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19.06.2016

Rupert Neudeck über: "Was Jesus wirklich gesagt hat"

Ein frommes und kluges Buch - Und: Ein echter Franz Alt - UND: ein echter Rupert Neudeck - eine der letzten Rezensionen für die Sonnenseite.

Das ist ein echter Franz Alt, wie wir ihn kennen von „Der Friede ist möglich“ und vielen anderen Büchern. Daran ist absolut nichts Systematisches. Nichts Akademisches hat sich da hinein verloren, es ist alles Originalton Franz Alt. Er hat mal wieder zu-geschrieben, um das Wort zu-geschlagen mal zu variieren. Es ist nicht nur ein Buch über eine Neu-Übersetzung des Neuen Testamentes durch den Aramäer-Kenner Günther Schwarz, der, wie man erfährt, auch schon 2009 gestorben ist. Der Günther Schwarz spielt schon eine Rolle, aber es ist auch eine Vorgabe, denn so gewaltig sind die Änderungen der Bibelstellen nicht für den, der schon bisher geglaubt hat oder der jetzt mit Franz Alt ganz neu glaubt.

Aber es sind interessante Facetten, zumal das mit der „jungen Frau“ anstelle der „Jungfrau“ Maria. Oder auch im 22. Kapitel bei Lukas die berühmte Stelle mit dem Schwert und dem Messer, was im Aramäischen eben ein Wort ist, Sepha heißt Schwert wie Messer. Der Autor zitiert die berühmte Stelle im 22. Kapitel bei Lukas V. 36 „Jetzt aber soll der, der einen Geldbeutel hat, ihn mitnehmen, und ebenso die Tasche. Wer aber kein Geld hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich dafür ein Schwert kaufen“.

Da bricht es aus Franz Alt aus: Der Friedensfreund Jesus soll seinen Jüngern und Schwestern empfohlen haben, ein Schwert zu kaufen. Da gibt der Aramäisch-Kenner Schwarz zu erkennen, welche Lösung die Rückübersetzung ins Aramäische andeutet. Arme Wanderprediger wie dieser Jesus brauchten zwischendurch mal ein Messer, sonst wären sie verhungert. Deshalb übersetzt Schwarz: „Von nun an: Wer einen Geldbeutel hat, der soll ihn mitnehmen. Und wer einen Reisesack hat – er soll ihn mitnehmen. Und wer nichts Essbares hat – er soll seinen Mantel verkaufen und soll Essbares kaufen. Sie antworteten: Meister! Sieh hier: Zwei Messer“ Diese neue rückübersetzte Stelle wird natürlich für den Leser nicht aufgeschlossen im philologischen Sinne, ob es da eben aramäisch auch zwei Messer heißt. Auch wird nicht deutlich genug, was Rückübersetzung heißt, denn so wie andere die Evangelien aus dem griechischen Urtext übersetzt haben so hat es Günther Schwarz eben nicht aus dem Aramäischen getan, sondern das Griechische erst ins Aramäische „rückübersetzt“.

Aber man kommt darauf, der Autor hat den Günther Schwarz zum Anlass genommen, um noch einmal eine wirkliche Summe seines jesuanischen Glaubens zu verwirklichen. Das Buch ist ja auch nicht mehr eine Flugschrift wie die rororo_Bändchen es waren. Es ist ein ausgewachsenes dickes Kompendium geworden, an dem der Autor lange gearbeitet hat: 351 Seiten. Aber das mindert nicht die Wucht, mit der es auf diese unnachahmliche Weise gearbeitet ist. Der Autor akzeptiert nicht die Abgrenzungen zwischen Verstand und Herz, zwischen kollektiven Erfahrungen und fast intimen eigenen Erlebnissen und Begebenheiten. So, dass er nach vier Semestern ‚Priester-Kasten‘ in Freiburg die Nase gestrichen voll hatte und Gott nur preisen kann, dass er diesem Zölibat-Gefängnis entflohen ist. Man möchte ihm oder dem Lektor des Buches manchmal Halt zurufen, aber dann wäre das ja nicht mehr der Franz Alt. So wenn er seine eigene Frau nennt, die ihn als 16jährige verwunschene Schönheit aus dem Priesterseminar herausholte und „vor dem Zölibat rettete“. Er singt geradezu das Hohe Lied der Liebe auf seine Frau. Diese Bigi  habe den Kampf gegen die geballte Macht der katholischen Kirche spielend gewonnen. Sie sei für ihn „der überzeugendste Gottesbeweis, den es auf dieser Erde geben kann, Gottes kostbare Helferin“. Das steht alles ohne Problem und strukturelle Abgrenzung hintereinander.

Zur Gliederung des Buches: Der erste Teil mit 22 Kapiteln beschreibt: „Wer Jesus wirklich war“. Und auch wieder nicht akademisch oder ausgedünnt theologisch. Im 9. Kapitel benennt Franz Alt die von ihm erlebten „Wunder von Feindesliebe“. Entspannung hieß das Zauberwort, entliehen dem Yoga. Die Apartheid wurde überwunden, Deutschland und Frankreich versöhnten sich. Immer wieder spricht der Franz Alt auch von sich. So sitzt er Anfang der 80er Jahre am Nordufer des Sees Genezareth und hört auf die Verheißungen des Bergpredigers. Auf dem Höhepunkt des atomaren Nachrüstungswahns, als die Menschheit am atomaren Abgrund stand, hört Franz Alt den Bergprediger sagen, dass einer immer anfangen müsse, mit dem Wettrüsten aufzuhören.

Er schreibt dann seine kleine Streitschrift „Frieden ist möglich“. Dann kommt eine der stärksten Stellen des Buches: Ein paar Jahre später, zur Zeit von Gorbatschows Perestroika, sagt ihm Alexander Konovalov, einer der militärischen Berater des Kreml-Chefs, bei einer Tagung in Tutzing: „Wir haben im Kreml Ihr Bergpredigtbuch gelesen. Wir werden im Geiste Jesu mit dem Wettrüsten aufhören, egal was der Westen tut. Wir nehmen euch euer Feindbild!“  Zur gleichen Zeit bereitete ein Verlag in Rom eine italienische Fassung des Buches vor. Ein Vatikanbeamter verhinderte das: Die Zeit sei dafür noch nicht reif. Heinrich Böll schrieb dazu im Spiegel: „Selten so gelacht!“

Im 9. Kapitel des ersten Teils erzählt der Reporter Franz Alt, wo er seine ersten leibhaftigen Terroristen getroffen hat: In Belfast Nordirland 1971 „Am ORANGE Day; am 12. Juli, stehen sich fundamentalistische Katholiken und gewaltbereite Protestanten hasserfüllt gegenüber“. Das erinnert ihn an die religiös verbrämten Kriege des IS-Terrorismus.

Der zweite Teil enthält das, was Franz Alt sich und den Mitbürgern vermitteln will: ein leidenschaftliches Bekenntnis zu diesem Bergprediger, eine ebenso leidenschaftliche Absage an die dogmatisch erstarrte Greisenkirche, die gerade in Rom Entscheidungen für zwei Millionen Katholiken von 191 unverheirateten Männern fällen lassen will. Zur Staffage an der Peripherie dürfen schon einige weibliche Zaungäste zusehen und zuhören, aber nicht viel mehr. Das ganze mündet in eine Coda voller großer endzeitlich ähnelnder drei Kapitel unter dem Titel: „Wie glaubwürdig ist das Glaubensbekenntnis?“ Da geht es um Asche statt Feuer im den real existierenden Kirchen. Vom Sinn des Sterbens und das Schlusskapitel sind die Antwort auf die Frage, die sich franz Alt selbst gibt: „Warum ist Jesus der einzigartigste Mensch aller Zeiten?“

Ganz zum Schluss  bemerkt er, dass Günther Schwarz für ihn wichtige Beiträge zu der Neueroberung der jesuanischen Botschaft geleistet hat. „Ob alle seine Schlüsse in der theologischen Forschung Bestand haben werden, das weiß ich natürlich nicht“. Das müsse die rasch einsetzende Fachdebatte zeigen. Immer wieder kommt er in neuen Formulierungen darauf, dass man erst im Aramäischen die Bedeutungstiefe der Worte und Gleichnisse Jesu richtig begreift. „Die Muttersprache Jesu führt zu einem erweiterten Bewusstsein seiner Lehre bei denen, die sie verstehen wollen“.

Dann kommt wieder eine Überforderung, jedenfalls, wenn man Franz Alt wörtlich nehmen will: Wer einen alten Text Jesu wirklich verstehen und anderen erklären will, „muss die entsprechende alte Sprache gelernt haben“, so wie es Günther Schwarz vorbildlich über Jahrzehnte getan hat. Aber wie sollen wir das tun? Heißt das, was ja verständlich wäre, wir sollen beim Theologiestudium, wie auch Franz Alt es betrieben hat, nicht mehr das Graecum sondern das Arameicum machen?

Was mir fehlt: wie machen sich  andere Theologen, denen Franz Alt zuneigt, wie Eugen Drewermann oder Hans Küng oder auch Ex-Bischof Franz Kamphaus, um nur zwei zu nennen, sich dieses Postulat zu eigen?

Ich verstehe auch nicht ganz, aber das mindert nicht die Begeisterung, das Buch zu lesen, was einen Christen wirklich ganz erfrischen kann: Ist das Buch eine Art Thesenanschlag, die Ansage einer Art Abspaltung oder ist das etwas, was mit der alten Verkündigung, die ja nicht nur pervers und morbide war, zu vereinbaren ist? Um es als Leser ganz persönlich zu sagen. Ich bin ja auch zum Bergpredigt Pazifisten geworden durch die Verkündigung in meiner Kirche. Das hat sie, die dogmatisch verknöcherte Kirche mit ihren Bataillonen an verknöcherten Kirchenbeamten, jedenfalls überhaupt nicht verhindern können.

Es ist im Grunde ein moderner literarisch-publizistischer Katechismus. Den schreibt jemand, dem keine Angst mehr gemacht werden kann. Der auch alles, was er als Journalist, Weltbürger, Umweltaktivist auf dem Wege aufgreift mit in das Buch hineinnimmt. Alles kommt da vor, die große Politik mit ihren scheußlichen Wachstumsraten bei der Waffenproduktion und bei dem Zur-Verfügungstellen von 700 Mrd. für die Bankenrettung und den nur 6 Milliarden, die man in Europa für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit ausgegeben hat. Es sind Seitenhiebe auf die Großpolitiker wie Kardinäle, aber einer kommt immer gut weg, dem das Buch auch gewidmet ist. Dem Papst Franziskus. Die Tatsache, dass die Widmung zwei Personen gleichberechtigt nebeneinander stellt, eben den Papst und den Günther Schwarz, gibt auch wohl eine indirekte Antwort auf meine Frage während der Lektüre: Welche Glaubensgemeinde will der Franz Alt denn nun haben – oder braucht er keine?

Immer wieder ist die Freiheit der Kinder Gottes und die Bereitschaft, alles und jedes wahrzunehmen, zu entdecken. Es gibt ja noch Zwangsarbeiter, es gibt eine Sklaverei im 21. Jahrhundert. Das Geschäft wirft jedes Jahr 150 Mrd. Euro an. 100 Milliarden entfallen allein auf die sexuelle Ausbeutung, wie uns Sr. Lea Ackermann immer wieder ins Gewissen ruft. Die UNO ist viel zu schwach, sie muss durch eine „Weltsozialorganisation“ ersetzt werden „mit allen Machtbefugnissen“ Wir brauchen auf Weltebene Organisationen, die nicht nur über Krieg und Frieden entscheiden, sondern die auch für die Rechte der Beschäftigten kämpfen und für die Umwelt“. Und, wie ich hinzufügen würde, über eine Welt-Polizei, die dem Generalsekretär der UNO und dem Sicherheitsrat untersteht und die alle nationalen Armeen der Welt überflüssig und entbehrlich macht.

Und noch einmal Günther Schwarz und das Aramäische. Schon das Evangelium, wie ich es seit sieben Jahrzehnten kenne, sagt mir eindeutig: „Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“. Und bei Lukas 16,9 stehe das Gegenteil: „Ich sage euch, macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es mit euch zu Ende geht.“  Das kann wieder Schwarz auflösen. Das aramäische Wort „Mimmamona“ könne mit dem Wort: Und dem Mammon“ aber auch „und nicht Mammon“ übersetzt werden. Deshalb übersetze Schwarz: „Amen, ich sage euch, verschafft euch Freund und nicht ungerechten Mammon, damit sie euch aufnehmen, wenn ihr sterbt, in die ewigen Hütten“. (Lk 16,9)

Aber es sind auch eigene Vorstellungen, die Franz Alt mit in den Glauben hineinnehmen möchte. Man kann aber schlecht sagen, in welcher Weise er sich mit dem, was man Gemeinde und Kirche und Sakramente bezeichnet noch identifizieren kann? Er schimpft einerseits sehr auf erstarrte Dogmengebäude und verkrustete Strukturen, andererseits setzt er auf eine Art Voluntarismus, sich doch als Christ mit der Wiedergeburt zu identifizieren, die Franz Alt in den vielen Nahtoderfahrungen beschrieben oder angedeutet findet. Es gibt aber auch Katholiken und Christen wie der von Franz Alt ja sehr geschätzte Kölner Schriftsteller Heinrich Böll, der in seinen bewegenden Tagebüchern im Zweiten Weltkrieg immer wieder seufzend klar gemacht hat, wie sehr er „die Sakramente brauche“, den sonntäglichen Gottesdienst“. Zu kurz gegriffen erscheint mir auch die Vermutung, dass es immer mehr Kirchenaustritte gäbe wegen des alten Glaubensbekenntnisses.

Ganz besonders glücklich werden Muslime über das rückübersetzte Glaubensbekenntnis sein, das sich, wie Franz Alt etwas unglücklich formuliert, an den aramäischen Jesus hält. „Ich vertraue auf Gott, den Vater, den Herrn der Himmel und der Erde, und auf Jesus den Gesalbten, seinen einzigartigen Sohn, unseren Herrn. Der geboren wurde von Maria, der gekreuzigt wurde durch Pontius Pilatus, der hinabgestiegen ist in die Unterwelt, der verklärt wurde am dritten Tage, der aufgenommen wurde in die Himmel, der sitzt zur Rechten des Vaters. Amen“.

Dieses Credo zeige, wem unser Vertrauen gelten soll: Gott, dem Vater und Jesus, seinem Botschafter oder Propheten. Das entspricht der Weisung Jesu in Johannes 14.1: „Vertraut auf Gott/ Und vertraut auf mich!“  An dieser Stelle macht das Buch denn noch einmal den Unterschied, der mit einer solchen Rückübersetzung zu erwarten ist. Überflüssig werde dadurch der Glaube an die Wiederkehr Jesu, an das Gericht über die Lebenden und die Toten, auch der Glaube an den Heiligen Geist, die heilige Katholische Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden. Zurück, will Franz Alt sagen, zum „aramäischen Jesus“. Ich würde sagen, zurück zu dem Jesus, der uns über dieses Buch wieder sehr nahe gebracht wurde.

Wie immer bei den Büchern des großen Enthusiasten Franz Alt, man kann und soll sich dem Rausch und der Euphorie nicht verweigern, man wird hineingerissen in die Geschichte des Pazifisten Jesus, der auch mal Buddha heißen kann. Mit der Genauigkeit bei einzelnen Fakten und Zahlen hat er es auch nicht. Aber weshalb sollte man ihm das übelnehmen.  Philologisch kann man nichts nachprüfen, da wird der Autor auch sagen, was kann denn auch ein Leser so kleinlich sein, mal nachzusehen, wo das denn steht? Oder auch mal zu erfahren, ob der Günter Schwarz denn eine Autorität im Aramäischen ist? Denn es ist ja doch merkwürdig, dass die Revolution im Theologiebetrieb jetzt nicht mehr wie vor 500 Jahren von einem Mönch und Theologen ausgehen soll, sondern von einem politischen Journalisten und einem leidenschaftlichen Friedens- und Menschheitsfreund.

Es ist ein Wurf – man kann es nicht eigentlich auslesen, man ist von der Atemlosigkeit der Hoffnungen und des Optimismus Er lässt sich nicht frustrieren, das ist das Wort, das geradezu das Gegenteil des Franz Alt ausmacht. Er sieht lauter Bewegungen zu einer besseren Menschheit mit Millionen Helden, die an ihr arbeiten. Die gnädige Menschheit ist schon Realität. Luther war noch erpicht auf den eigenen gnädigen Gott, heute müssen wir als Christen die gnädige Menschheit verstärken. Und man fragt sich, warum lässt die Kirche solche bewegenden charismatischen Vertreter nicht als Köpfe und Verkünder der frohen Botschaft gleichrangig mit den Bischöfen zu? Nicht auszumalen, wenn die Kirche(n) Gottes sich mit Sprechern wie Eugen Drewermann, Hans Küng, und eben dem Franz Alt auftrumpfen würde?!

Und auch Reiche können ins Himmelreich, denn in der aramäischen Übersetzung heißt es, ein Großer habe es schwer und könne nicht durch das Nadelör. Ein Großer steht für Arrogant, aufgeblasen, hochnäsig, eingebildet und oft auch reich. Aber der Christoph Duttweiler von Migros oder der 35fache Milliardär Warren Buffet kann durch das Nadelör kommen. Er denkt und organisiert in den Kategorien des sozialen Kapitals. Bei dem Milliardär bin ich in Zweifel. Und möchte den Witz bemühen, der aus Köln kommt und den Franz Alt in seinem Buch des Kölschen entkleidet auch erzählt. Tünnes und Schäl wollen von Gott wissen, ob eine Mio. Euro für ihn ‚ne Jroschen sind? Ja, sagt Gott. Und zehntausend Jahre ‚ne Minütje‘? Ja, meint Gott. Dann sagt der Tünnes, Dann jib mir mal ne Jroschen! Und Gott sagt: Dann warte mal ne Minütje!

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Quelle   Rupert Neudeck 2015 | Grünhelme 2015

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