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18.02.2017

Ökologisches Wirtschaftssystem – geht das?

Mit den real existierenden Wirtschaftssystemen ist vieles nicht in Ordnung und die Suche nach Alternativen ist seit langem im Gange. Aber kann es das überhaupt geben – ein ökologisches Wirtschaftssystem? Ein Buch zum Thema – und eine erste Einschätzung dazu von Professor Udo E. Simonis

Wer hätte nicht immer schon mal das System der Marktwirtschaft verändern, verbessern wollen – und wie viele haben es getan! Auch in Richtung eines ökologisch sensibleren Systems. Nun also erneut ein Versuch – von einem Professor, der selbst schon früh darüber nachgedacht hatte (zum Beispiel mit dem Titel „Vom Wert der Natur“, 1990). Er versucht es diesmal auf eine so eigentümliche Art, dass er all das, was zum Thema schon gedacht wurde, total negiert. Nicht hunderte von Belegen darüber, wie man es nicht machen sollte aber machen könnte, mit neuen Zielen, Instrumenten, Institutionen, nein, das Literaturverzeichnis enthält nur fünf  (5) Titel, darunter zwei des Autors selbst. Es muss sich wohl um einen selbst-verliebten oder einen selbst-sicheren Autor handeln, jemand, der uns etwas sagen will, was andere so nie oder nicht konsequent genug gedacht hatten.

Neugierig beginnt der Leser zu lesen. Und er liest als Erstes, warum die bestehenden Wirtschaftssysteme scheitern – und weiterhin scheitern müssen. Drei Thesen werden dazu postuliert und expliziert: Die Wirtschaft verstehe zu wenig vom Menschen und seinen wahren Bedürfnissen; die Marktwirtschaft sei sozial ungerecht und es werde nicht gelingen, sie gerecht zu machen; die Marktwirtschaft versage beim Umgang mit der Natur.

Von der Auseinandersetzung mit der ersten These hat man schon oft gehört – und doch ist unklar, was damit gemeint sein könnte. Dass die Marktwirtschaft nicht gerechter gemacht werden könne, wenn man, wie die Vorväter des Systems es sich vorstellten, die Monopol- und Kartellbildung verhindert oder wie die aktuelle Diskussion betont, progressive Steuern auf Einkommen und Vermögen erhebt, ist zumindest strittig. Dass die Marktwirtschaft beim Umgang mit der Natur versage, dürften die meisten Leser auch so sehen, gäbe es nicht gerade dazu eine seit vielen Jahren anhaltende Debatte um die mögliche Internalisierung der ökologischen Zusatzkosten der Produktion. (Zur Fundierung der praktischen Umweltpolitik hat ein holländisch-deutsches Autorenteam ein Rechts- und Steuersystem mit mehr als tausend Instrumenten entwickelt).

Doch all diese Argumente und politischen Reformversuche überzeugen den Autor des vorliegenden Buches nicht, weil er selbst eine starke Gegenthese hat oder zu haben glaubt: Ein naturverstehendes Wirtschaftssystem müsse entwickelt werden, weil „aller Wert, aller Gewinn, alle Einkommen, alle Vermögen und alle Geldwerte… aus der Natur (kommen)“ (S. 71). Es werde praktisch gar nicht mehr nachgedacht, wie die verschiedenen Einkommen in der Gesellschaft entstehen und welches ihre wirklichen Quellen seien. Wer die Früchte vom Baum reißt, hat sie erzeugt – nicht der Baum. Und es müsse doch klar sein, dass das größte Unternehmen nicht Microsoft oder Mercedes seien, sondern die produzierende Natur.

Wie und warum man die Natur oft schlicht verschwinden lasse, habe einfache Gründe: Die unendliche Natur sei kostenlos und damit wertlos; wenn man die Natur bearbeite, sei sie keine mehr und werde deshalb vergessen. „Die große und wunderbare Natur ist durch die Arbeit aus dem Bewusstsein der Wirtschaft und der Gesellschaft herausgefallen“ (S.79). Wenn es aber so ist, dass die produzierende Natur allen Wert für die Menschen und alle Einkommen erzeugt, dann sei es doch nur selbstverständlich, dass sie in den Mittelpunkt allen Wirtschaftens gestellt werden müsse. Das ist die Kernidee von Hans Immler, der er die seine theoretischen Überlegungen und praktischen Vorschläge widmet. „Das produzierende Naturvermögen und sein Nettoprodukt sind das Ziel aller Wirtschaft“, so heißt das zentrale Kapitel 4. Er meint natürlich, so solle es sein: Produziere möglichst viel Nettoprodukt, ohne das produzierende Vermögen zu verzehren – und, das Nettoprodukt kann wachsen, wenn auch das Naturvermögen vergrößert wird.

An dieser Stelle entpuppt sich der Autor als Neo-Physiokrat. François Quesnay hatte im Zeitalter der Aufklärung die ökonomische Schule der Physiokratie begründet mit der Annahme, nach welcher allein die Natur Wertehervorbrächte und Grund und Boden der einzige Ursprung des Reichtums eines Landes sei; somit  könnten nur die Landwirtschaft, die Forstwirtschaft, der Bergbau und die Fischerei einen Überschuss der Produktion über die Vorleistungen erzielen (die Urproduktion), das Gewerbe (die übrige Wirtschaft) forme Vorprodukte lediglich um.

Der Autor bekennt sich, wenn ich nichts übersehen habe, an keiner Stelle zu diesen Ursprüngen seines Denkens. Dennoch kann man ihm in seiner Kritik der Entwicklung der ökonomischen Theorie in vielen Dingen nur zustimmen. So gibt zum Beispiel das Statistische Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland viel Auskunft über das Kapitalvermögen, nicht aber über das Naturvermögen. Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) ist nachgerade pingelig im monetären Detail, aber ziemlich ahnungslos bezüglich des produzierenden Naturvermögens. Der ökologische Fußabdruck (ecological footprint) wird jährlich vom Global Footprint Network ermittelt, aber nicht von Statistischen Amt der Vereinten Nationen.

„Alles für die Natur“ heißt denn auch folgerichtig das 5. Kapitel des Buches. Der Autor begründet es in drastischen Worten: „Wir müssen vollkommen neu beginnen. Wir wissen nichts. Wir wissen nicht einmal, dass wir nichts wissen“ (S.95). Dem muss man natürlich nicht zustimmen. Aber, dass wir das Naturvermögen pflegen und das natürliche Nettoprodukt hegen sollten, dass dies vielleicht sogar die beiden einzigen wirklichen Aufgaben der Wirtschaft sein könnten (dürften), darüber wäre trefflich zu streiten.

Nicht zustimmen möchte man dem Autor, wenn er sagt, dass in der Geschichte der Wirtschaft den Kriterien für ein gutes und funktionsfähiges Wirtschaftssystem wenig Aufmerksamkeit gewidmet worden sei. Recht hat er dagegen, wenn er behauptet, dass die vorgetragene Hypothese, dass nur die Natur Produkt, Wert und Tauschwert produziert, alle ökonomischen und politischen Strukturen im Grunde über den Haufen wirft. „Weder allein die Arbeit noch das Kapital sind die Ursachen der Wertbildung. Sie sind nur Helfer. Nur die Natur produziert Produkt, Wert und Tauschwert“ (S.108).

Einem Wirtschaftssystem, das auf der Produktivität der Natur aufbaue, wohne etwas Friedliches und Gerechtes inne – meint der Autor. Das möchte man natürlich gern glauben. Doch wie wäre das zu installieren? Wer setzt ein solches Wirtschaftssystem durch, was müssten Politik und insbesondere Wirtschaftspolitik tun? Das sind die Themen der Kapitel 7 und 8. Dass die körperliche und geistige Arbeit des Menschen dafür notwendig sein wird, dürfte unmittelbar einleuchten, und auch, dass Unternehmen dabei eine große Rolle spielen müssen. Doch was ist mit der Wissenschaft?

Eine neue Wissenschaft von der Natur sei nötig, sagt der Autor – spendet dafür aber gerade mal eine Seite Text. Wichtiger ist ihm, was die Menschen wollen könnten. Viele Menschen wünschten sich ein „Zurück zur Natur“. Aber weil es im Grunde keine unberührte Natur mehr gebe, könne man auch kaum mehr etwas schützen. Ja, „wir müssen die Sache umdrehen. Nicht die unberührte Natur gilt es zu schützen, sondern die berührte, bearbeitete“ (S.119).

Hier würden viele naturnahe Menschen (und auch Wissenschaftler) protestieren. Es gibt doch noch Wildnis, wenn auch zu wenig. Es gibt doch noch unberührte Natur. Aber es gibt vor allem die Aufgabe der großflächigen Re-Naturierung. Dieser Begriff taucht im ganzen Buch jedoch nirgends auf, dafür aber der über die notwendige „Bewirtschaftung der Natur“ – und das meint er in einem eigenartigen Sinne: „Wir sollten nicht romantischen Resten unsere Aufmerksamkeit geben, sondern den Lebensräumen, Wohnorten und Arbeitsplätzen, in denen wir uns täglich befinden. Die Fabrik, das Haus, die Stadt und das ganze Land sollten so werden, dass sie den Namen intakte Natur verdienen“ (S. 119). Und noch deutlicher: „Es gilt, unsere wirkliche Lebenswelt natürlich zu gestalten“ (S.120). Wer soll das bewirken? Nicht der Mensch, nicht die Zivilgesellschaft, sondern Politik und Wirtschaftspolitik (Kapitel 8).

Unsere gesamte Rechts- und Politikordnung sei viel zu sehr auf das Mensch-Mensch-Verhältnis und viel zu wenig auf das Mensch-Natur-Verhältnis ausgelegt. Und so sucht der Autor dann nach einer praxisfähigen Politik für die Natur bei den politischen Parteien in der Bundesrepublik Deutschland, die alle ihr Fett abkriegen. Den Grünen sei die Theorie einer wertschaffenden Natur in die Wiege gelegt, doch das hätten sie bis heute nicht erkannt. Die Liberalen hätten das Umweltthema früh erkannt, doch eine Naturpartei seien sie nicht geworden. Mit den Linken hat er Mitleid, doch Marx und Natur seien halt keine Freunde gewesen. Den Sozialdemokraten rät er, der Natur endlich den gleichen Rang einzuräumen wie der Arbeit. Ideologisch täten sich die christlichen Konservativen mit einem naturverstehenden Wirtschaftssystem nicht schwer, sie müssten die Versöhnung von Markt und Natur nur wollen.

Die für alle Parteien anstehende wirtschaftspolitische Aufgabe sieht Immler darin, die produzierende Natur als zentrale Kategorie in den Wirtschaftsprozess einzubauen. Das erfordere zum einen den Erlass von gesetzlichen Grundlagen für die naturverstehende Wirtschaft, vor allem die Ausweisung des Naturvermögens als Bilanzgröße sowie des naturalen Nettoprodukts als Gewinn- und Verlustrechnung, zum anderen aber die Förderung umfassender naturaler Ersatz- und Neuinvestitionen in die Natur. Wenn man diese Wirtschaftspolitik konsequent verfolge, schwinde der Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie und wandle sich in zur Allianz.

Entsprechende Projekte warten zu Hauf auf  Realisierung, vermutet der Autor. Nach 200 Jahren industrieller Naturausbeutung gäbe es unerhört viel zu tun. Das Wirtschaften mit der Natur sei daher die Korrektur eines Jahrhundertfehlers. Alles ändere sich mit der Erkenntnis, dass die Natur produziert und der Mensch dabei helfen kann. Und dann folgt sein Mantra: Unternehmer, Arbeitskräfte und Wissenschaftler müssen an einem Strang ziehen, um das Geschenk Naturprodukt möglichst groß zu machen und gleichzeitig das Naturvermögen zu erhalten (S. 143).

In zehn Punkten fasst er seine Reformvorschläge zusammen: den Erlass einer ökologisch-sozialen Wirtschaftsordnung; die Installierung des Typs des ökologischen Unternehmens; den ökologisch bewussten Konsumenten; die Beseitigung der naturfeindlichen Geld- und Finanzindustrie; der Etablierung einer neuen Wissenschaft; einer Technologie zur Wiederherstellung von Natur und der Schaffung eines neuen Wirtschaftssektors „Protektion,“  der in Theorie und Praxis herausfinden soll, wie weit wir Menschen in unseren Tätigkeiten gehen dürfen, um die Produktivität der Natur ökonomisch zu nutzen, zu beeinflussen und zu verändern; und zum Schluss: ein Sofortprogramm über 1.000 Milliarden Euro für die Natur.

Fazit: Hans Immler hat zu einem großen Schlag ausgeholt, die Einrichtung eines neuen Wirtschaftssystems. Er nennt es ein „naturverstehendes“  System, womit für manche Leser ein erstes Missverständnis entstehen mag. Dass es ein im höchsten Maße normativer Text ist, wird die Leser weniger verwundern, denn der Autor will die Welt ja verändern. Ob es dabei um die Weltwirtschaft oder doch nur die deutsche Wirtschaft geht, ist eine andere, offene Frage. Die wichtigste Frage wird aber sein, ob man die Wirtschaft so, wie der Autor das Vorhaben präsentiert, wirklich verändern kann. Es könnte sein, dass er viele Leser mit seinen schönen Worten zwar begeistert, aber doch nicht zu Jüngern macht. Bei einem solch großen Projekt wie der Systemtransformation kommt es, so meint der Rezensent, auf  Passfähigkeit an. In Frageform formuliert: Wie kann man die eigenen Reformvorstellungen (oder auch nur einen Teil davon) andocken an das, was schon im Gange ist; sind sie potentiell mehrheitsfähig, wie könnte man sie mehrheitsfähig machen? Diese Frage will ich hier nicht beantworten, will das vielmehr jedem einzelnen Leser überlassen – und deshalb dem Buch viele Leser wünschen. Denn eines ist klar: Wenn es nicht gelingt, die aktuellen Wirtschaftssysteme strukturell anzupassen, sie zu „ökologisieren“, dann haben sie keine Zukunft, dann wird es beim Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie bleiben, den man schon lange erkannt, aber im großen Maßstab nie überwunden hat.

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Quelle   Udo E. Simonis 2017 ist Professor Emeritus am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Redakteur des Jahrbuch Ökologie

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