Mittelpunkt der Konsum steht, sind Gesellschaften, die Müll produzieren. In den USA und in der EU fallen pro Jahr und pro Kopf zwischen 20 und 30 Kilogramm Elektroschrott an, so viel wie nirgendwo sonst auf der Welt.

The consequences are awful: the mountain of waste, consisting of relics of our modern, technologically saturated consumer society grows annually by a further 50 million tons of electronic waste and thus causes what is the world’s fastest growing waste disposal problem.[3]

Elektroschott ist nicht nur hochtoxisch, weil in diesem Schwermetalle, wie Blei, Arsen, Kadmium, Quecksilber sowie andere hochgiftige und umweltgefährdende Stoffe enthalten sind, sondern gleichzeitig ist Elektroschrott eine Ressource. Die UN schätzt den Wert der recycelbaren Materialien pro Jahr auf ungefähr 48 Billionen Euro. „Urban mining“ wäre mithin eine gute Alternative mit unserem Elektroschrott umzugehen. Stattdessen werden die weitaus größten Mengen des in den Konsumgesellschaften anfallenden Elektroschrotts exportiert. Weil in den Konsumgesellschaften Reparaturen häufig aufwendiger und teurer sind als Neukäufe und weil das Recycling von E-Schrott bei uns hohen gesetzlichen Auflagen unterliegt und die Arbeitskosten den Aufwand nur selten lohnen, wird E-Schrott in großen Mengen exportiert. Als ob der Müll nicht unser Problem wäre.

Die Folgen dieses Exports zeigt uns der Fotograf Kai Löffelbein, der sich auf den Weg zu den weltweit größten Müllkippen für Elektroschrott gemacht hat. Diese trostlosen Orte des Müllexports findet Löffelbein in Ghana, Indien und in China. Die beeindruckenden Fotografien sind versammelt in seinem Buch CTRL-X.

Löffelbein zeigt die prekären Verhältnisse, unter denen dort versucht wird, an die wertvollen Rohstoffe zu kommen. So werden zum Beispiel Kabel verbrannt oder Röhrenbildschirme werden mit Steinen zertrümmert bzw. zerlegt, um zum Beispiel an den Rohstoff Kupfer zu gelangen. Die Menschen sind permanent giftigen Dämpfen ausgesetzt. Schutzbrillen oder Arbeitsschuhe gibt es nicht. Die Arbeitsplätze gleichen gateways to hell.

Löffelbeins Buch ist ein herausragendes Beispiel für gute dokumentarische Fotografie. So zeigt eine seiner Fotografien einen jungen Mann, der halb sitzend und mit einem Bein auf dem Boden abgestützt auf seinem Fahrrad vor Erschöpfung zu schlafen scheint, den Kopf auf den Lenker gebeugt. Eine andere Fotografie zeigt einen verdreckten und verseuchten Fluss, an dessen Ufern sich eine Wellblechhütte an die nächste reiht. In anderen Fotografien sind Räume zu sehen, in denen sich defekte Tastaturen bis unter die Decke stapeln. Und natürlich gibt es auch in dieser Hölle noch die Gewinner, die beide Hände voller Geldbündel haben.

Besonders verantwortungslos ist natürlich, dass unser Elektromüll auch in Länder exportiert wird, aus denen zuvor die Rohstoffe für zum Beispiel die Herstellung von Smartphones herausgeholt wurden. Diese Länder und ihre Menschen leiden quasi doppelt. Einmal unter der Ausbeutung ihrer Rohstoffe, die u.a. der Fotograf Sebastiao Salgado dokumentiert hat. Salgado fotografierte 1986 die Arbeiter der brasilianischen Goldmine Serra Pelada. In seinem Projekt „Workers“ (1993) setzt er den dortigen Schwerarbeitern weltweit ein Denkmal. Und ein zweites Mal leiden die Länder und die Menschen durch den Müll, der zu ihnen zurückkommt. Unserem way of life des always be „on“ entspricht das dortige poor forever.

Löffelbein ist es zu verdanken, dass wir einen Einblick und eine Vorstellung davon bekommen, wie es um die großen Müllhalden für Elektroschrott bestellt ist. Seine Fotos, die eine klare Sprache sprechen und ohne Kommentare vor dem Betrachter liegen, sind ein Schrei nach Gerechtigkeit und auch ein Appell an uns: Wir sind aufgefordert unseren Umgang mit den Dingen zu überdenken und zu ändern. Wachstumsrücknahme ist provokant, das ist sicher, aber die Reduktion von Schrott funktioniert nun einmal nur über Verzicht.

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[1] vgl. hierzu BENJAMIN R. BARBER: Consumed. Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Bürger verschlingt. Aus dem Englischen von Friedrich Griese. Verlag C. H. Beck, München 2008.

[2] vgl. den Dokumentarfilm von Cosima Dannoritzer: Kaufen für die Müllhalde. 2010

[3] Catalina Hermanns: ON THE DUTY OF DEGROWTH. In: Kai Löffelbein: CTRL-X. Steidl. 2018

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Quelle   Dr. Uwe Dörwald 2018 - schwarz-auf-weiss - Literaturwissenschaftler / Editor / Journalist

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