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21.11.2018

Der automatisierte Energieberater

Ein neues Messsystem macht energetische Gebäudeanalysen günstiger.

Jedes Jahr werden etwa 400.000 Wohneinheiten allein in Deutschland saniert, darunter Wohnungen, Ein- und Mehrfamilienhäuser. Die Deutsche Energie-Agentur (DENA) misst diesen Energiesanierungen eine zentrale Rolle bei, um die Klimaziele zu erreichen. Der Grund: Ein Großteil der etwa 18 Millionen Wohngebäude in Deutschland wurde gebaut, bevor 1978 die erste Wärmeschutzverordnung in Kraft trat und ist energetisch wenig effizient. Den vielen Energiesanierungen gehen Gebäudeenergieberatungen voran, die bisher nur schlecht vergleichbar sind, weil sie stark von der Qualität des jeweiligen Beraters abhängen. Kompetente Beratung ist dadurch häufig teuer - Kosten bis in den vierstelligen Bereich können entstehen.

Das DLR-Spin-off "neofizient" hat nun ein Messsystem entwickelt, das energetische Informationen von Gebäuden erfasst und automatisch auswertet. "Beratungen sollen durch unseren Algorithmus objektiver, schneller und einfacher werden und dadurch auch günstiger", sagt Silvan Siegrist, der zusammen mit Dr. Arne Tiddens das Projekt leitet. Zusammen werden sie die Geschäfte von neofizient führen, wenn aus dem Spin-off-Projekt Anfang 2019 ein eigenständiges Unternehmen hervorgeht.

Bilder und Infrarot-Aufnahmen werden in einem Modell übereinander gelegt

Ihre Erfindung basiert auf Kameras, die einen Raum 360° im sichtbaren und infraroten Wellenlängenbereich fotografieren. Aus den Daten wird ein Modell des Zimmers erstellt. Dieses ist 2,5-dimensional, bildet also Decke, Wände und Boden dreidimensional ab; dafür spart das Modell Rechenleistung, indem schmückendes Beiwerk wie Möbel und Zimmerpflanzen nicht korrekt eingezeichnet werden. Über das Modell legen die Kameras Infrarot-Aufnahmen des Raumes, welche die energetischen Informationen veranschaulichen.

Auch Unerfahrene sollen das Messsystem bedienen und auswerten können

Vor allem der Wärmedurchgangskoeffizient ist dabei für Sanierer interessant - er zeigt, wo wie viel Wärme verloren geht. Aus den Daten können beispielsweise Rückschlüsse gezogen werden, wo Wärmebrücken die Dämmung des Gebäudes durchbrechen. Beispiele dafür sind Stahlträger, die durch eine Wand ragen, schlecht isolierte Fensterrahmen oder Feuchtigkeit in den Wänden. Diese Daten können dann von den Sanierern selbst, von Energieberatern oder Handwerkern verwendet werden. "Das Messsystem soll so günstig werden, dass man es sich selbst ausleihen kann, und so einfach zu bedienen sein, dass es auch Laien einsetzen können", sagt Silvan Siegrist. Ihre Messdienstleistung wollen die beiden Forscher vom DLR-Institut für Solarforschung in Köln im Frühjahr 2019 auf den Markt bringen. Bis Ende 2019 erhalten sie im Rahmen des Förderprogramms "Helmholtz Enterprise" von der Helmholtz-Gemeinschaft und dem DLR-Technologiemarketing etwa 250.000 Euro. Die Helmholtz Gemeinschaft fördert in diesem Programm jedes Jahr die vielversprechendsten Geschäftsideen aus ihren Instituten, um erfolgreiche Ausgründungen in die Selbstständigkeit zu ermöglichen und damit technischen Fortschritt schneller in den Alltag zu bringen.

Zudem wurde das geplante DLR-Spinn-off im September 2018 für eine Förderung im Rahmen der Climate-KIC-Initiative (Knowledge and Innovation Community) des Europäischen Instituts für Innovation und Technologie (EIT) ausgewählt. Climate-KIC ist die wichtigste EU-Förderinitiative für Klimaschutz-Innovationen und unterstützt Startups, die zu einer CO2-freien Wirtschaft beitragen können. Die Unternehmen erhalten bis zu 95.000 Euro Förderung und zusätzlich viele Beratungsleistungen.

Auch eine Weiterentwicklung ihrer Ideen steht bei neofizient bereits im Raum: "Wir wollen die Software so verbessern, dass sie in Zukunft auch Empfehlungen für die energetische Sanierung geben kann", so Siegrist. Damit wäre der erste automatisierte Energieberater erschaffen. Wann dieser seine Arbeit aufnimmt, ist jedoch noch offen.

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Quelle   Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) 2018

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