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So möchte sich der US-Bundesstaat präsentieren, aber leider ist vieles vor allem zwischen der Atchafalaya Bay (Mitte unten) und der Mündung des Mississippi (rechts unten) schon versunken. Zum Vergrößern anklicken.
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:: "Jedes Jahr ein Sylt kleiner"

Amerikas unbekannte Umweltkatastrophe - Teil I
Bericht von Craig Morris
Wo findet die größte Umweltkatastrophe der Welt statt? Im kahlgeschlagenen Urwald Brasiliens - oder im Urwald weltweit, wo alle zwei Sekunden  die Fläche eines Fußballsfelds (1) kahlgeschlagen wird? In den Sandstürmen Chinas - oder am chinesischen Drei-Schluchten-Staudamm (2)? Am  ausgetrockneten Aralsee (3)? Oder ist es gar die globale Erderwärmung? Wenn Ihnen der US-Bundesstaat Louisiana nicht eingefallen ist, machen Sie sich nichts daraus - die Katastrophe dort ist den Amerikanern auch nicht bekannt.
 
Dort verschwindet zwar nicht ein Fußballfeld Sumpf alle 2 Sekunden, aber immerhin versinkt die entsprechende Fläche alle 15 Minuten in den Golf von Mexiko. Das Weiße Haus weiß aber bestens Bescheid, schließlich ist Vizepräsident Dick Cheney der ehemalige Geschäftsführer von Halliburton. Steht man am Port Fourchon, sieht man unter anderen Anlagen von Halliburton Production Enhancement.
 
Port Fourchon ist der Nabel zum Festland für die vielen Offshore-Plattformen im Golf von Mexiko. Der Hafen kann auch Supertanker bedienen. Mehr als ein Viertel der US-Ölproduktion wird an diesem einen Hafen abgewickelt. Außerdem befinden sich 80% der Offshore-Plattformen in den USA vor der Küste Louisianas und der Großteil von ihnen wird von Port Fourchon aus versorgt.
 
Port Fourchon ist so wichtig, dass ein Szenario im Jahre 2005 (!) in einem fiktiven Dokumentarfilm namens  Oil Storm (4) im US-Fernsehen durchgespielt wurde; der Film zeigt, wie der Ausfall dieses Hafens den Ölpreis in den USA verdoppeln könnte. Wenige Monate später verpasste das Auge von Katrina den Port um weniger als 100 km.
 
Port Fourchon ist weder Stadt noch Dorf, sondern eine reine Industrieanlaufstelle, die mit dem Festland über eine schmale Strasse verbunden ist, die wie die Marschen Louisianas ins Meer versinkt - an Bildern von Strommasten im Wasser bereits von 2003  zu erkennen (5). Fast die ganze Küste, die in den USA verloren geht, versinkt in Louisiana ins Meer. Es ist, so Mike Tidwell in seinem "Bayou Farewell: The Rich Life and Death of Louisiana's Cajun Coast" (2003),  "bei weitem der am schnellsten verschwindende Fleck Erde auf der ganzen Welt": zwischen 25-35 square miles (65-90 km²) jährlich auf einer Küste, die nur wenige Hundert Kilometer lang ist, und das seit Jahrzehnten. Zum Vergleich: Die Nordseeinsel Sylt hat knapp 100 km².
 
1968 war die Katastrophe von einem aus New Orleans stammenden und an der Louisiana State University in Baton Rouge arbeitenden Wissenschaftler namens Galiano entdeckt worden, der noch ganz ohne Satellitenaufnahmen auskommen musste. Weil das Ausmaß so groß war, zweifelten viele alteingesessene Experten an den Befunden des jungen Kollegen, doch innerhalb weniger Jahre stellte sich heraus, dass die Schätzungen Galianos zu knapp ausgefallen waren, denn er schätze den jährlichen Verlust auf 16,5 square miles.
 
Mittlerweile ist das Ausmaß unter Wissenschaftlern und den Einheimischen - den Cajuns und seit 1975 den Vietnamesen, die in den Bayous fischen - bekannt. Wer vor Ort lebt, sieht das Land vor den eigenen Augen versinken: Nicht nur Strommasten stehen unsinnigerweise im Wasser, ganze Wälder stehen abgestorben im Brackwasser, und auf nicht wenigen Friedhöfen ragen nur noch die Spitzen der Gräber aus dem Wasser.
 
Wieso ist die Katastrophe nicht bekannter? Lange galten diese Marschen als nutzloses Hinterland, wo nur Hinterwäldler lebten: die französischsprachigen Cajuns. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ihnen in Schulen das Französisch ausgedroschen. Im Zweiten Weltkrieg dienten sie dem US-Militär in Frankreich als Dolmetscher, aber wer nicht lesen und schreiben und deshalb "nur" dolmetschen konnte, bekam keinen Zuschlag für seine Sprachdienste.
 
Außerdem sind die Marschen Louisianas so riesig - 20% der Feuchtgebiete in den USA und 40% der Salzwiesen -, dass die Verluste zunächst nicht auffielen. Wie Christopher Hallowell in seinem "Holding Back the Sea: The Struggle on the Gulf Coast to Save America" schreibt: Die Menschen in Neuengland protestieren, wenn es um den Erhalt von wenigen Hektar Marsch geht, aber so wenig Marsch fällt in Louisiana gar nicht ins Gewicht, zumal der Fischfang in den letzten Jahrzehnten nicht gelitten hat.
 
Es steht aber viel auf dem Spiel: rund ein Viertel der Meeresfrüchte in den USA stammt aus LA (Lousiana). Hinzu kommt, dass rund ein Viertel der Öl und Gasproduktion durch Louisiana läuft. Was kann überhaupt unternommen werden?
 
 
The Mighty Mississipp'
Vor dem mächtigen Mississippi haben die Amerikaner schon lange großen Respekt. Es kommt nicht von ungefähr, dass kein einziger Deich am Mississippi während des Orkans Katrina im Sommer 2005 brach, während sich alle anderen Deiche und Dämme um New Orleans herum  ausnahmslos als unzureichend (6) erwiesen.
 
Als New Orleans 1718 gegründet wurde, fürchtete man sich vor allem vor Überflutungen vom Fluss aus - schließlich hatte man am Flussufer gebaut. Man baute diesen Schutz immer weiter aus, doch der Mississippi stieg mit hoch: Bereits im 19. Jahrhundert erkannte man, dass der Mississippi sich nicht in ein so enges Korsett zwängen lässt, denn der Pegel im Fluss stieg mit zunehmender Deichhöhe langsam mit hinauf.
 
1927 trat der Mississippi das letzte Mal über die Ufer, allerdings nicht in New Orleans, sondern rund 500 km nördlich davon. Rund 70.000 km² wurden überflutet, eine Fläche so groß wie Bayern, wie John Barry seinem "Rising Tide: The Great Mississippi Flood of 1927 and How It Changed America" beschreibt. (Filmaufnahmen aus der Zeit gibt es  bei PBS (7) und  Archive.org (8)) Damals beschloss man, die Deiche richtig gewaltig zu verstärken, um gar keine Flut mehr zuzulassen - obwohl man seit Jahrzehnten wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Mississippi die neuen Deiche erklommen haben würde.
 
Bis heute hat es der Mississippi allerdings nicht über die Ufer bei New Orleans geschafft, auch wenn er 1993 wieder ein großes Gebiet im Norden verwüstete. Aber ein schlimmer Nebeneffekt macht sich schon lange bei New Orleans bemerkbar. Weit flussabwärts von der Great Flood von 1927 fürchtete die Stadt die Flut, obwohl der Mississippi so viel Wasser schon verloren hatte. Heute glaubt man, dass New Orleans damals nicht überflutet worden wäre, aber damals sah man den Pegel steigen und wollte keine Risiken eingehen: Ein Deich wenige Kilometer flussabwärts von der Stadt wurde gesprengt, um New Orleans auf jeden Fall zu retten.
 
Es interessierte wenige, dass diese künstliche Flut - ein Wasserwall mit der mehrfachen Kraft vom Niagara - einigen Tausenden hinterwäldlerischen Cajuns Hab und Gut kosten würde, selbst wenn diese mit dem Leben davon kamen.
 
Schöner Nebeneffekt: Der Fluss brachte wieder Sediment mit sich und schuf neue Marschgebiete. Es sollte aber bis heute das letzte Mal sein. Seit 1927 darf der Mississippi den Nachschub an Sediment nicht mehr liefern. Die Küste versinkt ins Meer.
 
 
Öl & Gas
Eine weitere Entwicklung hat diese Katastrophe nur noch beschleunigt: Ölfirmen graben seit Jahrzehnten Kanäle durch das Küstengebiet, um Pipelines zu verlegen. Zugegeben: Am Anfang wusste niemand, dass diese Kanäle einen Schaden anrichten würden. Warum sollten sie, schließlich gab es überall in der Marsch so genannte Bayous (Strömungen im Feuchtgebiet) und kleine, offene Teiche. Heute weiß man jedoch, dass sich die Breite dieser geraden, künstlichen Kanäle alle 14 Jahre in etwa verdoppelt. Zunächst kommt Salzwasser rein und tötet den natürlichen Pflanzenbewuchs, der an den neuen Salzgehalt nicht gewohnt ist. Das Wurzelwerk stirbt ab, und der Schlamm sickert zum Meer hinaus. Das Salzwasser frisst sich so immer weiter in die Kanäle hinein.
 
Heute sind sich die Wissenschaftler einig, dass die Öl- und Gasförderung in Louisiana für knapp ein Drittel der Zerstörung an der Küste verantwortlich ist. Zwar sind die Ölfirmen verpflichtet, nach der Förderung diese Gebiete in ihren "ursprünglichen Zustand" zurückzuversetzen, aber was ist das? Diese Marschen waren schon vorher durchlöcherte Feuchtgebiete, wo stinkende Bisamratten (besem ist türkisch für "Geruch", und die Tiere heißen auf englisch "muskrats") und Moskitos sich vermehrten und des Lesens unkundige, französischsprachige Hinterwäldler in Schuppen hausten. Und sowieso: Niemand hatte den Urzustand wissenschaftlich erfasst, in den die Firmen die Sümpfe zurückversetzen sollten.
 
Und so hauen die Ölfirmen einfach ab. Sie hinterlassen nicht selten eine Umweltkatastrophe, weil diese machtlosen Menschen sich nicht zu wehren wissen. Der Begriff  "environmental racism" (9) hat sich für diese Art der Diskriminierung eingebürgert. Mittlerweile ist die Zerstörung bestens dokumentiert, doch die Ölfirmen müssen immer weiter ins Meer hinaus - außer Reichweite des Bundesstaates Louisiana, dessen Hoheit sich nur rund 5 km ins Meer hinaus erstreckt. Zum Vergleich: Texas war unabhängiger Staat, bevor er der Union beitrat. Deshalb reicht die Hoheit von Texas rund 3-mal weiter ins Meer hinaus.
 
Das macht sich nicht nur bemerkbar, wenn es um den Schutz vor den Umweltauswirkungen der Öl- und Gasförderung geht, sondern auch wenn es um die Einnahmen geht, denn Louisiana profitiert entsprechend weniger als Texas von der Offshore-Ölföderung, die immer weiter hinaus ins Meer muss. Vor wenigen Jahrzehnten machten Einnahmen aus dem Ölsektor rund die Hälfte des Budgets von Louisiana aus; heute sind es nur noch gut 25%.
 
 
Nutria
Zudem wirkt sich eine eingeführte Art schädlich auf die Küste aus. Vor einigen Jahrzehnten wurden Nutrias,  Biberratten (10) in Louisiana freigesetzt. Ein gewisser Herr McIlhenny, dessen Name auf jeder Flasche Tabasco steht, interessierte sich stark für die Tierwelt - 1949 veröffentlichte er sein "Alligator's Life History" - und hielt ab 1938 auf seiner Chile-Plantage auf Avery Island - einem Salzstock, tiefer als der Mount Everest hoch ist - einige Exemplare dieser Spezies. Bald befreite sie ein Orkan von ihren Käfigen, und bereits 1962 wurden eine Million Nutria-Pelze aus Louisiana an Deutschland exportiert. 1978 waren es bereits 1,8 Millionen.
 
Am Anfang waren die Tiere geschätzt, weil sie die ebenfalls ungehemmt wachsende Hyazinthe fraßen, doch die unbändigen Biberratten schädigen mittlerweile das Wurzelwerk der Marschen und tragen somit zum Untergang der Küste Louisianas bei. Es wurde außerdem gemutmaßt, dass die Erddämme um New Orleans eventuell durch die Nutrias geschwächt gewesen sein konnten, als Katrina die Dämme überwältigte.
 
In der Fortsetzung schauen wir uns an, was gegen die Katastrophe gemacht werden könnte. 


LINKS:
(1) http://info.greenpeace.ch
(2) http://www.telepolis.de/r4/artikel/22/22030/1.html
(3) http://www.taz.de/pt/2003/07/17/a0086.nf/textdruck
(4) http://en.wikipedia.org/wiki/Oil_Storm
(5) http://www.aapg.org/explorer/2003/09sep/fourchon.cfm
(6) http://www.nola.com/katrina/graphics/flashflood.swf
(7) http://www.pbs.org/wgbh/amex/flood/sfeature/sf_footage.html
(8) http://www.archive.org/details/mississippi_flood_1927
(9) http://www.wcc-coe.org/wcc/what/jpc/echoes/echoes-17-02.html
(10) http://de.wikipedia.org/wiki/Nutria
Quelle:
Craig Morris - Petite Planète Translations 2006
veröffentlicht bei Telepolis
mit freundlicher Genehmigung des Autors
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