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:: 4:2 gegen die Nachhaltigkeit

Kurze Zwischenbilanz im Kulturkampf: Was fühlt der Mainstream und gibt es ihn überhaupt noch? Bei einem Vortrag letzte Woche in Berlin habe ich versucht einem internationalen Publikum zu beschreiben, wie es in Sachen Nachhaltigkeit in Deutschland steht. Und zwar nicht politisch, sondern gefühlsmäßig. Fazit: immer noch 4:2 für die Anti-Nachhaltigkeitslobby. Und das hat viele Ausländer überrascht, die dachten die Deutschen seien doch irgendwie „crazy green“. Wie Martin Tillich auf Utopia zu recht analysiert hat, feiert im Moment eher das Öko-Bashing ein Comeback. Das zeigt: die heiße Phase im Kulturkampf um ökologisch-soziale Herzen hat erst begonnen. Kolumne von Martin Unfried

Wie komme ich auf 4:2?

In Sachen Atom ist das einfach: die gesamtgesellschaftliche Emotion war nach Fukushima so überdeutlich, dass Angela Merkel aussteigen musste. Atom ist in Deutschland uncool (0:1). Dagegen helfen selbst keine Horrorbilder von Kosten und Stromausfall, die überlebende Atommummies immer wieder kommunizierten. Deutschland hat sich hier eher dem Mutterland der Atomabneigung angenähert. Dies ist bekanntlich Austria, wo die Bevölkerung beim Gedanken an tschechische und bayerische Reaktoren seit Jahren Hitzewallungen bekommt.

 

Eine weitere recht positive Gefühlslage habe ich für Biolebensmittel festgestellt

Die ehemals exotische Vorliebe bärtiger Sandalenträger ist insbesondere auch bei gutverdienenden Meinungsmachern populär geworden. So richtig gegen Biolebensmittel ist niemand mehr (0:2). Auch Vegetarier sind nicht mehr skurril, sondern okay. Allerdings ist auch die Bratwurst immer noch sehr wichtig. So führt auch anders als erwartet die Akzeptanz von Bio nicht wirklich zu einem massiven Ausstieg aus der konventionellen Landwirtschaft.

 

94% der Anbaufläche in Deutschland ist immer noch konventionell

Die Schweine stapeln sich in Niedersachsen (1:2). Der Bioanteil steigt zwar, betrug am Umsatz aller Lebensmittel Ende des Jahrzehnts immer noch unter 4 Prozent. Die Zahl hat mich erschüttert. In Dänemark ist es fast doppelt so viel. Dies zeigt wiederum, dass Konsumentengefühle das eine sind, intelligente Politik das andere.

 

Wie steht es in Sachen Energiewende und „not in my backyard“?

Da würde ich sagen eher unentschieden. In Süddeutschland nimmt die Akzeptanz für Windparks zu und die Energiegenossenschaften boomen. In anderen Gegenden, wo schon viele Mühlen stehen, wird es schwieriger.

 

Auch scheint in den Medien Solarbashing beliebt, und auch darum funktionierte das Abwürgen der Photovoltaik durch die Regierung (2:2). Ob das allerdings vom Mainstream gemocht wird, bleibt offen. Insgesamt haben natürlich angesichts einer Million privater PV-Anlagen die solaren Vibrations schwer zugenommen. Das wird noch für die Gegner der Erneuerbaren ein Problem.

 

Bleiben die 40 Millionen Autos

Forscher sehen eine neue urbane Generation, die die Lust am Auto verloren habe. Mhm... Da bin ich skeptisch. Der Verkauf von SUVs steigt wieder (3:2). Große Dienstlimousinen werden immer noch staatlich gefördert. Eine rationale Haltung zum Produkt ist immer noch marginal.

 

Der Punkt geht trotz Elektrogequatsche voll an die Brumm-brumm Fraktion. Die deutschen Autokonzerne verdienen gut wie nie, doch niemand fordert den Subventionsstopp (Dienstwagenbesteuerung, Entfernungspauschale), eher neue Hilfen wegen Benzinpreisen. Auch ist Rasen immer noch gesellschaftsfähig (4:2) (Schneller fahren schadet der Gesundheit). Ob es auch Mainstream ist?

 

Da muss ich mal die Leute vom Sinus Institut fragen, die die deutschen Milieus beobachten. Nach deren Aufteilung Deutschlands in 10 verschiedene Stämme scheint allerdings fraglich, ob es überhaupt noch einen Mainstream gibt. Die Gesellschaft löst sich auf in Kleingruppen. Das sozial-ökologische Milieu kommt dabei nur auf einen Anteil von 7,2%. Darüber können sich die Hedonisten sicher amüsieren, die mit 15% mehr als doppelt so groß sind. Ich muss mich wohl mehr um die Hedonisten kümmern.

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