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20.12.2016

Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist

Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Was Schiller einst dachte, bestätigt heute die Neurowissenschaft: Im Spiel entfalten Menschen ihre Potenziale, beim Spiel erfahren sie Lebendigkeit.

Doch das Spiel ist bedroht – durch seine Kommerzialisierung ebenso wie durch suchterzeugende Online-Spiele. Der Hirnforscher Gerald Hüther und der Philosoph Christoph Quarch wollen sich damit nicht abfinden. Sie erläutern, warum unser Gehirn zur Hochform aufläuft, sobald wir es spielerisch nutzen, erinnern an die Wertschätzung des Spiels in früheren Kulturen und zeigen, welche Spiele dazu angetan sind, Freiräume für Lebensfreude zu öffnen – damit wir unsere spielerische Kreativität nicht verlieren!

Wir leben in der Zeit des Spiels. So will es scheinen. Denn allenthalben spielen Menschen. Sie spielen an Computern und an Handys, sie spielen in Casinos und an Automaten. Sie spielen an der Börse und in Unternehmen. Und sollten sie nicht selber spielen, so schauen sie doch beim Spielen zu. Im Fernsehen laufen dauernd neue Spiel-Shows: von Wer wird Millionär? bis Das Spiel beginnt, von Germany’s Next Topmodel bis zum Dschungelcamp. Und über allem thront der Quotenkönig Fußball. Nichts anderes lenkt so viele Augenpaare auf sich wie das runde Leder. Beim Endspiel der WM 2014 schauten Schätzungen zufolge mehr als eine Milliarde Menschen zu. In einem solchen Maße wurde die Aufmerksamkeit unserer Spezies noch nie zuvor synchronisiert. Kein Papst und kein Obama, kein Putin und kein Dalai Lama haben es je vermocht, so viele Menschenhirne gleichzeitig auf sich auszurichten.

Und das über alle Grenzen hinweg: König Fußball ehren Arme und Reiche, Männer und Frauen, Menschen aller Kontinente, aller Religionen und Kulturen. Sie scheuen weder Geld noch Mühe, um ihre Helden auf dem Fußballfeld zu sehen. Sie bauen große Stadien, sammeln sich zu Tausenden beim Public Viewing, um ihrem Lieblingsteam zu huldigen. Mag sein, dass künftige Geschlechter im Rückblick auf die Gegenwart nur noch vom Zeitalter des Fußballs reden werden. Denn eins steht fest: Fußballspiele sind die öffentlichkeitswirksamsten Kulturereignisse unserer Zeit; so bedeutungsvoll für die Weltzivilisation der Gegenwart, dass die islamistische Barbarei dieses Spiel am 13. November 2015 in Paris zum Terrorziel gemacht hat.

Der größte Publikumsmagnet auf Erden ist ein Spiel. Das muss zu denken geben. Noch mehr zu denken geben muss, was um das Fußballspiel herum geschieht: finstere Machenschaften, Wettskandale, Korruption, die totale Vermarktung. Die Enthüllungen rund um den Weltfußballverband FIFA und den Deutschen Fußballbund DFB vermitteln wohl erst eine schwache Ahnung davon, wie sehr das Lieblingsspiel so vieler Menschen in die Klauen eines allem Spiel abholden Ungeistes geraten ist. Von allen Seiten ist das Spiel vom Business umstellt ist – buchstäblich, man achte nur auf die Werbebanderolen im Stadion und auf die Logos auf den Trikots der Spieler.

Der Homo oeconomicus streckt machtvoll seine Krallen nach dem Fußball aus und droht, es zu vernichten. Da wird vermarktet, was das Zeug hält, da wird das Spiel vor der Karren handfester ökonomischer und politischer Ziele gespannt, die es eigentlich zerstören müssten, wenn nicht das Fußballspiel aus sich heraus eine so hohe Dichte und Attraktivität hätte, dass die 90 Minuten auf dem Platz tatsächlich den ganzen Rummel und das ganze Business drumherum vergessen lassen. Selbst auf Profi-Kicker trifft das zu. Wenn das Spiel läuft, sind sie wieder die Buben vom Bolzplatz – egal, was ringsherum geschieht: das Spielgeschehen selbst bewahrt noch jene Unschuld echten Spielens, auch wenn der Spielbetrieb vergiftet und verseucht ist. Das ist es wohl, was diesem Spiel den eigentlichen Glanz verleiht und es zum Lieblingsspiel der Menschheit macht.

Hält auch das Fußballspiel – noch – dem Angriff der Funktionäre und Händler einigermaßen stand – für die Mehrzahl der öffentlich gepushten Spiele aus TV und Internet gilt das längst nicht mehr. Hier hat die Kommerzialisierung ganze Arbeit geleistet. Viele Spielshows im TV sind so stark von einem spielfeindlichen Geist durchdrungen, dass einem doch recht schnell die Lust daran vergeht. Beim Dschungelcamp etwa liegt der Sinn der ganzen Inszenierung nicht im Spiel selbst, sondern allein bei dem was herauskommt: Karriere, Geld und Prominenz als Zweck der Kandidaten; Zerstreuung und Unterhaltung beim Zuschauer; Profit und Einschaltquote als das Ziel der Sender. Die meisten Spielshows sind auf die Quote hin designt. Es geht bei ihnen nicht ums Spiel, sondern ums Geschäft.

Und man sieht deutlich: Die Falschspieler sind unterwegs, und sie drohen, unsere Spielplätze in Marktplätze zu verwandeln und unsere Spielwelten der Businesswelt einzuverleiben. Hier wird das Spiel im großen Stile instrumentalisiert und wirtschaftlichen Interessen unterworfen: Hier wird der Homo ludens (der spielende Mensch) durch den Homo oeconomicus verdrängt. Der Homo oeconomicus zwingt allen Spielen seine eigenen Kriterien auf. Er kolonialisiert die Spielwelt und unterwirft sie dem Diktat seiner Werte: Effizienz, Produktivität, Funktionalität, Profitabilität – Werte, die im Reich des Wirtschaftens berechtigt sind, die aber das Spiel verderben und den Homo ludens zugrunde richten.

Es ist an der Zeit, den Homo ludens neu zu entdecken und zu verteidigen. Mehr noch: Es ist an der Zeit, den Homo ludens gegen den Homo oeconomicus in Stellung zu bringen – ihn stark zu machen und zu nähren. Das ist notwendig, weil der Homo ludens das subversives Potenzial besitzt, das es braucht, die Alleinherrschaft des Homo oeconomicus zu brechen. Es tut not, ihm einen kraftvollen Gegenspieler beizugesellen, um inmitten der von ihm geschaffenen Wüsten neue Oasen der Lebendigkeit zu pflanzen.

 
Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."

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Quelle   forum Nachhaltig Wirtschaften 2016

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