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05.08.2017

Urbane Transformation – aber wie?

Der „autofreie Sonntag“ wurde aus der Not geboren, der „Tag der Umwelt“ war ein Zeichen des gestiegenen Umweltbewusstseins. Was aber ist der „Tag des guten Lebens“ – und was könnte er sein? Ein Buch über ein Modellprojekt in Köln – vorgestellt von Professor Udo E. Simonis

Es gibt sie seit langen und an vielen Orten der Republik: der autofreie Sonntag, der Tag der Umwelt. Doch es gibt auch umfassendere Versuche zu einem nachhaltigeren Städtewandel – oder wie es in anspruchsvollem Neudeutsch heißt: für urbane Transformation.

Seit 2011 findet in Köln ein großangelegtes Realexperiment statt, der „Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit“, den man später in einen „Tag des guten Lebens“ umgetauft hat. Der Initiator des Projekts, der Italiener Davide Brocchi, blickt in diesem Buch zurück auf dessen Anfänge und bisherigen Entwicklungen, beschreibt, auf welche Weise eine Allianz aus Zivilgesellschaft, städtischen Institutionen und Anwohnern Vertrauen und Kooperation in der Nachbarschaft gefördert hat und wie erste Schritte zu einer zukunftsfähigeren städtischen Entwicklung eingeleitet werden konnten. Anders als der Titel es vermuten lässt, so betont der Autor, ist dies aber kein einmaliger Event (ein Sonntag, ein Fest) geblieben, sondern ein komplexer Prozess geworden, in dem viele Bürger die Regie über ihr unmittelbares Lebensumfeld wieder zurückgewannen und Teile der Stadt zu einem Gemeingut werden ließen.

Das Thema „Nachhaltigkeit“ sei bisher allzu sehr von oben nach unten (top-down) bestimmt und damit nicht per se Teil der Lösung vieler städtischer Konflikte, sondern Teil des Problems. Deshalb sei mehr und bessere Partizipation der lokalen Bevölkerung (bottom-up) nötig, um die weitgehende Fremdbestimmung der Stadtbewohner (es fällt gar das Wort „Fremdherrschaft“) zu überwinden und wieder mehr Selbstbestimmung des städtischen Geschehens zu erlangen. Die Ziele der nachhaltigen Entwicklung einer Stadt seien so umfassend und tiefgreifend, dass sie nur durch einen radikalen Wandel der Kultur und der gesellschaftlichen Strukturen erreicht werden könnten (S. 51). Der Tag des guten Lebens solle daher Orte in der Stadt schaffen, in denen Politik außerhalb der institutionalisierten Strukturen stattfindet und Demokratie auf neue, kreative Weise gelebt werden kann (S. 65).

Dazu war vom Autor schon 2001 ein Konzept entwickelt worden, das eine Strategie der schrittweisen Transformation der Stadt (bzw. eines Stadtteils) vorsah. In relativ kurzer Zeit hatten sich auf Basis dieses Konzepts zahlreiche lokale Akteursgruppen zum Netzwerk „Agora Köln“ zusammengeschlossen. Für die Umsetzung einer solchen Initiative braucht man aber – zumindest in Deutschland – den förmlichen Beschluss einer Stadtbezirksvertretung (BV) – und das dauerte. Dem Bürgermeister der BV Köln-Innenstadt (einem Grünen) war die Sache zu heiß, doch im Stadtbezirk Köln-Ehrenfeld war man aufgeschlossener für die Idee.

Nach langer sorgfältiger Vorbereitung wurden dort 2013 mehr als 60 Aktionen zum Schwerpunktthema „Nachhaltige Mobilität“ durchgeführt, einschließlich des individuellen Umparkens der Autos im ausgewählten Stadtviertel. Nur drei Dutzend Autos mussten vom Ordnungsamt aus dem festgelegten Parkverbotsbereich entfernt werden, was als ein Indikator des Erfolgs der Initiative gesehen wird. Ein anderer wichtiger Indikator aber war das hohe Teilnahmeinteresse. Mehr als 100.000 Menschen nahmen am ersten Tag des guten Lebens teil und ließen sich von Festbesuchern zu aktiven Teilnehmern animieren – wurden so von Konsumenten zu Prosumenten. Der nächste Tag des guten Lebens war dem Schwerpunktthema Freiraum/Gemeinschaftsraum gewidmet und wurde 2015 in Köln-Sülz veranstaltet, der dritte dann 2017 in Köln-Deutz.

Davide Brocchi, der Autor, ist ein Theoretiker, aber auch ein Pragmatiker. So postuliert er einerseits die Bedingungen echter urbaner Transformation und bewertet andererseits die konkreten praktischen Ergebnisse. Die transformative Wirksamkeit, auch im Sinne der möglichen Übertragbarkeit auf andere Städte und städtische Milieus fasst er in mehreren Erkenntnissen zusammen:

Krisen bilden den Nährboden für das Entstehen von Narrativen des gesellschaftlichen Wandels. Der Tag des guten Lebens ist ein offenes Narrativ, das plural interpretierbar ist und sein muss, weil nur so eine große Wirkung entstehen kann, die über den Tag hinausreicht.

Unkonventionelle Allianzen von Akteuren sind nötig, wenn es um provokative Themen und angemessene antworten darauf geht.

Projekte dieser Art bieten umfangreiche individuelle und kollektive Lehren: über die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Möglichkeiten des Wandels, über die Gemeinschaft und über den einzelnen Menschen. Hier gelten, so meint der Autor, keine Patentrezepte, weil die Prozesse im Rahmen des Projekts durch Spannungsfelder gesteuert werden, die von Fall zu Fall anders sind und deshalb andersartige Lösungen erfordern können.

Fazit: Dies ist ein Buch mit vielen interessanten theoretischen Reflexionen und praktischen Erfahrungen und Ratschlägen. Doch es lässt auch viele Fragen offen. Allen voran: was ist urbane Transformation bisher – was sollte es in Zukunft sein? Die Mobilitätswende ist nur eine der Notwendigkeiten, die sich aus dem krisenhaften Umgang mit dem Automobil ergeben. Die dominante private Raumnutzung wird als Problemfall angesprochen aber nicht exemplifiziert. Vom Ergrünen der Stadt ist nicht die Rede, auch nicht von ihrer insgesamt resilienteren Entwicklung. So bliebt eher offen, wofür die Erfahrungen mit den drei Stadtteilen von Köln eigentlich stehen – und wo sie vor allem genutzt werden könnten. Was leider auch fehlt ist eine breitere Komparatistik – historisch gesehen und empirisch belegt: Welche beispielgebenden Fälle erfolgreicher urbaner Transformation gibt es neben Köln, was waren die entscheidenden Erfolgsbedingungen, wann sind Erfolge am ehesten wiederholbar? Das sind Fragen, die zu weiteren, breiter angelegten Studien über urbane Transformation führen sollten.

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Quelle   Udo E. Simonis 2017 ist Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Redakteur des Jahrbuch Ökologie

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