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:: Stirbt die Artenvielfalt? Was muss die Politik – was kann jeder Einzelne tun? 7/8

Zerstörerische ökonomische Aktivitäten werden von der Politik in fast allen Ländern der Welt noch immer hoch subventioniert. Zum Beispiel der Flächenverbrauch: Allein in Deutschland gehen pro Tag rund 100 Hektar Fläche verloren. Auf ihnen entstehen Siedlungen, Verkehrswege und Gewerbegebiete.

Täglich wird also die Fläche von mehr als zwei durchschnittlichen deutschen Bauernhöfen asphaltiert oder zubetoniert. Kein Raum mehr für Natur, für biologische Vielfalt.

 

Dieser Flächenverbrauch wird hoch subventioniert. Keine Straße wird ohne staatliche Zuschüsse gebaut, kein Flughafen ohne staatliches Geld erweitert, Siedlungen und Gewerbegebiete sind oft über öffentliche Kassen mit finanziert. Mobilität zählt zu den besonders hoch subventionierten Bereichen deutscher und europäischer Politik – und gleichzeitig zu den zentralen Problemfeldern, die die natürlichen Lebensgrundlagen zerstören. Versucht man, die Umweltschäden zu berechnen und in eine Beziehung zu bringen mit den Benzinkosten, dann müssten auf jeden Liter weitere 37 Cent aufgeschlagen werden.

 

Das wäre der nachhaltige Tribut für Klimawandel, Naturzerstörung und Lärmbelastung. Die aktuelle Ökosteuer beträgt dagegen gerademal 15 Cent. Weitere kritische Bereiche sind Landwirtschaft, Fischerei, Forstwirtschaft, Gewässerbewirtschaftung, Wohnungsbau und Wirtschaftsförderung.

 

Wird dieser Trend nicht gestoppt, dann werden die nächsten 25 Jahre besonders verlustreich für die biologische Vielfalt auf nationaler und internationaler Ebene. Durch Klimawandel und die Zerstörung von Lebensräumen droht weltweit die Ausrottung von 1,5 Millionen Tier- und Pflanzenarten – dies wäre ein ökonomischer Verlust je nach Schätzung von 16 bis 64 Billionen Euro, was einen weitaus größeren Wert als das jährliche Weltsozialprodukt darstellt. Ein intensives Durchforsten der bestehenden Subventionsrichtlinien kann zumindest dafür sorgen, dass die Zerstörung der Erde nicht noch mit öffentlichen Geldern finanziert wird. Mindestens die Hälfte aller Subventionen müsste gestoppt werden – in einigen Bereichen wie zum Beispiel dem Agrarsektor sind es weit mehr.

 

„Es ist Zeit, das Geld unserer Volkswirtschaften verantwortungsbewusst einzusetzen“, so Dr. Helmut Röscheisen, Generalsekretär des Deutschen Naturschutzringes, dem Dachverband der Umweltverbände. „Wird das Subventionssystem durchforstet und zusammen gestrichen, dann lohnen sich viele natur-  und umweltschädliche Investitionen nicht mehr. Damit würde nicht nur heute Geld gespart, dies wäre auch langfristig eine gute Investition in die Zukunft Deutschlands und der Welt.“ Staaten wie Indien bemühen sich bereits zumindest teilweise um einen entsprechenden Subventionsabbau. Gemeinsam kann die Weltgemeinschaft hier viel erreichen – und dabei Milliarden zusätzlicher Euros zum Wohle der Menschen und der Natur einsetzen.

 

Die Bundesregierung hat den Wert – auch den ökonomischen Wert – der Artenvielfalt erkannt. Umweltstaatssekretär Michael Müller im Vorfeld der Bonner Konferenz: „Eine intakte Natur spart Kosten, nützt der Wirtschaft und bietet Unternehmen einmalige Chancen.“

 

Unstrittig ist, dass

  • eine intakte Natur Arbeitsplätze sichert und zwar nicht nur in Erholungsgebieten;
  • viele technische Neuerungen auf Vorbildern der Natur basieren, zum Beispiel das Fliegen;
  • Natur in 50 % unserer Arzneimittel ist, als Heilpflanzen oder in Form von Inhaltsstoffen;
  • unser gesamtes Wirtschaften von den Leistungen der Ökosysteme abhängt;
  • die globalisierte Wirtschaft deshalb stärker als bisher in die Verantwortung für den Erhalt der Natur und Artenvielfalt einbezogen werden muss.

Es gibt viele Beispiele dafür, dass Unternehmen, die besonders sorgsam mit der Natur umgehen, ihre Marktposition verbessern. Biologische Nahrungsmittel, Naturkosmetika wie Weleda, ethisch verantwortliche Kapitalanlagen oder Naturchemiefabriken wie AURO, die ihre Produkte ausschließlich aus Pflanzen produzieren, behaupten sich erfolgreich am Markt. Beim Biokosmetik-Unternehmen Weleda in Schwäbisch Hall kann man zum Beispiel erfahren: Seit auch Hollywoodstars Lust auf Naturkosmetik haben, laufen die Geschäfte noch besser, weil immer mehr Verbraucher nach den wohlduftenden Ölen fragen. Auch Sportler massieren sich immer öfter ihre Beine mit Arnica Montana – schon Goethe hat sich mit Arnikatee von einer Herzschwäche erholt.

 

Die Firma Weleda beschäftigt 2008 über 800 Mitarbeiter. Zurzeit blühen auf der Schwäbischen Alb noch 250 Arnikasorten, doch auch die Arnika steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.

 

Theoretisch sind sich die Staaten einig – schließlich haben 190 Regierungen die Konvention über die biologische Vielfalt schon 1992 unterschrieben. Alle wollen angeblich die Lebensgrundlagen auf unserem Planeten erhalten. Aber gleichzeitig werden Hunderte Milliarden Euro in die Zerstörung der Lebensvielfalt. Wir nennen uns alle selbst „Homo sapiens“, doch in Wirklichkeit sind wir Homo Dummkopf. Keine Tier- oder Pflanzenart betreibt seine eigene Auslöschung – aber wir Menschen tun es, meist noch mit bestem Gewissen.

 

Wir bauen eine zweite Arche Noah

Wir wissen zwar, was wir tun, aber wir tun nicht, was wir wissen. In ihrer Verzweiflung baut die Menschheit mal wieder eine „Arche Noah“. Das moderne Rettungsschiff ist auf minus 18 Grad gekühlt und liegt unter der Erde. Der weltgrößte Tresor für Pflanzensamen im norwegischen Spitzbergen soll möglichst viele Pflanzenarten vor dem Aussterben schützen und für unsere Nachkommen aufbewahren. Seit Februar 2008 sind hier nicht nur Proben von bedrohten exotischen Arten eingelagert, sondern auch ein breites Sortiment an weltweit verbreiteten Nutzpflanzen wie Reis, Kartoffeln, Linsen oder Weizen. Neben dieser Riesen-Arche gibt es auf der Erde bereits rund 1.400 nationale Lagerstätten für Samenkörner, die dort bis zu tausend Jahre überstehen können. Doch warum dieser Aufwand? Ist die weltweite Artenvielfalt tatsächlich derart akut bedroht?

 

Nur ein möglichst großer Pool an Tier- und Pflanzenarten erlaubt es der Landwirtschaft, sich auch künftig optimal an klimatische und andere Veränderungen anzupassen. Außerdem sind Betriebe mit einer möglichst großen Artenvielfalt weniger anfällig gegen Krankheiten, Schädlinge oder Viren. BSE und Schweinepest haben gezeigt, wie brutal die Folgen von Monokulturen sein können. Die Artenvielfalt ist der eigentliche Reichtum unseres Planeten.

 

Ein Landwirt, der verschiedene Kulturpflanzen produziert und mit mehreren Nutztieren arbeitet, verfügt über mehrere Standbeine, auch wenn einmal ein Produkt ausfallen sollte.

 

Im Nordosten Südamerikas wird zum Beispiel die Artenvielfalt des Regenwaldes zerstört, um riesige Plantagen für Soja als Nahrung und Futtermittel und Zuckerrohr für Biokraftstoffe anzubauen. Tausende verschiedene Tier- und Pflanzenarten werden vernichtet, um wenige Monokulturen intensiv zu nutzen. Doch nach nur fünf bis sieben Jahren ist der Boden ausgelaugt und für Jahrzehnte unfruchtbar.

 

Neben dem biologischen Schaden entsteht auch ein kultureller: denn mit jeder Pflanzen- und Tierart, die ausstirbt, geht auch das traditionelle Wissen darüber verloren – und damit auch ein Stück Kultur.

 

Wir haben in dieser Serie gesehen, dass bis Ende dieses Jahrhunderts ein Drittel bis die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten aussterben könnten.

 

Was also ist zu tun? Es gibt genug Entwicklungen, aber noch mehr Widerstände gegen die gutgemeinten Empfehlungen. Der Hauptgegner der Artenvielfalt ist das große Kapital:

  • Die Weltbank vergibt oft die falschen, artenzerstörenden Kredite.
  • Die Europäische Union subventioniert nach wie vor eine landschafts-, boden- und artenzerstörende Landwirtschaft.
  • Die heranwachsenden Riesen China und Indien machen viele Fehler der alten Industriestaaten einfach nach. Zum Beispiel in der Energiepolitik.
  • Aber auch die armen Länder streben nach „Wachstum“ und zerstören Natur und Artenvielfalt.

Kredite der Weltbank und Entwicklungshilfegelder müssen künftig nicht nur nach sozialen, sondern auch nach ökologischen Kriterien vergeben werden. Kriterien dafür sind:

  • Die Natur darf nicht länger grenzenlos ausgebeutet werden.
  • Der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen wird bevorzugt finanziell unterstützt.
  • Die reichen Länder dürfen ihren Müll und Abfall nicht länger in Dritte-Welt-Ländern „entsorgen“, weil es dort „billiger“ ist.
  • Die Welt braucht eine globale Umweltpartnerschaft.
  • Der klassische Tourismus muss naturverträglich weiterentwickelt werden.
  • Jeder Tourist kann sich so verhalten, dass Natur und Artenvielfalt möglichst wenig zerstört werden.
  • So wie gutes Essen seinen Preis hat, müssen wir Abschied nehmen vom Billigflieger-Tourismus.
  • Beim Einkaufen regionale Produkte bevorzugen, hilft der Umwelt und dem Artenschutz.
  • Jeder kann Naturschutzorganisationen in ihrem Bemühen um die Artenvielfalt unterstützen – zum Beispiel Greenpeace, Eurosolar, den WWF, den NABU, den BUND. Ökologisches Engagement wird so wichtig wie soziales Engagement
  • Artenvielfalt beginnt im eigenen Garten mit möglichst wenig Kunstdünger.

Kein Mensch weiß, wie viele Millionen Arten es gibt. Und kein Mensch wird je genau wissen, wie viele Arten die Erde "braucht".

 

Es weiß aber auch niemand von uns, welche Arten „entbehrlich“ sind. Wir sind verantwortlich für das, was wir hätten bewahren können.

 

Im Laufe der Evolution gab es bereits sechsmal ein großes Artensterben. Zum letzten Mal vor 65 Millionen Jahren, als die Dinosaurier ausstarben. Alle sechs großen Artensterben waren kosmisch bedingt. Als mit den Dinosauriern etwa 90 % aller Arten ausstarben, waren mehrere Meteoriten-Einschläge auf der Erde die Ursache des großen Sterbens. Doch diesmal, beim siebten großen Artensterben, ist eindeutig der Mensch und sein gegen die Natur gerichtetes Verhalten die Ursache. Deshalb haben wir auch noch die Chance, die ganz große Katastrophe zu verhindern.

 

Die biblische Arche Noah hat einst bewirkt, dass das Leben am Leben bleibt – die künstliche Arche Noah in Spitzbergen ist freilich keine Garantie dafür, dass auch nach uns das Leben noch eine Überlebenschance hat. Verantwortlich dafür sind wir alle.

 

Teil 8: Das neue Zeitalter des Naturschutzes

Quelle:

Franz Alt 2008

Erstveröffentlichung "tz" München 2008

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