Ad

Anzeige

Zurück zur Übersicht

20.07.2015

Mit PET-Flaschen Zukunft gestalten?

Andreas Hellmann plant, in Kenia eine Fabrik zu bauen, in der Kunststoff-Müll eingeschmolzen und, vermischt mit zermahlenen Reststoffen aus der Landwirtschaft, zu einem neuen Werkstoff geformt wird. Weiterverarbeitet zu Brettern, Balken oder Pfählen soll so kostbares Holz als Baumaterial ersetzt werden.

Wenn Hellmann die Vorteile seines Projekts aufzählt, ist seine Begeisterung deutlich zu spüren: Das Land wird von den überall herumliegenden PET-Flaschen und Plastiktüten befreit; das waldarme Kenia muss weniger Holz importieren; arme Bauern verdienen ein Zubrot, indem sie bisher nicht verwendete Abfälle wie Reishülsen, Maisspindeln, Zuckerrohrfasern verkaufen können; die Fabrik schafft Arbeits- und Ausbildungsplätze; Häuser und Zäune, die mit dem Werkstoff gebaut werden sollen, sind deutlich stabiler als Holzkonstruktionen, da keine Termiten an ihnen nagen. Zäune übrigens sind in Kenia ein riesiges Thema: Jeder Bauer muss seine Felder einzäunen, sonst verliert er die Ernte an menschliche oder tierische Räuber.

Für dieses Kenia-Projekt bekam Hellmann den ersten Preis beim Elevator Pitch des Fraunhofer-Symposiums „Netzwert“ 2015. 25.000 Euro Preisgeld stehen ihm nun als Startkapital zur Verfügung. Damit will er ein Social Business gründen, also ein Unternehmen, das nicht nur ökonomisch funktioniert, sondern soziale und ökologische Ziele verfolgt.

Weil Kunststoffe für die Umwelt problematisch sind, interessierte Andreas Hellmann sich schon als Student der Kunststoff- und Werkstofftechnik schnell für das Thema nachwachsende Rohstoffe und gelangte so zum Fraunhofer-Institut für Holzforschung WKI in Braunschweig, denn das Wilhelm-Klauditz-Institut ist spezialisiert auf Verfahrensprozesse für Holz- und Faserwerkstoffe, Umweltforschung und Recycling. Dort wird seit Langem an „holzgefüllten Kunststoffen“ geforscht. Dieses sogenannte WPC (Wood Plastic Composite), ein Material, das, wie ein Kuchenteig, aus verschiedenen Rezepturbestandteilen besteht, war fortan Hellmanns Steckenpferd: Mit bis zu 70 Prozent Naturfaseranteil wird es dann nur noch zu 30 Prozent aus Kunststoff hergestellt. Denn je mehr Kunststoffe man durch nachwachsende Rohstoffe ersetzen kann, desto besser.

Und wie kam er auf die Idee mit Kenia?

Zunächst war er neugierig auf das Land mit seiner weiten Natur und seiner berühmten Tierwelt, zudem wollte er ein Waisenhaus besuchen, dass ein Freund 1999 in Kitale gegründet hatte. Kaum war er 2012 in Kenia gelandet, lernte er das „echte Afrika jenseits von Safari“ kennen und sah mit den Augen des Kunststoffwissenschaftlers den überall wild entsorgten Plastikmüll als wertvolle Ressource, mit den Augen eines überzeugten Christen, dass hier Hoffnung und Lebensperspektiven für die Menschen entstehen können und mit den Augen des Naturliebhabers, dass die wenigen noch intakten Wälder geschont werden könnten. Schnell fügten sich in seinem Kopf die Puzzleteile zum Bild zusammen. Die Waisen und Straßenkinder übrigens, denen sein Freund eine neue Heimat gegeben hatte, sind in sein Projekt ebenfalls mit eingebunden. Für sie, die nun langsam erwachsen werden, will er in seiner Fabrik Ausbildungsplätze schaffen, um sie in Lohn und Brot zu bringen.

Mittlerweile ist die Suche nach einem Grundstück in Kenia in vollem Gange. Außerdem gilt es, die vielen Formalitäten zur Firmengründung und zum Bau der Fabrikgebäude zu erledigen. Und weil in Afrika die Uhren deutlich langsamer gehen als in Deutschland, braucht das alles viel Geduld. „Was bei uns oft nur einen Tag dauert, kann dort schon mal Monate brauchen.“ Hellmann klingt nicht genervt, wenn er das sagt, er nimmt es hin. Und freut sich schon auf seinen nächsten Kenia-Aufenthalt im Herbst und seine schwarzen Freunde.

Fraunhofer wird seine Fabrik in Kenia mit einer Anschubfinanzierung unterstützen. Das ist zwar ein großartiger Anfang, reicht aber bei weitem noch nicht aus, um den Bau und die notwendigen Maschinen zu bezahlen. Hellmann braucht für sein Social Business noch weitere Unterstützer und Geldgeber. Deshalb spricht er mit NGOs, mit Stiftungen und Entwicklungshilfe-Organisationen wie der GIZ, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Auch zur UN hat er mittlerweile Kontakte.

Mitten im Gespräch über Business-Pläne und Geldsuche fällt ein vielleicht entscheidender Satz: „Ich bin gerechtigkeitsvernarrt!“ Und er meint damit Gerechtigkeit sowohl gegenüber Menschen als auch gegenüber Tieren und Umwelt. Er schiebt noch nach: „Schwächere nicht zu dominieren, sondern ihnen zu helfen, das ist mein Ziel“. Gerade angesichts der dramatischen Vorgänge auf den Schlepperbooten im Mittelmeer ist er überzeugt, dass es auf die Dauer nur hilft, vor Ort die Lage der Menschen so zu verbessern, dass sie nicht mehr fliehen müssen. Und: „Entwicklungsprojekte sind nur nachhaltig, wenn die Menschen miteinbezogen werden und man ihnen Verantwortung überträgt.“ Auf die Politik hofft er dabei kaum noch, er zählt sich eher zu den Politikverdrossenen, die lieber selbst aktiv werden.

Schaut man sein Projekt an, für das er sich mit Haut und Haaren verschrieben hat, dann spürt man, dass das keine hohlen Phrasen sind. Andreas Hellmann hat eine Idee entwickelt, die diesem Ziel sehr nahe kommt. Und er ist guten Mutes, dass in einem Jahr der Grundstein liegt.

Wer das Projekt auch als Privatperson unterstützen möchte, kann beim crowdfunding mitmachen: www.the-growing-seed.org


Zurück zur Übersicht

Quelle   Ilona Jerger 2015 | www.beschreiber.de | www.magda.de

Das könnte sie auch interessieren