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07.10.2017

Sinnstifter

Money makes the world go round – oder? Über den Zusammenhang zwischen Sinnstiften und Profit.

Wenn ich Geschäftsführer frage, was der Sinn ihres Unternehmens ist, kommt meist wie aus der Pistole geschossen die Antwort: „Profit erwirtschaften!" Vielleicht wird noch das Argument hinterhergeschoben, den Kunden qualitativ hochwertige Produkte anbieten zu wollen. Danach herrscht großes Schweigen.

Manchmal treffe ich jedoch auf einen Unternehmer, der eine andere Antwort gibt. Wie zum Beispiel Dirk Müller-Remus vom IT-Unternehmen auticon, dessen erste Antwort lautet, er möchte mit seinem Unternehmen so vielen Asperger-Autisten wie möglich ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Oder Boris Thomas vom Lattenrost-Erfinder Lattoflex, der sagt, sein Unternehmen stehe für rückenschmerzfreies Leben und gesunden Schlaf. 

Und fragt man Uwe Lübbermann von Premium Cola, bekommt man ganz viele Antworten, wie beispielsweise „Premium will ein faires, ökologisches und sozial tragfähiges Wirtschaftsmodell in hoher Qualität vorleben und verbreiten". 

Im Gespräch mit ihm erfahre ich viel über das Prinzip der Konsensdemokratie, über ungewöhnliche Führungsmodelle oder wie Wirtschaft aus seiner Sicht neu gedacht werden kann. Das Wort Profit taucht dabei nicht auf. Dabei wächst das Unternehmen – oder das Kollektiv, wie sie sich selbst bezeichnen – jedes Jahr um mindestens 10 Prozent. Es könnten 30 Prozent sein, aber das verhindert Uwe Lübbermann bewusst, da so ein starkes Wachstum Abhängigkeiten bedeuten würde, die er nicht will.

Sinnstiften und Profit machen stehen nicht im Widerspruch

Dabei geht es gar nicht um die Frage, ob ein Unternehmen Gewinn machen muss. Ohne Ertrag kann es nicht lange existieren, keine Güter produzieren, keine Dienstleistungen anbieten, keine Arbeitsplätze schaffen, keinen Nutzen bringen und auch keine sozialen oder ökologischen Projekte unterstützen.

Sinnstiftendes Handeln und Profit schließen einander also nicht aus. Eine vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung zusammen mit der Hochschule Augsburg durchgeführte Studie zeigt sogar, dass Unternehmen, die ihre Prozesse nachhaltig gestalten, ein höheres Beschäftigungswachstum aufweisen als Unternehmen, die ihre Prozesse ohne Rücksicht auf Nachhaltigkeit und Umwelt modernisieren. Besonders deutlich ist der Effekt bei Unternehmen, die durch Umweltinnovationen Material und Energie einsparen.

In der Studie wurde außerdem festgestellt, dass sich im Rahmen des Nachhaltigkeitsengagements auch die Qualität der Produkte verbesserte. Beide Effekte sorgten dafür, dass die Wettbewerbsfähigkeit der innovierenden Unternehmen anstieg, ihr Umsatz zunahm und durch die steigende Nachfrage mehr Personal benötigt wurde.

Erfolgreich durch soziale Verantwortung

Praxis-Beispiele zeigen: Auch für etablierte Unternehmen ist es möglich, verantwortliches Unternehmertum zu leben und dabei durchaus profitabel zu bleiben. Das Mönchengladbacher Atelier Gardeur verkauft bereits seit 2007 Fairtrade-zertifizierte Hosen. Der Wasserverbrauch wurde durch Optimierung der Produktionsprozesse erheblich verringert.

In den Produktionsstätten in Tunesien zahlt Gardeur Löhne über dem dortigen Marktdurchschnitt und übertrifft auch sonst soziale und ökologische Standards. Der Geschäftsführer Gerhard Kränzle, der das Unternehmen 2013 kaufte, investiert zusätzlich Zeit und Geld in eine gut funktionierende Unternehmens- und Wertekultur und der Einsatz zahlt sich aus.

Andere Unternehmen starten als Social Business. Dirk Müller-Remus etwa gründete das IT Unternehmen auticon, um Asperger-Autisten eine Möglichkeit zu geben, ihre speziellen Talente im Arbeitsmarkt zu beweisen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Einige der Mitarbeiter kamen als Frührentner in das Unternehmen oder lebten in betreuten Wohneinheiten und benötigten die Hilfe eines oder sogar mehrerer Betreuer. Heute sind sie in der Lage, ihr Leben selbst zu gestalten und in ihren eigenen Wohnungen zu leben. 

Damit nicht genug: Die IT-Spezialisten von auticon sind sehr gefragt und die Zahlen sprechen für sich: Nur fünf Jahre nach seiner Gründung im Jahr 2011 beschäftigt auticon 100 Mitarbeiter in sieben deutschen Niederlassungen und hat zwei Tochtergesellschaften in London und Paris. Dabei war dieses Wachstum nie erklärtes Unternehmensziel, sondern Asperger-Autisten ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Und deswegen hat Müller Remus nun auch noch eine Arbeitsvermittlung für Asperger-Autisten gegründet.

Ein jeder fasse sich an die eigene Nase

Es ist ein wenig wohlfeil, von Unternehmen ständig zu fordern, sich gefälligst sozial und ökologisch zu verhalten. Wir sollten uns als Konsumenten lieber auch hin und wieder an die eigene Nase fassen. In einer Befragung zum Thema Gemeinwohl gaben zwar 88 Prozent der Befragten an, gemeinwohlförderliche Produkte zu bevorzugen und dafür „tendenziell" mehr ausgeben zu wollen. 

Aber nur 17 Prozent waren – theoretisch – bereit, einen um 10 Prozent höheren Preis für entsprechende Produkte zu bezahlen. Umweltbewusstsein und soziales Verhalten fangen bei jedem Einzelnen an. Versuchen Sie zum Beispiel mal, ohne Plastik auszukommen. Jährlich werden rund 240 Millionen Tonnen Plastik produziert, die nicht verrotten und auf ganz unterschiedliche Art schädlich für Umwelt, Menschen und Tiere sind. 

Oder gehören Sie bereits zu den Konsumenten, die in einem verpackungsfreien Supermarkt einkaufen, wie beispielsweise in der Maß-Greißlerei von Andrea Lunzer in Wien oder bei Original unverpackt in Berlin? Bei Bioäpfeln ist die Lösung noch recht einfach, aber wie sieht es bei Spülmittel, Zahnpasta, Shampoo und Duschgel aus? Bereits heute könnten Wasch- und Reinigungsmittel und viele Kosmetika zum Nachfüllen angeboten werden. 

Doch gerade bei teuren Produkten wünschen sich die Verbraucher neben Wirkung auch Image durch hochwertig aussehende Verpackungen. Es gibt also noch viel zu tun – bei den Unternehmen genauso wie bei uns Konsumenten.

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