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16.03.2017

Wir können uns ändern – vielleicht!

"Wir können uns ändern - Gesellschaftlicher Wandel jenseits von Kapitalismuskritik und Revolution" | Eine Rezension von Dr. Andreas Meißner 

Werden unsere Industriegesellschaften sich freiwillig auf einen nachhaltigen Weg begeben? Mit dieser Frage kann man jede Diskussion schnell zum Verstummen bringen. Betretene Gesichter und betrübtes Kopfschütteln sind die Folge. Umso mehr stürzt sich der um die ökologische Krise besorgte Bürger auf ein Buch mit dem hoffnungsvollen Titel „Wir können uns ändern“, das der Jurist und Rechtsphilosoph Felix Ekardt jetzt veröffentlicht hat. Publikationen zu diesen Themen gibt es mittlerweile zuhauf, nahezu im Monatsrhythmus bringt allein der darauf spezialisierte oekom-Verlag dazu etwas heraus, so auch diese Neuerscheinung. Immer keimt die Hoffnung beim Leser auf, nun endlich die goldene Lösung für die vielen Dilemmatas zu finden, in denen wir heute stecken.

Ekardt weicht in den flüssig geschriebenen gut 150 Seiten diesen schwierigen Fragen nicht aus. Auch er diskutiert, ob etwa eher der Einzelne oder die Politik aktiv werden muss, und favorisiert diese, was ja sinnvoll ist angesichts der hier verfügbaren Hebel. Sie könnte demnach vor allem eine schrittweise Verknappung und damit eine Verteuerung der fossilen Brennstoffe bewirken, mit vielfältigen Auswirkungen auf den Ressourcenverbrauch. Denn jeglicher persönlicher und unternehmerischer Eigennutzen reagiert auf Preise, so Ekardt. Solche veränderten Regeln könnten dann auch wieder uns prägende Normalitätsvorstellungen beeinflussen, so dass nachhaltiges Verhalten einen dann weniger zum Sonderling machen würde.

Solchermaßen veränderte Lebensstile könnten schließlich zur „Ökoroutine“ werden, wie kürzlich der Sozialwissenschaftler Michael Kopatz sein Buch zu dieser Thematik betitelt hat. Allerdings ist, und darauf weist Ekardt völlig zu Recht hin, die Kluft zwischen Selbst- und Fremdbeobachtung groß. So trennen viele engagierte Menschen heute schon Müll, fahren weniger Auto und kaufen Bio-Lebensmittel, dennoch besteht auch bei ihnen eine Diskrepanz zwischen umweltbewusstem Selbstbild und weiter großem ökologischen Fußabdruck. Dies auch, weil mit diesem allein schon das Einkommen korreliert, worüber Grünen-Wähler und ökobesorgte Mittelschicht am ehesten verfügen.

In gründlicher Analyse zeigt Ekardt weitere unbequeme Aspekte auf, beispielsweise dass viele Maßnahmen wieder zu Rebound-Effekten führen können (sparsamere Autos etwa zu mehr Autofahrten), dass allein Messungen und Beobachtungen noch nichts darüber aussagen, wie die Welt sein sollte, und dass man schon wissen müsse, wo man hin wolle. Ebenso weist er auf das komplizierte Wechselspiel zwischen allen an Lösungen zu beteiligenden Akteuren hin, ebenso auf das enorme Problemausmaß heute, für das keine Vorerfahrungen bestehen.

Und er spricht, etwas knapp allerdings, die Bedeutung von Verdrängung und Emotionen, aber auch von Werten an. Eine Verbindung zwischen den beiden letzteren stellt er aber nicht her. Gerade Werte aber sind eng mit Gefühlen verknüpft, erst ein emotionales Ergriffensein von einer Sache kann dazu führen, ganz bei sich zu sein, neue Haltungen zu entwickeln und entsprechend zu handeln. Auch hieraus ergibt sich die von ihm angesprochene geringe Wirksamkeit von Wissen, da Informationen und Aufklärung allein die Vernunft, weniger das Gefühl ansprechen.

Die folgende Überlegung allerdings ist für den Leser sehr gut nachvollziehbar: „Offenkundig bringen Menschen gefühlsmäßig ein beachtliches Talent zur Bequemlichkeit mit, zum Verweilen beim Gewohnten, zum Verdrängen unliebsamer Zusammenhänge“. Dies wie auch die evolutionsbiologisch geprägte Tendenz, immer etwas „mehren“ und sich damit absichern zu wollen (selbst wenn man schon mehr als genug hat), sind schwer zu ändernde innere Konzepte. Auch soziobiologische Einsichten erklären nicht alles, aber man müsse sie umgekehrt ebenso nicht im Affekt abzulehnen, nur weil sie einem nicht gefallen, meint Ekardt. Gerade in der Psychotherapie kennen wir die Schwierigkeiten, Gewohnheiten zu ändern, auch neurobiologisch hat sich gezeigt, dass hierfür verantwortliche Hirnareale nur durch langfristiges Einüben neuer Praktiken zu beeinflussen sind. Auch dies bedürfte noch näherer Betrachtung, vor allem was das erforderliche Durchhaltevermögen betrifft.

Die Hoffnung jedoch, nachhaltige Lebensstile nun geradezu als Glücksprogramm zu vermitteln, hält er für naiv. Denn die Botschaft, dass Konsumismus und Leistungsgesellschaft unglücklich machen, und dass dafür der glücklicher ist, der sich auf ideelle Dinge oder soziale Kontakte konzentriert, trifft seiner Ansicht nach wohl nur für einen kleinen Personenkreis zu. Der zudem dabei übersieht, dass dies eben nahezu allen Mitmenschen nicht bewusst ist. Auch diese unbequeme Überlegung ist angemessen. Viele Menschen wollen sich eben nicht einreden lassen, nun durch eine geringere Orientierung am Materiellen zufriedener werden zu sollen. Und der von Ekardt häufiger erwähnte Eigennutzen schränkt auch die nötige Empathie ein, die sich ebenso wenig verordnen oder für die Masse therapeutisch vermitteln lässt.

Als weitere unangenehme Einsicht hätte dem ansonsten interdisziplinär angelegtem Buch noch ein Hinweis auf ökologische Grundmechanismen getan, auf die Abhängigkeit von Dienstleistungen der Natur, der auch der Mensch nicht entrinnen kann, trotz seiner besonderen geistigen Fähigkeiten und daraus entstandenen technischen Errungenschaften. Zerstört der Mensch weiter seine Lebensgrundlagen, wird er auch Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wasser und Raum nur noch erschwert befriedigen können. Einen neuen Bezug, eine neue Beziehung dazu zu entwickeln, könnte hilfreich sein, um ihren Wert zu erkennen.

In vielen kleinen Schritten könnten die vielen Teufelskreise überwunden werden, mutmaßt Ekardt. Halte man dies für undenkbar, so sollte man dies wenigstens offen einräumen, fordert er. Er meint dies nicht, der Rezensent aber steht für solche Skepsis gerne offen ein. Erst vermehrter Druck durch dann ökologisch ungünstig veränderte Lebensbedingungen wird westliche Gesellschaften – unfreiwillig – zu Nachhaltigkeit bringen, und selbst das ist für Entwicklungen nach etwaigen Ressourcen- und Klimakriegen nicht garantiert. So oder so aber sind heute schon die vielen kleinen Schritte trotzdem nötig, zu denen Ekardt ermuntert, allein schon für Würde, Selbstachtung und bestmögliche Fürsorge für anderswo und später Lebende.

Das Buch endet dann fast schon religiös. Denn dem Sterben könnten wir weder durch Postwachstum noch durch Konsumismus entkommen, meint der Autor. Er zitiert auf der letzten Seite Mose, der betet: Herr, lehre mich, dass ich sterben muss, auf dass ich klug werde (Psalm 90,12). Er folgert, dass man, ohne nun religiös werden zu müssen, darüber nachdenken könnte, ob in der westlichen Kulturgeschichte an die Stelle der Einsicht in die eigene Vergänglichkeit nicht die Hoffnung auf ein technisch-ökonomisches Paradies auf Erden getreten sei – in Ausblendung der wohl unausweichlichen Endlichkeit menschlicher Existenz. Dieses ubiquitäre Phänomen begegnet dem Psychiater durchaus häufiger und wird gerade in ökologischer Hinsicht zu wenig bedacht. Auch hier werden dahinter stehende Ängste gerne vermieden. Es ist daher ein passender Schlusspunkt für ein Buch mit guter Analyse, übergreifender Betrachtung und hilfreichen Anregungen, die natürlich auch kein Patentrezept liefern können, wie bereits die vielen anderen davor erschienenen Bücher. Gelesen werden sollte es trotzdem.Andreas Meißner

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Quelle   Dr. Andreas Meißner ist in München niedergelassener Psychiater und Psychotherapeut, Mitbegründer der Transition-Town-Initiative „Trudering im Wandel“ sowie Autor des 2009 erschienenen Buches „Mensch, was nun? Wie wir der ökologischen Krise begegnen – können“, das heuer in überarbeiteter Neuauflage erscheinen wird.

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