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06.02.2017

Die Zukunft des Essens

Das Streben nach nachhaltigen Ernährungsmethoden im 21. Jahrhundert. Von Stefan Jungcurt

Die Welt der Ernährung – also der Weg, den Lebensmittel von den Feldern bis auf die Gabeln zurücklegen – ist einem grundlegenden Wandel unterworfen. Grund sind zahlreiche Veränderungen in Natur, Gesellschaft und Wirtschaft. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass die Zahl landwirtschaftlicher Erzeugnisse um 60 Prozent steigen muss, um die neun Milliarden Menschen zu ernähren, die den Planeten 2050 wahrscheinlich bevölkern werden.

Diese Steigerung muss trotz schrumpfender Flächen erreicht werden, die immer mehr dem Klimawandel unterworfen sind. Bodenverschlechterung und Urbanisierung verringern die Zahl der nutzbaren Ackerflächen um 0,3 Prozent pro Jahr, was bis 2050 einen Verlust von zehn Prozent bedeutet. Das zwischenstaatliche Gremium über den Klimawandel (Inter-Governmental Panel on Climate Change, IPPC) vermutet, dass die Erträge nutzbaren Landes in bestimmten Regionen bedingt durch die Auswirkungen des Klimawandels um bis zu 25 Prozent sinken könnten. 

Allerdings ist die Landwirtschaft nicht nur Opfer des Klimawandels, sondern auch der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen. Der Agrarsektor ist für schätzungsweise 13 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Jede realistische Strategie zur Erreichung der Ziele des Pariser Abkommens über den Klimawandel, das die globale Erwärmung unter zwei Grad Celsius halten will, muss signifikante Senkungen landwirtschaftlicher Emissionen enthalten.

Diese Bedingungen fordern alle Beteiligten entlang der agrarischen Wertschöpfungskette dazu heraus, zur Entwicklung hin zu tatsächlich nachhaltigen Ernährungsmethoden beizutragen.

Nachhaltige Verstärkung 

„Nachhaltige Verstärkung“ kombiniert traditionelles Wissen mit modernen Methoden und der achtsamen Nutzung neuer Technologien zu einer Palette ökosystembasierter Praktiken, die Kleinbauern und anderen Erzeugern helfen, höhere Erträge bei gleichzeitiger Steigerung natürlichen Kapitals zu erzielen. Nachhaltige Verstärkung ist ein neu entstehendes Paradigma landwirtschaftlicher Produktion, das den „Beitrag der Natur zum Pflanzenanbau” aufzeigt und Belange des Bioanbaus, des Umgangs mit Wasser, von Verschmutzung und natürlichen Mechanismen im Umgang mit Insektenplagen und Krankheiten. Die Forschung zu klimagerechter Landwirtschaft strebt eine Ausweitung dieser Palette an, um die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft gegenüber Veränderungen durch den Klimawandel zu steigern und dort, wo es möglich ist, Emissionen zu senken.

Während „nachhaltige Verstärkung“ ebenso wie „klimagerechte Landwirtschaft“ einige Prinzipien des Bioanbaus beinhaltet, erkennen beide ganz klar das Bedürfnis an, die Produktivität der Agrarwirtschaft zu steigern und deren Widerstandsfähigkeit zu erhöhen, und zwar dezidiert unter Berücksichtigung der Rolle, die neue Technologien dabei spielen können.

Diskussion über Biotechnologien neu anstoßen?

Biotechnologien und Genforschung betreffen in der Landwirtschaft nicht nur genetische Veränderungen wie genbasierte Kennzeichnungen von Tier- und Pflanzenvarianten im Interesse verbesserten Umweltschutzes und verbesserter Aufzuchtmethoden, sondern auch die Diagnose pflanzlicher und tierischer Erkrankungen und die Weiterentwicklung von Impfungen. Techniken zur Genmodifikation entwickeln sich rapide, ebenso wie ganz neue Arbeitsbereiche, darunter die Aufbereitung genetischer Daten, die präzisere Bearbeitungen des Genoms eines Organismus erlaubt.

Forscher glauben, dass sorgsame genetische Veränderungen die Entwicklung neuer Pflanzenvarianten dramatisch beschleunigen könnten – besonders natürlich von Varianten, die geeignet sind, sich dem Klimawandel anzupassen. Das Verfahren könnte ebenso wie Pflanzen-„Impfungen” neue Handlungsfelder eröffnen. Diese erhöhen möglicherweise die Widerstandsfähigkeit von Pflanzen gegen Krankheiten und Pathogene und senken den Bedarf an Pestiziden. Die polarisierte Debatte um gentechnisch veränderte Organismen (genetically modified organisms, GMO) zeigt jedoch, dass mit diesen neuen Technologien verbundene potenzielle Risiken sorgfältig benannt und bewertet werden müssen. Bedenken aller Beteiligten müssen angehört und berücksichtigt werden. Ein kürzlich in der New York Times veröffentlichter Artikel zeigt, dass die Entwicklung der „zweiten Generation” von genetisch veränderten Lebensmitteln weiter vorangeschritten ist, als vermutlich die meisten Menschen denken.

Es ist an der Zeit, eine Debatte über die verantwortungsvolle Nutzung dieser Technologien anzustoßen. Diese Debatte soll gewährleisten, dass begründete Sorgen nicht zur völligen Ablehnung neuer Technologien eskalieren, die die Entwicklung dringend benötigter Anwendungen verhindert.

Verschwendung von Lebensmitteln besser vermeiden

NIMIRUM
© NIMIRUM

Schätzungsweise ein Drittel des weltweit produzierten Essen geht verloren, bevor es die Konsumenten erreicht. Lebensmittelverschwendung zu verringern wird bedeutsam, weil so die Menge der verfügbaren Nahrungsmittel steigt, mit der eine wachsende Weltbevölkerung ernährt werden kann. Ein gängiges Problem in armen Ländern ist, dass aufgrund schlechter Transportbedingungen und Lagerinfrastruktur ein Teil der Ernte verkommt, bevor sie verarbeitet werden kann. In reichen Ländern wird ein Teil der frischen Ware verschwendet, weil sie ästhetischen Ansprüchen nicht genügt oder andere Anforderungen der Lebensmittelverarbeitung nicht erfüllt. Äpfel mit Druckstellen, verwachsene Gurken and asymmetrische Paprikaschoten werden aussortiert, weil man annimmt, Konsumenten würden „perfekte” Ware bevorzugen. Verarbeitete Ware wirft man weg, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum näher rückt, obwohl sie in den meisten Fällen problemlos noch deutlich länger genießbar gewesen wäre. In einigen Ländern beginnen Gesetzgeber und Handelsketten, gegen die Lebensmittelverschwendung vorzugehen. Eine kanadische Supermarktkette beispielsweise führte eine neue Handelsmarke für „natürlich nicht perfekte” Ware zu einem reduzierten Preis ein. In Deutschland sammeln Organisationen der Zivilgesellschaft wie die „Lebensmittelretter” Lebensmittel von Haushalten ein, um sie an Bedürftige weiterzureichen. Die Logistik- und Verpackungsbranche sucht nach Wegen, um die Aufenthaltsdauer von Produkten im Regal zu verlängern und Transportzeiten und -wege zu verringern. Eingedenk der verschiedenartigen Belastungen in der Landwirtschaft und deren Beitrag zum Klimawandel sollten abgestimmte Anstrengungen zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung zu den höchsten Prioritäten gehören.

Nahrung produzieren ohne Böden

Städtische Konsumenten verlangen immer mehr nach regional produzierten, frischen Lebensmitteln, die für sie zu einem umweltorientierten Lebensstil gehören. Diese Nachfrage führt zu verstärkter Forschung und Entwicklung im Bereich erde- und wasserlose Produktionssysteme, die keine Böden erfordern und nur einen minimalen Oberflächen-„Fingerabdruck” hinterlassen. In erdelosen Systemen werden Nährstoffe durch ein geschlossenes Bewässerungssystem direkt zu den Wurzeln der Pflanzen geführt. Wasserlose Systeme sind integrierte Lösungen aus Pflanzen- und Fischproduktion, in denen Fischkot Nährstoffe für Pflanzen liefert, die ihrerseits das Wasser filtern, in dem die Fische gezüchtet werden. Verbindung zum Internet und der Gebrauch von effizienten LED-Lampen beschleunigen die Entwicklung vollautomatischer und veränderbarer Systeme, die in Häusern und Wohnungen, auf Dächern oder an begrünten Außenwänden Anwendung finden.

Mehr und mehr Architekten experimentieren mit Strukturen, die vertikale oder „hängende“ Gärten ermöglichen und so ein grünes Umfeld, Kühlung und frisches Gemüse und Obst liefern. Verschiedene Unternehmen entwickeln erdelose Systeme, die in Containern zur Produktion von Frischware im Einzelhandel untergebracht werden können. Dieselben Containersysteme können verwendet werden, um den Nahrungsanbau in entfernten Gegenden zu betreiben. Während sich derartige Technologien noch in ihren Anfängen befinden, können sie einen neuen Typus hochspezialisierter Nahrungsproduktion mit geringen negativen Auswirkungen hervorbringen. Solche Systeme werden innerhalb oder in der Nähe von Ballungsräumen angesiedelt, die den Zugang und die Qualität von Essen für städtische Konsumenten verbessern.

Zusammenfassung

Die Zukunft des Essens wird in den nächsten Jahren im Mittelpunkt einer weitreichenden gesellschaftlichen Debatte stehen. Landwirte, Forscher, Nahrungsmittelhersteller und Verbraucher auf der ganzen Welt entwickeln neue Lösungen im Kontext von Klimawandel und Bevölkerungswachstum. Entscheider in Unternehmen müssen sich mit den Positionen eines breiten Feldes von Interessengruppen aktiv auseinandersetzen. Wer das gezielt tut, verschafft sich einen Vorteil auf dem Weg in Richtung nachhaltige Ernährungsmodelle.

Autor: Stefan Jungcurt forscht und schreibt zur Wissenschaft, Politik und Praxis globaler Umweltentscheidungen. Er arbeitet als Experte für Biodiversität, Landwirtschaft und Ernährungssicherheit für den SDG Knowledge Hub, das Earth Negotiations Bulletin und andere Projekte des International Institute for Sustainable Development (IISD). Jungcurt ist zudem als wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Council of Canadian Academies tätig, ein unabhängiges wissenschaftliches Beratungsgremium in Kanada. Er hat an der Humboldt-Universität zu Berlin in Agrarwissenschaften promoviert und lebt in Ottawa.

Der Artikel erscheint als #themenboost #sustainablefood, einer Fokuswoche von Nimirum. Alle Informationen dazu gibt es hier.

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Quelle   life PR 2017 | NIMIRUM 2017 | Stefan Jungcurt 2017

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