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15.05.2018

Ist Finnland das glücklichste Land auf der Erde?

Der World Happiness Report 2018 setzt das Land an die Spitze, aber wie man Glück misst, hängt von den Fragen ab, wie ein finnischer Wissenschaftler erörtert. Von Florian Rötzer

Vor kurzem wurde der World Happiness Report 2018 veröffentlicht. Hier wird ein Ranking der Länder nach der Glücklichkeit ihrer Bewohner erstellt. Ausgewertet wird eine Gallup-Umfrage in 156 Ländern, in der allerdings die Menschen nicht nach ihrem Glück befragt werden, sie sollen lediglich angeben, wie sie auf einer Skala von 1-10 die Qualität ihres gegenwärtigen Lebens einstufen, mit 10 als dem Wert für das möglichst beste Leben. Finnland wurde als Land eingestuft, in dem die Menschen am glücklichsten seien, man müsste wohl eher sagen, wo sie sich am zufriedensten geben.

Traditionell sind die nordeuropäischen Länder mit der Schweiz, den Niederlanden, Kanada oder Neuseeland ganz oben angesiedelt. Deutschland findet sich auf Platz 15, die USA erreichen Platz 18. Am Schluss finden sich afrikanische Länder wie Burundi, die Zentralafrikanische Republik oder Südsudan, aber auch der Jemen, Syrien, und Afghanistan. Auch in der Ukraine scheinen die Menschen nach ihrer Befreiung aus den Klauen Russlands nicht sonderlich glücklich zu sein. Das Land liegt ziemlich weit hinten auf Platz 137 zwischen Sudan und Guinea. Die Autoren führen das "Glück" vor allem auf das Einkommen bzw. auf das BIP pro Kopf zurück.

Erstmals wurde auch ein Ranking von 117 Ländern im Hinblick auf das "Glück" der Menschen mit Migrationshintergrund erstellt. Auch hier kam Finnland auf Platz 1, unter den übrigen ersten Zehn waren auch die Länder, deren Einwohner sich zufriedensten zeigten. Die Top-10-Ländern haben mit durchschnittlich 17,1 Prozent einen doppelt so hohen Anteil an im Ausland geborenen Bewohner wie der Gesamtdurchschnitt. Verwundern mag, warum Mexiko, Israel und Österreich gut abschneiden, die USA kommen auf Platz 15, Deutschland sackt hier zurück auf Platz 28 zurück.

Aber warum sind die Finnen die angeblich glücklichsten Menschen der Welt? Für den Scientific American hat der Finne Frank Martela, der sich an der Aalto Universität mit der Psychologie und Philosophie des Wohlergehens beschäftigt, versucht zu erklären, warum die Finnen bei der Umfrage so gut abschneiden, aber eben wahrscheinlich nicht gerade die glücklichsten sind.

Natürlich geht es vor allem darum, wie und nach was gefragt wird. Letztlich wurde eben nicht nach Glück gefragt, sondern nach Lebenszufriedenheit, für die das BIP pro Kopf, funktionierende Sozialsysteme, geringe Angst vor Repression und Vertrauen in die Regierung wichtig seien. Hier rangieren die nordeuropäischen Länder in der Regel an vorderster Stelle, aber wenn man auf weltweite Umfragen ebenfalls von Gallup schaut, bei denen die Menschen angeben sollen, wie oft sie "positive Erfahrungen" wie Freude, Lachen, gut ausgeruht oder mit Respekt behandelt worden zu sein, rücken vor allem lateinamerikanische Länder an die Spitze. Nach Paraguay kommen bei der Umfrage 2013 Panama, Guatemala, Nicaragua, Ecuador, Costa Rica und Kolumbien. Irgendwie hat sich hier Dänemark dazwischen gemogelt, gefolgt Honduras, das wegen der hohen Mordrate als gefährlichstes Land der Welt galt, Venezuela - da hat sich sicher einiges geändert - und El Salvador. Finnland ist nur auf dem 34. Platz, Deutschland auf den 50. nach Kenia und vor Sri Lanka.

Martela hat noch mehr anzubieten. Wenn es um das häufigste Vorkommen einer bipolaren Depression geht, liegt Finnland, das Land der glücklichen Menschen, plötzlich an zweiter Stelle hinter den USA. Was das oder die Lebenszufriedenheit mit der Anzahl von Heavy Metal-Bands pro Kopf der Bevölkerung zu tun hat, wird zwar von Martela nicht erörtert, aber hier liege Finnland auch an erster Stelle. Ganz oben liegen auch Schweden, Norwegen oder Island, während Heavy Metal-Bands in Lateinamerika wenig und in vielen Ländern Afrikas oder auch in Afghanistan gar nicht vorkommen sollen.

Eine andere Studie lässt aber auch erkennen, dass das Happiness-Ranking nicht richtig zu sein scheint. Hier ging es darum, wie Lebenszufriedenheit mit dem Gefühl zu tun hat, ein sinnvolles Leben zu führen. Hier stehen die Menschen aus den armen Ländern an der Spitze. Finnland schneidet da ziemlich schlecht ab, wie viele andere Länder mit einem hohen BIP pro Kopf, auch wenn Österreich oder Frankreich noch schlechter sind, ganz hinten liegen Japan und Hongkong. Die Autoren der Studie führen dies vor allem die Bedeutung der Religion zurück. Die wiederum kann, als Opium fürs Volk, in armen Ländern für die Menschen wichtiger sein als in reicheren Ländern.

Wie also erklärt Martela, dass die Finnen dennoch bei der ersten Umfrage so gut abschneiden und als glücklichste Menschen gelten? Seiner Überzeugung haben die Finnen einen Vorteil, weil sie ihr eigenes Glück oder ihre Lebenszufriedenheit herunterspielen und ihre Freude öffentlich nicht so sehr zeigen. Damit würden sie vermeiden, sich im Hinblick darauf zu vergleichen. Vergleiche würden nämlich eine wichtige Rolle bei der Selbsteinschätzung der eigenen Lebenszufriedenheit dienen. Rankings wie der World Happiness Report hätten dann auch den Effekt, die Menschen unzufriedener zu machen. Es gibt mittlerweile eine ganze Industrie, die mit nichts anderem beschäftigt ist, Vergleiche und Rankings herzustellen. Was machen also die Norweger oder die Dänen falsch, wenn sie nur an zweiter oder dritter Stelle stehen?

Wie auch immer, ist Finnland nicht das glücklichste Land, wenn es um die Erfahrung oder Zeigen von positiven Gefühlen oder die Abwesenheit von Depression geht: "Aber wenn es beim Glücklichsein um das stille Einverständnis mit den eigenen Lebensbedingungen geht, dann kann Finnland zusammen mit anderen nördlichen Ländern der beste Platz zum Leben sein."

Auch daran kann wieder zweifeln. Derzeit sorgt man sich in Finnland, dass die Einsamkeit zu einer Volkskrankheit wird, die zunehmend die jungen Menschen erfasse. Hier wird auch gesagt, es könne mit daran liegen, dass die Finnen ihren Gefühlen zu wenig Ausdruck verleihen und vor allem die Männer schweigen (Tödliche Einsamkeit als Volkskrankheit). 

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Quelle   Der Bericht wurde von der Redaktion „TELEPOLIS“ (Florian Rötzer) 2018 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung von Florian Rötzer 2018 weiterverbreitet werden! 

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