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26.06.2016

Mikro- und Nanokunststoffe in Lebensmitteln – ein zunehmendes Problem

Plastikmüll in den Meeren: die Plastiksuppe - eine Flächen so groß wie Frankreich gesichtet

An den Auswirkungen, die Kunststoffabfälle in Meeren und Gewässern auf natürliche Lebensräume und die Tierwelt haben können, besteht weltweites Interesse. Die EFSA hat erste Schritte in Richtung einer zukünftigen Bewertung potenzieller Risiken für Verbraucher durch Mikro- und Nanokunststoffe in Lebensmitteln, insbesondere Meeresfrüchten, unternommen.

Dr. Peter Hollman war Mitglied der Arbeitsgruppe, die dem EFSA-Gremium für Kontaminanten in der Lebensmittelkette (CONTAM) beim Entwurf seiner Stellungnahme zu Mikro- und Nanokunststoffpartikeln half. Dr. Hollman ist leitender Wissenschaftler am Forschungsinstitut RIKILT und außerordentlicher Professor für Ernährung und Gesundheit, beides an der Universität Wageningen in den Niederlanden. Seine Forschungstätigkeit umfasst Arbeiten über das Auftreten, die Analyse und Toxizität von Mikro- und Nanokunststoffen.

Was sagt die EFSA in ihrer Stellungnahme?
Peter Hollman: Die EFSA hat die vorhandene Literatur zu diesem Thema umfassend ausgewertet und befand, dass die Daten über Auftreten, Toxizität und Verbleib – das Geschehen nach der Verdauung – dieser Materialien für eine vollständige Risikobewertung unzureichend sind. Es zeigte sich auch, dass Nanokunststoffe besondere Aufmerksamkeit verlangen. So erlaubte die Auswertung der EFSA, eine Bestandsaufnahme der wissenschaftlichen Entwicklungen in diesem Bereich vorzunehmen, Daten- und Wissenslücken aufzuzeigen sowie künftige Forschungsschwerpunkte zu empfehlen, um diese Lücken zu schließen.

Was sind Mikro-/Nanokunststoffe?
PH: Der weltweit stetig zunehmende Einsatz von Kunststoffen hat große Flächen schwimmenden Plastikmülls in den Meeren geschaffen, die sogenannte Plastiksuppe. Es wurden bereits Flächen so groß wie Frankreich gesichtet. Dieser schwimmende Plastikmüll zersplittert allmählich in kleinere Partikel, die schließlich zu Mikro- und dann Nanokunststoffen werden. Es gibt aber auch Pellets, Flocken, Sphäroide und Kügelchen, die in diesen Größen hergestellt werden.

In welchen Lebensmitteln sind diese Materialien enthalten?
PH: Zu Nanokunststoffen in Lebensmitteln liegen überhaupt keine Daten vor; es gibt allerdings einige Informationen über Mikrokunststoffe, insbesondere im Hinblick auf die Meeresumwelt. Fisch weist hohe Konzentrationen auf, aber da Mikrokunststoffe meist in Magen und Darm zu finden sind, werden sie in der Regel entfernt, so dass die Verbraucher ihnen nicht ausgesetzt sind. Bei Krusten- und zweischaligen Weichtieren wie Austern und Muscheln hingegen wird der Verdauungstrakt mitgegessen, und so kommt es zu einer gewissen Exposition. Es gibt auch Berichte über ein Vorkommen in Honig, Bier und Tafelsalz.

Sind sie schädlich für den Verbraucher?
PH: Es ist noch zu früh, um dies zu sagen, aber es scheint unwahrscheinlich, zumindest was Mikrokunststoffe betrifft.

Eine möglicher Grund zur Sorge sind die hohen Konzentrationen von Schadstoffen, wie polychlorierten Biphenylen (PCB) und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK), mit denen sich Mikrokunststoffe anreichern können. Auch Rückstände von in Verpackungsmaterialien verwendeten Verbindungen, z.B. Bisphenol A (BPA), könnten darin enthalten sein. Einige Studien deuten darauf hin, dass nach dem Verzehr von Mikrokunststoffen in Lebensmitteln diese Substanzen in Gewebe übergehen können. Daher ist es wichtig, die durchschnittliche Aufnahme abzuschätzen.

Wir wissen, dass künstlich hergestellte Nanopartikel (aus verschiedenen Arten von Nanomaterialien) in menschliche Zellen eindringen können, was Folgen für die menschliche Gesundheit haben könnte. Hier bedarf es allerdings noch weiterer Forschungsarbeiten und Daten.

Hat die EFSA die durchschnittliche Aufnahme abgeschätzt?
PH: Nicht für Nanokunststoffe, aber ausgehend von den wenigen vorliegenden Daten schätzte die EFSA, dass eine Portion Muscheln (225 g) 7 Mikrogramm Mikrokunststoffe enthalten könnte. Doch selbst wenn diese Menge an Kunststoff die höchsten je gemessenen Konzentrationen an PCB oder BPA enthielte, um zwei Beispiele zu nennen, wäre dies nur ein kleiner Beitrag zur Gesamtexposition gegenüber diesen Stoffen: die PCB-Exposition würde sich um weniger als 0,01 Prozent erhöhen, die BPA-Exposition um weniger als zwei Prozent. Hierbei handelt es sich jedoch um ein Worst-Case-Szenario.

In welche Richtung sollte die Wissenschaft künftig forschen?
PH: Die Empfehlungen des Gremiums können der wissenschaftlichen Gemeinschaft helfen, hierüber ein klareres Bild zu erlangen. Die Forschung sollte Daten über das Vorkommen von Mikrokunststoffen, und insbesondere Nanokunststoffen, in Lebensmitteln hervorbringen, sowie über deren Verbleib im Magen-Darm-Trakt und ihre Toxizität. Erkenntnisse über die Toxizität von Nanokunststoffen sind besonders nötig, da diese Partikel alle Arten von Gewebe durchdringen und so letztlich in Zellen gelangen können. In der Stellungnahme werden auch standardisierte Analysemethoden vorgeschlagen, die bei der Überwachung helfen sollen.

Hat die EFSA Risiken für die Tier- und Umwelt betrachtet?
PH: Die EFSA hat sich mit dem Thema ausschließlich aus Sicht der Lebensmittelsicherheit befasst. Andere Organisationen beschäftigen sich mit natürlichen Lebensräumen und der Tierwelt. Wir haben die wichtigsten Berichte der Gemeinsamen Expertengruppe für die wissenschaftlichen Aspekte des marinen Umweltschutzes der Vereinten Nationen ausgewertet und auch eine neue Studie über Maßnahmen zur Bekämpfung von Meeresabfällen berücksichtigt, die von der GD Umwelt der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben wurde. Dies waren unerlässliche Quellen für die Schaffung eines Rahmens, um sich diesem Problem aus dem Blickwinkel der Lebensmittelsicherheit anzunähern. Die Europäische Umweltagentur bietet eine breitere Sicht in ihrem Bericht über den Zustand der europäischen Meere. Die Stellungnahme und künftige Arbeit der EFSA können diese Bemühungen ergänzen.

Hat Ihre eigene wissenschaftliche Forschung von der Mitarbeit profitiert?
PH: Für mich war es sehr bereichernd, diese Fragen mit Experten aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen zu diskutieren. Indem wir die unterschiedlichen Fachkenntnisse an einen Tisch brachten, konnten wir das Problem aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Dies verschaffte uns eine ausgewogenere Sichtweise der Probleme und half dem Gremium, den richtigen Fokus für seine Stellungnahme zu finden.

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Quelle   EFSA is an agency of the European Union | 2016

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