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:: Raubbau der Meere: Gefangen im Mahlstrom des Mülls
Von den weltweit im Jahr produzierten 125 Millionen Tonnen Kunststoff landet ein beträchtlicher Teil im Meer. Nach Schätzungen der UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) kommen heute auf einen Quadratkilometer Ozean 18 000 Teile Plastikmüll. Ein Bericht von Ulrich Karlowski
"At first I could not make out what he meant - but soon a hideous thought flashed upon me. I dragged my watch from its fob. It was not going. I glanced as its face by the moonlight, and then burst into tears as I flung it far away into the ocean. It had run down at seven o'clock! We were behind the time of the slack, and the whirl of the Strom was in full fury!", Edgar Allen Poe würde heute wohl eher über einen „Sturz in den Müllstrom" denn von einem in einen Mahlstrom erzählen. Denn die Meere drohen an dem, was bei der Zivilisation hinten heraus kommt, zu ersticken.
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Von den weltweit im Jahr produzierten 125 Millionen Tonnen Kunststoff landet ein beträchtlicher Teil im Meer. Nach Schätzungen der UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) kommen heute auf einen Quadratkilometer Ozean 18 000 Teile Plastikmüll. Doch die kostenfreie Deponie Ozean bietet Platz für viel mehr: Chemikalien, verdrecktes Ballastwasser aus Schiffstanks, radioaktive Abfälle, Hausmüll jeglicher Art, ungeklärte Abwässer aus Städten und Industrieanlagen, Netzreste und Alt-Munition bis hin zu kompletten Kernreaktoren der maroden russischen U-Bootflotte – die Weltmeere verwandeln sich zunehmend in eine gigantische Mülldeponie, deren Hauptanteil aus Plastik besteht.
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Viele Meerestiere fressen die oft giftigen Teile der Müllstücke, weil sie sie für Beute halten. Auch besteht die ständige Gefahr, dass Meerestiere sich im Müll verheddern oder selbst zu Tode strangulieren. Nach Auskunft von Kristina Gjerde von der IUCN sterben jährlich eine Million Seevögel, 100 000 Meeressäuger und unzählige Fische an Plastikmüll. Seehunde bleiben in Getränkekästen stecken, Fische und Delfine verheddern sich in herumtreibenden herrenlosen Geisternetzen, Seevögel strangulieren sich in Getränke-Plastikträgern und Meeresschildkröten verhungern mit vollem Bauch, weil sie umhertreibende Plastiktüten fressen, die sie mit ihrer eigentlichen Nahrung, Quallen, verwechseln.
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Die größte Meeres-Mülldeponie ist so groß wie Zentraleuropa
Nach Angaben der Joint Group of Experts on the Scientific Aspects of Marine Protection der UNO (GESAMP) stammen 80 Prozent des Mülls im Meer vom Festland, der Rest kommt von Schiffen. Während etwa 70 Prozent auf den Meeresboden sinken, folgt der Rest den Meeresströmungen und sammelt sich in teilweise gigantischen Müll-Mahlströmen im so genannten Gebiet der Äquatorialen Konvergenzzone, einer wenige hundert Kilometer breiten, den Erdball umspannenden Tiefdruckrinne in der Nähe des Äquators. Der mit Abstand größte Müll-Mahlstrom befindet sich im Pazifik, zwischen der Westküste der USA und Hawaii. Dort herrscht ein riesiges Hochdruckgebiet, das einen gewaltigen Meeresstrudel erzeugt. Die dort im Uhrzeigersinn zirkulierende Mülldeponie ist mittlerweile so groß wie Zentraleuropa.
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Müll wandert lange und langsam
Abfall von der nordamerikanischen Küste braucht etwa fünf Jahre, bis er im pazifischen Monster-Müllstrom landet. Dort kann er bis zu 16 Jahre zirkulieren, bis er schließlich an die Peripherie gelangt und an die Strände von Hawaii gespült wird. Gegenüber der normalerweise recht aggressiven und materialfeindlichen Kombination aus Salzwasser und intensiver UV-Strahlung erweist sich der Wohlstandsdreck als überraschend resistent und langlebig. Plastik verrottet extrem langsam, Metalle brauchen Jahrzehnte bis sie sich im Meerwasser auflösen, bei manchen Kunststoffsorten dauert es Jahrhunderte. Dabei haben wir noch Glück, dass Plastik erst relativ spät erfunden wurde, hätten bereits die Konquistadoren Plastiktüten zur Aufbewahrung von Lebensmitteln und anderem verwendet, die Reste würden sich noch heute an den Stränden finden.
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Kunststoff: Magnet für toxische Stoffe
Und es kommt noch ärger: Im März 2008 veröffentlichte der Meeresbiologe Richard Thompson von der University of Plymouth eine Studie über den Zerkleinerungsprozess von Plastikabfällen im Meer und wie marine Kleinstlebewesen auf das zu winzigkleinen Kügelchen zermahlene Plastik reagieren. Vom Ergebnis zeigten sich Experten schockiert, die Kunststoffpartikel akkumulieren im Meerwasser befindliche hochgiftige Substanzen wie das Insektizid DDT oder die berüchtigten, krebsauslösenden polychlorierten Biphenyle (PCB) und verursachen, die marinen Nahrungsnetze durchsetzend, aufsteigend bei Kleinstlebewesen wie Plankton immer höhere Giftkonzentrationen. Bereits bei Kleinstlebewesen ist die Konzentration der Gifte tausendfach höher als im Meereswasser.
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Thompson bringt es auf den Punkt: Die Kunststoffteilchen im Meer wirken auf Toxine wie Magnete. Untersuchungen an Stränden zeigten, dass auf mikroskopischem Niveau der Verschmutzungsgrad durch Kunststoffe viel ausgeprägter ist, als bisher angenommen. In Sandproben machen die Abfallpartikel bis zu einem Viertel des gesamten Gewichts aus. Dramatisch daran ist, dass Kunststoffteilchen praktisch in allen Kontinenten der Erde gefunden wurden.
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Tödliche Nahrung
"Das Schlimme an dem Kunststoffabfall ist seine Stabilität", sagt Matt Brown von der Midway-Station des US Fish and Wildlife Service. Das durch die Flugzeugträgerschlacht um Midway im Zweiten Weltkrieg zu Berühmtheit gelangte kleine Atoll ist mittlerweile ein geschütztes und bedeutendes Vogelparadies. Zahlreiche seltene Arten nisten hier, darunter mehr als zwei Millionen Albatrosse. Doch immer häufiger finden Forscher verendete Albatrosjunge. Die Mägen der toten Vögel sind mit Plastikabfällen gefüllt, die die Eltern versehentlich verfüttertet hatten, da sie sie für Nahrung hielten. Mittlerweile soll etwa ein Drittel des Albatros-Nachwuchses durch Plastik-Fehlfütterungen sterben. Die Schlacht um Midway ist noch lange nicht zu Ende.
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Auch die Nordsee ist extrem belastet
Doch man braucht nicht in die Ferne schweifen, auch unsere Küsten entkommen dem Müll nicht. Nach Aussagen von den Experten des Forschungs- und Technologiezentrums Westküste der Uni Kiel ist die Nordsee als eines der weltweit am meisten vermüllten Meere, besonders stark betroffen ist die Westküste. Untersuchungen vor der schwedischen Westküste ergaben, dass es im Meerwasser von mikroskopischen Plastikteilchen nur so wimmelt. Zwischen 200 und 100 000 solcher Teilchen pro Kubikmeter Meerwasser fanden sich bei Stichproben.
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Endstation: Mensch
Irgendwann landet der ganze Dreck dann wieder bei seinen Verursachern. So gerät der Verzehr von Fisch-, Robben-, Wal- oder Delfinfleisch oder von Meeresfrüchten immer mehr zum russischen Roulette mit Umweltgiften. Fressen und gefressen werden, das ewige Grundgesetz allen Lebens, führt zum Weitertransport der Giftstoffe über die Nahrungskette in immer höheren Konzentrationen. So stellte die japanische Supermarktkette Okuwa Ende Dezember 2006 notgedrungen den Verkauf des in Japan noch immer beliebten Fleisches von Delfinen ein. Mehrere Analysen von Delfinfleischproben ergaben eine 14fach höhere Quecksilberbelastung als zugelassen.
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Keine Lösung, nirgendwo
Es gibt zwar Vereinbarungen, mit denen das Müllproblem im Meer gebändigt werden soll, wie die Internationale Konvention zur Vorbeugung der Meeresverschmutzung durch Schiffe (MARPOL). Doch die hohe See ist ein unkontrollierter, rechtsfreier Raum. Die illegale Entsorgung von Müll bekommt man mit den bestehenden Regelungen nicht in den Griff. Da der weitaus meiste Müll vom Festland stammt, liegt hier die Lösung des Problems. Neben strengeren Regeln und harten Strafen fordern Meeresschützer ein Umdenken in der Müllpolitik und ein Umschwenken auf biologisch abbaubare Stoffe.
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Das Meer wird uns die Rechnung präsentieren und sie auf seine Art begleichen, langsam, unerbittlich und gnadenlos.
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