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12.08.2016

Keine Gesellschaft ohne Natur

Natur ist nicht mehr ohne Gesellschaft denkbar.

Zugleich sind die komplexen Beziehungen zwischen Gesellschaft und Natur krisenhaft geworden. Gesellschaft ist nicht mehr ohne Natur denkbar. Ein Buch darüber – vorgestellt von Professor Udo E. Simonis

Ein Buch von 509 Seiten, ein Buch für Wissenschaftler - vielleicht auch für ein breiteres, ökologisch interessiertes Publikum? Auf  jeden Fall ein Buch für Naturwissenschaftler, die wissen wollen oder lernen möchten, wie Sozialwissenschaftler ticken. Dabei ist der Autor von Ausbildung her selbst ein Naturwissenschaftler (Physik, mit einer Dissertation über „Mikrowellen“), ist dann aber aufgrund  besonderer Umstände  und Erlebnisse ein Hybrid geworden - was ihn zum Professor für Wissenschafts- und Hochschulforschung an der Universität Frankfurt, zum Spiritus Rector für die Entwicklung der „Sozialen Ökologie“  und zum Mitbegründer des außeruniversitären Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) werden ließ. Das ist der Hintergrund für die Entstehung seiner höchst umfangreichen und vielfältigen Publikationen im Zeitraum von 1963 bis heute.

Im vorliegenden Buch sind 25 von Egon Beckers Aufsätzen abgedruckt, nicht gekürzt, sondern in voller Länge. Die Beiträge sind in fünf Kapitel gegliedert, die den jeweiligen Schwerpunkt der Betrachtungen anzeigen: Ökologie und Politik; Krise und Kritik der Wissenschaft; Nachhaltigkeit und Transdisziplinarität; Systemdenken und Die Wissenschaft von den gesellschaftlichen Naturverhältnissen.

Die einführenden Texte zu den einzelnen Kapiteln und Aufsätzen gründen auf  Gesprächen des Autors mit seinen (Lieblings-) Schülern am ISOE-Institut und charakterisieren die wichtigsten Stationen einer Wissenschaftler-Biographie und die Wegmarkierungen eines politischen Intellektuellen, der den „Makrowellen“ des gesellschaftlichen Wandels nachspüren beziehungsweise voraneilen will. Sie versammeln aber nicht nur Kontextwissen, sie lenken auch den Blick auf das Bleibende, wie auch auf mögliche Stationen noch nicht abgeschlossener Auseinandersetzungen.

Das gemeinsame Thema der versammelten Aufsätze sind die Beziehungen zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Natur. Gefragt wird, was diese Beziehungen ausmacht, wie sie sich verändert haben und wie sie sich vermutlich weiter entwickeln werden. Die zentrale These dazu findet sich gleich auf der ersten Textseite: „Natur ist nicht mehr ohne Gesellschaft denkbar. Zugleich sind die komplexen Beziehungen zwischen Gesellschaft und Natur – die gesellschaftlichen Naturverhältnisse – krisenhaft geworden. Gesellschaft ist nicht mehr ohne Natur denkbar“ (S. 7).

Der Begriff  beziehungsweise das Konzept „gesellschaftliche Naturverhältnisse“ mutiert zu einer Lieblingsidee des Autors, die in fast allen Beiträgen auftaucht und im letzten Kapitel des Buches in voller Breite zum Thema wird - von den Umrissen einer kritischen Theorie über die Konturen und Konzepte einer neuen Wissenschaft bis zu den Gesellschaftlichen Naturverhältnissen als politisches Rahmenkonzept.

Becker ist kein Einzelkämpfer. Fünf der versammelten Beiträge und viele seiner in diesem Buch nicht erscheinenden Aufsätze hat er in Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen verfasst. Die das Buch abschließende „Bibliographie Egon Becker“ (S. 493 bis 509) dokumentiert sein gesamtes Opus historisch sortiert: die Physikalischen Publikationen (1963-1971); Politik und politische Bildung (1952-1969); Studienreform und Hochschulpolitik (1969-1975); Soziologie und Bildungsökonomie (1976-1988) und die größte Kategorie: Wissenschaft und Hochschule in der ökologischen Krise (1982-heute), die allein 150 Publikationen nachweist.

Darunter erscheinen auch die Gutachten, die Becker und andere verfasst haben und die Geschichte schrieben: „Soziale Ökologie.“ Gutachten zur Förderung der sozial-ökologischen Forschung in Hessen (1987); „Ökologische Orientierung des Wissenschaftssystems.“ Gutachten im Auftrag der Bundestagsfraktion Die Grünen (1990); „Hochschule neu denken - Neuorientierung im Horizont der Nachhaltigkeit.“ Ein Memorandum (2004).

Fazit des Rezensenten: Sich durch die in Beckers Buch präsentierte voluminöse sozial-ökologische Diskussion durchzuarbeiten ist ohne Zweifel harte intellektuelle Arbeit und eine echte Herausforderung. Nicht viele Wissenschaftler und Umweltschützer werden das auf sich nehmen wollen - oder können. Doch eines ist sicher: Wann immer einmal die Geschichte der ökologischen Forschung im deutschen Sprachraum geschrieben werden wird, das Werk von Egon Becker und dieses Buch werden dabei eine große Rolle spielen.

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Quelle   Udo E. Simonis | 2016 ist Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Redakteur des Jahrbuch Ökologie

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